DAIG und DAGNÄ: Stellungnahmen zum EKAF-Statement zur Infektiosität von antiretroviral behandelten HIV-Patienten


7. Oktber 2010: Stellungnahme DAIG – Deutsche Aidsgesellschaft e.V.

1.Hintergrund

Das Statement der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen (EKAF) aus dem Jahre 2008 hat national und international zu engagierten Diskussionen geführt. Nachdem die DAIG bereits im April 2008 eine kurze Stellungnahme veröffentlicht hatte 1 , sehen wir uns durch Internetbeiträge 2 und anhaltende Diskussionen erneut veranlasst, nochmals und ausführlich zur Frage der Infektiosität HIV-Betroffener Stellung zu nehmen.

Dies ist die Zusammenfassung unserer Schlussfolgerungen zum EKAF-Papier in gekürzter Form. Aus unseren Einschätzungen wird deutlich, dass die DAIG die kategorische EKAF-Interpretation „nicht infektiös“ in dieser Form nicht unterstützt.

2. Das EKAF-Statement

Das EKAF-Statement 3 hat ein zentrales Credo: Der HIV-infizierte Patient, die HIV-infizierte Patientin ist sexuell nicht infektiös, sofern die folgenden Bedingungen erfüllt sind:

  1. die antiretrovirale Therapie (ART) wird durch den HIV-infizierten Menschen   konsequent eingehalten und durch den behandelnden Arzt regelmässig kontrolliert;
  2. die Viruslast (VL) unter ART liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweis¬grenze (d. h., die Virämie ist supprimiert);
  3. es bestehen keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern (STD).

3. Die Einschätzung der DAIG

Zur Interpretation des EKAF-Statements haben wir versucht, aus zwei Perspektiven ausführlich Stellung zu nehmen. Einerseits aus Sicht der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage zur Übertragung von HIV, andererseits aus dem Blickwinkel ärztlicher Beratung und HIV-Prävention in Deutschland. Diese beiden Aspekte zählen wir zur Expertise und auch zum Aufgabenbereich der DAIG.

Nach unserer Bilanz ist in Abwägung der Ergebnisse der dem EKAF-Statement zugrunde liegenden Studien und aktueller Publikationen das Risiko für eine sexuelle HIV-Transmission von Menschen unter effektiver HIV-Therapie in Populationsstudien fester Partnerschaften und nach mathematischen Kalkulationen sehr gering, bleibt aber kumulativ und im Einzelfall bezifferbar und relevant. Dieses geringe Risiko ist essentiell von einer hohen Therapie-Adhärenz des HIV-Infizierten sowie dem Fehlen anderer sexuell übertragbarer Erkrankungen abhängig, also Bedingungen, die für die Sexualpartner u.U. schwer einzuschätzen sind.

Für feste diskordante Beziehungen favorisiert die DAIG eine ärztliche Beratung, die dem Paar hilft, zu einer gemeinsamen partnerschaftlichen Entscheidung über Schutzmaßnahmen zur HIV-Übertragung zu gelangen. Die DAIG unterstützt die Einschätzung, dass in festen diskordanten Partnerschaften nach eingehender Information und Beratung dem HIV-negativen Partner letztlich die Entscheidung obliegt, auf weitere Schutzmaßnahmen zu verzichten, wenn

  1. die antiretrovirale Therapie (ART) durch den HIV-infizierten Menschen konsequent eingehalten und durch den behandelnden Arzt regelmäßig kontrolliert wird;
  2. die Viruslast (VL) unter ART seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegt;
  3. keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern (STD) bestehen.

In allen Situationen sexueller Begegnungen von HIV-serodiskordanten Partnern außerhalb fester Partnerschaften empfiehlt die DAIG den Gebrauch von Kondomen, unabhängig vom Behandlungsstatus des HIV-infizierten Partners. Beiden Partnern kommt in diesen Situationen eine gleichberechtigte Verantwortung zu. Kondomgebrauch zu empfehlen sehen wir als ein wirksames Mittel zur HIV-Infektionsprophylaxe in realistischen Situationen, in denen unerkannte Kofaktoren die Reduktion der HIV-Übertragung durch die HIV-Therapie konterkarieren. Die DAIG ermuntert darüber hinaus alle im Bereich der HIV- und STD-Prävention tätigen Menschen und Institutionen, den Gebrauch von Kondomen bei sexuellen Kontakten außerhalb von festen Partnerschaften zur Verhinderung der HIV-Übertragung und Infektionen durch andere sexuell übertragbare Erkrankungen zu empfehlen. Quelle

*

29. Oktober 2010: Die dagnä-Position zu EKAF

Aktuelle Kommentierung des EKAF-Statements durch die Deutsche AIDS Gesellschaft (DAIG) und Position der dagnä zum EKAF-Statement

Angesichts einer weiterhin lebhaften und z.T. kontrovers geführten Diskussion zu den Auswirkungen des EKAF-Statements auf die Präventionsarbeit im Bereich HIV/Aids hat sich die Fachgesellschaft DAIG entschlossen, erneut und in ausführlicher Kommentierung auf das EKAF-Statement und dessen Aussagen zur Infektiosität antiretroviral behandelter Menschen mit HIV einzugehen (s. DAIG Stellungnahme zum EKAF Statement).

Die dagnä begrüßt diesen Schritt und unterstützt in vollem Umfang die dort differenziert vorgetragenen Überlegungen zur Infektiosität von antiretroviral behandelten Menschen mit HIV. DAIG und dagnä stehen in engem fachlichen Meinungsaustausch. Der Vorstand der dagnä schließt sich ausdrücklich der aktuellen Kommentierung der DAIG an.

Die dagnä verweist zudem darauf, dass im Spannungsfeld von individueller, medizinischer und juristischer Risikoeinschätzung immer der Einzelfall gesehen werden muss. Persönliches Schutzverhalten bei HIV, medizinische Beratung zur Minimierung eines Übertragungsrisikos und juristische Beurteilung eines möglichen Straftatbestandes können sich im Zweifelsfall widersprechen. Die Divergenz der Haltungen liegt im Auge des Betrachters.

Das EKAF-Statement hat in einer genau definierten Situation die Aussage gewagt, dass die Übertragung von HIV unter kontinuierlicher und erfolgreicher antiretroviraler Therapie bei Fehlen anderer sexuell übertragbarer Erkrankungen in einer serodiskordanten Partnerschaft nicht möglich ist.

Der dagnä-Vorstand kommt hier zu folgenden Aussagen:

  1. Das EKAF-Statement ist gut geeignet, darauf hinzuweisen, dass eine konsequent eingenommene antiretrovirale Kombinationstherapie das Risiko der HIV-Übertragung hochwahrscheinlich und mindestens in derselben Größenordnung reduziert wie das Kondom, wenn aktive sexuell übertragbare Erkrankungen ausgeschlossen sind.
  2. Der dagnä Vorstand begrüßt, dass das EKAF-Statement insofern Menschen mit HIV hilft, sich im Umgang mit der eigenen Infektion deutlich entlastet zu fühlen. Menschen mit HIV dürfen wissen, dass sie unter den im EKAF-Statement definierten Bedingungen das Virus hochwahrscheinlich nicht weitergeben.
  3. Die Schlussfolgerung des EKAF-Statements, eine HIV-Übertragung sei ausgeschlossen, weil der infizierte Partner/die infizierte Partnerin „nicht infektiös“ sei, wird in dieser Formulierung nicht geteilt. Das Risiko einer Übertragung von HIV ist – unter den skizzierten Bedingungen des EKAF-Statements – allerdings sehr gering, aber es ist – insbesondere auf Populationsbasis – nicht vernachlässigbar.
  4. Eine formale Übertragung der Aussagen zu den definierten Situationen des EKAF-Statements  auf andere definierte Situationen (z.B. Sex außerhalb der festen Partnerschaft, sexuelle Gelegenheitskontakte, anonymer Sex) kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht empfohlen werden.
  5. Die hohe Inzidenz und Prävalenz von sexuell übertragbaren Erkrankungen bei HIV-infizierten Männern, die Sex mit Männern haben, schränkt die Aussagen des EKAF-Statements in dieser Gruppe stark ein bzw. hebt diese auf. Deswegen wird im Sinne der Betroffenen bei Gelegenheits- und anonymen Kontakten weiterhin das Kondom angeraten.
  6. Die dagnä sieht beim Sex eine geteilte Verantwortung beider Sexualpartner, Vorkehrungen zur Vermeidung der Übertragung von HIV zu treffen. Im Einzelfall kann die ärztliche Beratung hier hilfreich sein. Die Übernahme der Verantwortung ist ausdrücklich auch unabhängig vom Serostatus stets von jedem Einzelnen zu fordern. Quelle

*

Etwas wischi waschi ist die Stelllungnahme von dagnä schon. Selbst die dagnä wird nicht es nicht bestreiten können, das ein HIV Positiver ungeachtet der Tatsache ob er eine funktionierende ART nimmt oder nicht, auf Grund der Benutzung eines Kondoms „juristisch gesehen“ OHNE den SexPartner über seinen Status „HIV Positiv“ in Kenntnis zu setzen, keinen justiziablen Straftatbestand erfüllt.

Einerseits sagt die dagnä das:

Das EKAF-Statement gut geeignet ist, darauf hinzuweisen, dass eine konsequent eingenommene antiretrovirale Kombinationstherapie das Risiko der HIV-Übertragung hochwahrscheinlich und mindestens in derselben Größenordnung reduziert wie das Kondom, wenn aktive sexuell übertragbare Erkrankungen ausgeschlossen sind.

. . . . das das Risko der HIV Übertragung wenn nicht sogar in einer größeren Größenordnung, zu einem höheren Prozentsatz als bei dem bestehenden Restrisiko eines Kondoms existiert, ausgeschlossen ist. Das ist die – eine – der Schlußfolgerungen – „mindestens wenn nicht sogar noch mehr, unwahrscheinlicher

Andererseits kommt die dagnä zu dem Schluß das:

Die Schlussfolgerung des EKAF-Statements, eine HIV-Übertragung sei ausgeschlossen, weil der infizierte Partner/die infizierte Partnerin „nicht infektiös“ sei, in dieser Formulierung nicht geteilt wird. Das Risiko einer Übertragung von HIV ist – unter den skizzierten Bedingungen des EKAF-Statements – allerdings sehr gering, aber es ist – insbesondere auf Populationsbasis – nicht vernachlässigbar.

Und genau mit dieser Aussage räumt die dagnä jedem Gericht die Möglichkeit ein, einem HIV Positiven der sich auf die im EKAF festgehalteten Bedingung beruft, einen justiziablen Straftatbestand zur Last zu legen, wenn er der Meinung ist das Sex unter EKAF Bedingung dem Sex mit einem Kondom gleichzusetzen ist und daher auf eine Frage ob man ein Kondom benutzen sollte mit NEIN antwortet.

Ja wie den nun meine Herren von der dagnä. Entweder trifft Punkt 1. Ihres Statements zu oder Punkt 3. So klingt es nach: Na ja ein bischen schwanger ist schon möglich . . . irgendwie.

Aber vielleicht versteh ich das alles auch nicht.

*

Nun ist es an der Politik, Justizminsiterium, BzgA, Rki und dem Gesundheitsministerium eindeutig Stellung zu beziehen.

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