Charitykultur in Deutschland (akt)


Als ich Antiteilchens Verlinkung seines BlogArtikels „Funkelndes Mitgefühl“ auf Facebook entdeckte, war ich, gestrickt wie ich nun mal bin, gerne und schnell bereit einen Kommentar abzugeben, da ich den Tenor seines Artikels gut finde. Über den Kommentar eines Facebookers Will the people in the cheaper seats clap your hands? And the rest of you, if you’ll just rattle your jewelry… (John Lennon) mußte ich besonders grinsen, da er mir diesen Auftritt von dem ich damals in der Bravo nur las, wieder ins Gedächtnis rief.

Nichtsdestoweniger ging mir das Thema „Charity“ nicht aus dem Kopf. Elton John, Annie Lennox, Bill Gates, José Carreras, Karl Heinz Böhm um nur einige anzuführen die sich für Menschen einsetzen und engagieren. Natürlich ist bei Rockstars die sich, um bei HIV zu bleiben, auch ein Teil Eigen Marketing damit verbunden. Warum auch nicht. Doch es ist unbestritten das durch einen bekannten Namen „mehr Menschen erreicht werden“ als wenn sich Karl Mustermann für die gleiche Sache einsetzen würde. Dies ist keine Schmälerung des Engagements von Menschen die sich „ehrenamtlich“ für andere Menschen engagieren. Ganz im Gegenteil. Ohne Sie wäre der Alltag von vielen Menschen um einiges grauer, würde es um deren Lebensqualität noch schlechter bestellt sein als es ist.

Doch um auf das Thema „Charity“ und insbesondere „CharityKultur in Deutschland“ – falls es so etwas überhaupt gibt – zurückzukommen, in den USA würde man Personen die mit StrassSchmuck (ausser es is ne Motto Charity Veranstaltung) auf dem Red Ribbon an einer Charity Veranstaltung teilnehmen möchten, höchstwahrscheinlich an der Tür abweisen.

Kein Zweifel, New Yorks Reiche gehen stiften – und zwar mit solcher Exuberanz, dass Beteiligten und Außenstehenden schwindlig werden kann. Jüngstes Beispiel: der Spendencoup von Investmentmogul Warren Buffett, 76, der seinem Freund, dem Software-Tycoon Bill Gates sukzessive Aktien im Wert von 31 Milliarden Dollar für dessen Stiftung vermacht.

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Das Spenden im ganz großen Stil hat in Amerika Tradition. Kein Krankenhaus, keine Universität, kein Museum, keine Sozialeinrichtung, die nicht ihre Förderer auf Bronzeplaketten im Foyer würdigt, wenn sie die Gönner nicht gar im Namen trägt. Anders als die europäischen Staaten mit ihren ausgeprägten Sozialsystemen ist die amerikanische Gesellschaft auf privates Engagement und Initiative von Wohltätern angewiesen. Mehr noch, das Land der Selfmade-Kultur ist ganz und gar darauf angelegt. Das hat sowohl mit Religion als auch mit Mentalität zu tun: Der Protestantismus anglikanischer Prägung verlangt Tüchtigkeit und Erfolg; der aber verpflichtet den Erfolgreichen wiederum zu aktiver Nächstenliebe in Form von Spenden. Amerikaner zu sein, heißt auch, dem Staat mit einem tief verwurzelten Misstrauen zu begegnen. Dazu gehört, dass der Erfolgreiche seinen Erfolg in bester Pioniertradition mit Bedürftigen teilt. Dies umso mehr, als sich die staatlichen Sozialausgaben in den USA in engen Grenzen halten. Quelle

Besonders der letzte Satz „Dies umso mehr, als sich die staatlichen Sozialausgaben in den USA in engen Grenzen halten“ so fürchte ich wird in den nächsten Jahren in noch stärkeren Maß auch auf Deutschland zutreffen. Worte wie „Sozialabbau, Kürzungen im Gesundheitswesen, Härtefall“ werden uns in den nächsten Jahren noch mehrfach über die Lippen gehen.

Auch was die staatlichen, kommunalen, öffentlichen Zuwendungen, die Finanzierung der AIDS Hilfen betrifft, auch hier werden die Gelder nicht mehr in dem Maß fließen wie man es bisher gewohnt war. Nimmt der Bedarf von Menschen die auf die Unterstützung und die Hilfe von AIDS Hilfen hoffen bzw angewiesen sind ab? Ich fürchte eher das Gegenteil wird der Fall sein.

Mehr als zwei Drittel der Menschen mit HIV in Deutschland arbeiten. Doch was ist mir dem restlichen Drittel? HIV ist auf Grund der vorhandenen Medikamente gut behandelbar und zu einer chronischen Krankheit geworden. Doch nicht Jeder ist in der Lage einer Arbeit nachzugehen. Viele sind entweder Berufsunfähig geschrieben, beziehen wenn sie Glück haben eine kleine Rente oder sie sind auf HARTZ IV oder Hilfe zum Lebensunterhalt wie man es auch nennt, angewiesen. Und hier scheuen sich die Politiker mit zum Teil abenteuerlichen Begründungen, nicht Ihre politischen Spar-Programme auf dem Rücken derer die über ein „normales oder geringes Einkommen“ verfügen umzusetzen.

Nehmen wir s von denen die sowieso schon wenig haben. Sie sind es eh gewohnt mit wenig umzugehen. Also werden sie auch mit „noch weniger“ im Alltag klarkommen.

So oder so ähnlich muß es in den Köpfen, der von der Leyens, Westerwelles und wie sie alle heißen abgehen

Ein weiterer Aspekt der in den nächsten Jahren wie eine Welle über uns hereinbrechen wird ist das „Älter werden von Menschen mit HIV“. Und nicht nur für Menschen mit HIV wird dies zum Thema werden. Auch viele Schwule Männer und lesbische Frauen, viele aus der „Community“ die nicht über den erforderlichen finanziellen Rückhalt verfügen der ihnen ein Leben im Alter in Würde ermöglicht, werden sich mit dieser Thematik konfrontiert sehen. Schon heute können die „Regenbogendienste oder Gruppen wie die der Rosa Paten“ der div AIDS Hilfen den Bedarf an Pflege und Betreuung wie er erforderlich ist nicht mehr leisten.

Seinen Lebensabend in einem „normalen Altenheim“ zu verbringen oder besser gesagt verbringen zu müssen, das ist für viele heute unvorstellbar. Wobei dies für die meisten Menschen unvorstellbar ist.

Was Stiftungen betrifft – auch hier wird sich einiges ändern müssen. Die Deutsche AIDS Stiftung hat schon vor zwei Jahren ihre Schwerpunkte – Prioritäten verlagert.  Das ursprüngliche Ziel: Hilfe für Menschen mit HIV und AIDS in Not ist nach wie vor noch das Ziel, nur hat es sich geografisch verlagert. So makaber es klingen mag, das Bild vom „Leidenden Menschen mit HIV/AIDS“ ist dank der Versorgung mit HIV Medikamente aus Deutschland verschwunden. Und in gleichem Maß auch die Spendenbereitschaft für Menschen mit HIV und AIDS. Dennoch ist der Bedarf an Unterstützung vorhanden bzw angestiegen. Insofern wird sich auch auf dem „Stiftungsmarkt“ einiges ver – ändern müssen.

Was die Spendenbereitschaft betrifft ist die Frage nicht nur ob es möglich sein wird den Bedürfnissen der Menschen hier Rechnung tragen zu wollen und eine Rolle zu übernehmen die der Staat über Jahre erfüllte sondern ob man generell dazu bereit ist. Im Grunde genommen würde dies einen Paradigmenwechseln voraussetzen. In den USA ist es mehr oder weniger normal Reichtum zu leben. Hier in Deutschland ist das Gegenteil der Fall. Nur nicht auffallen, nur nicht zeigen das man Geld hat. Viel Geld zu besitzen Geld hat etwas anrüchiges an sich. Das Wort „Neidkultur“ ist ein typisches Deutsches Wort das unser Verhältnis zum Geld und letztendlich zur Bereitschaft zum „Teilen, abgeben“ ausdrückt. Da tun wir uns mehr als nur schwer. Wir sind, wenn wir ehrlich sind uns viel zu sehr und oft der Nächste. Da ändert auch die alljährliche inflätionäre Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch den Bundespräsidenten für „Ehrenamtler und Helden des Alltages“ nichts daran.

Letztendlich ist es also egal ob sie etwas oder was die Gäste die zu einer Charity Veranstaltung in Berlin, Düsseldorf, München oder Bingen am Rhein gehen, tragen. Die Hauptsache es kommt genügend Geld durch Eintritt, Losverkäufe und Spenden zusammen das zu 100 % – in diesem Fall an die AH Berlin – abgeführt wird.

Cherish the Charity – Schätze die Charity

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