Stellungnahme DAIG und DÄGNA: Zahnmedizinische Betreuung HIV infizierter Menschen


Nach fast 30 Jahren HIV in Deutschland berichten Menschen mit HIV immer noch darüber, dass es für sie schwer ist eine adäquate zahnärztliche Betreuung/Behandlung zu erhalten. Das Spektrum der Reaktionen reicht von offener Ablehnung und Diskriminierung über Verweise auf arbeitsintensive Hygienerichtlinien bis hin zu verzögerten Terminvergaben und separaten Behandlungszeiten.

Als wissenschaftliche Fachgesellschaft möchte die DAIG e.V., zusammen mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (DAGNÄ) e.V. nochmals betonen, dass bei der Behandlung HIV-Infizierter keine über die Standardmaßnahmen hinausgehenden hygienischen Anforderungen gelten bzw. erforderlich sind, um eine HIV-Übertragung zu verhindern.

Gemeinsame Stellungnahme von DÄGNA und DAIG

Sehr geehrte Zahnärztin, sehr geehrter Zahnarzt,

es ist ein Erfolg der antiretroviralen Kombinationstherapie, dass sich der Verlauf der HIV Infektion so drastisch und vorteilhaft verändert hat. Durch die Blockade der HIV-Replikation und die Rekonstitution des lmmunsystems bzw, durch Verhinderung eines lmmundefekts bei rechtzeitiger Therapieeinleitung, hat sich die Lebensqualität und -erwartung HIV-infizierter Menschen fundamental verbessert. Dadurch erfährt die HIV-lnfektion derzeit den Wandel von einer rasch tödlich verlaufenden Infektion zu einer chronischen behandelbaren Erkrankung. Wir können davon ausgehen, dass die regelmäßige Medikamenteneinnahme HIV-Betroffene eine nahezu normale Lebenswartung ermöglicht.

Dieser Fortschritt hat auch einige medizinische Aspekte und Schwerpunkte in der HIV Behandlung verlagert. Klassische Erkrankungen des Alters müssen mehr berücksichtigt werden und Aufgaben der Prävention und Prophylaxe treten zunehmend in den Vordergrund. Die zahnmedizinisch Beetreuung der HIV-Patienten spielt dabei eine gleichbleibend große Rolle 1 und die Kompetenz und Kooperation von HIV-Spezialisten soll lhnen bei lhren Aufgaben hilfreich zur Seite stehen.

HIV-Patienten berichten immer wieder darüber, dass es für sie schwer sei, eine adäquate Behandlung für ihre Zahngesundheit zu erhalten. Das Spektrum der Reaktionen, die sie wahrnehmen, reicht von offener Ablehnung und Diskriminierung über Verweise auf arbeitsintensive Hygienerichtlinien bis hin zu verzögerten Terminvergaben und separaten Behandlungszeiten. Auch die Fachliteratur ist sich dieser Problematik bewusst 2, obwohl berufsethische und -rechtliche Aspekte keine Abweisung oder Ungleichbehandlung HIV Betroffener rechtfertigen.

Um bei zahnärztlichen Eingriffen Übertragungsrisiken zu minimieren, müssen, wie in allen medizinischen Bereichen, Grundregeln der Hygiene beachtet werden. Diese beinhalten z .B. den Gebrauch steriler Einmalmaterialien, Reinigung und Desinfektion von Instrumenten und Geräten, die kontaminiert werden können, sowie den Einsatz persönlicher Schutzausrüstung und Barrieremaßnahmen 3. Kontaminierte trockene Abfälle aus Einzelfallbehandlungen entsprechend erkrankter Patienten (HlV, Virushepatitis) wie z.B. kontaminierte Tupfer, OP Abdeckungen, Watterollen o.ä. bedürfen keiner gesonderten Sammlung und Behandlung, sondern können im normalen Praxisabfall entsorgt werden.

Diese Standardhygienemaßnahmen gelten für alle Patienten und nicht nur für solche, bei denen eine Infektion mit einem blutübertragbaren Erreger bekannt ist 4. Täglich werden in Deutschland Hunderte von Patienten mit chronischen blutübertragbaren viralen Infektionen (HBV, HCV, HIV) behandelt, ohne dass es dabei a) zu einer nennenswerten Gefährdung medizinischen Personals oder anderer Patienten kommt. Es ist wahrscheinlich, dass in vielen, möglicherweise sogar der Mehrheit dieser Fälle, das Vorhandensein einer entsprechenden Infektion den Beteiligten nicht bekannt ist.

Als wissenschaftliche Fachgesellschaft möchte die DAIG e.V, zusarnmen mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassene Ärzte in der Versorgung HIV-lnfizierter (DAGNA e .V.) nochmals betonen, dass bei der Behandlung HfV-lnfizierter keine über die o.g. Maßnahmen hinausgehenden hygienischen Anforderungen gelten bzw. erforderlich sind, um eine HIVÜbertragung zu verhindern. Wir möchten in diesem Zusammenhang auch auf die Ergebnisse verschiedener Studien hinweisen, die nahe legen, dass sich das Risiko einer sexuellen HIV Übertragung durch eine effektive antiretrovirale Therapie des HIV-infizierten Partners bei einer im Blut nicht nachweisbaren Viruslast (<50 Kopien HIV-RNA/ml Plasma) drastisch reduziert 5. Diese Risikoreduktion kann in gewissem Umfang auch für medizinische Eingriffe angenommen werden, obwohl keine verlässlichen Daten dafür vorliegen, und ohne dass sich daraus Änderungen der o.g. Hygienestandards herleiten müssen.

Zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen empfiehlt die DAIG bzw. DAGNÄ, sich bei Fragen bzgl. der Interaktion von antiretroviralen Medikamenten, einer antibiotischen Prophylaxe oder ggf. einer Postexpositionsprophylaxe (PEP)6 an die betreuenden HIV-Spezialisten der Patienten in lhrer Nähe zu wenden. Weitere Auskünfte zu diesen Fragen geben auch gerne die sachkundigen Mitglieder und Ansprechpartner der DAIG und DAGNÄ. Auf den Internetportalen der DAIG und DAGNÄ sind darüber hinaus entsprechende Informationsmaterialien und Adressen niedergelassener und universitärer HIV-Schwerpunktbehandler zu finden 7. Sie sind herzlich eingeladen, diese Informationsquellen zu nutzen, um sich Rat und Unterstützung einzuholen.

Die Übertragungswege von HIV sind bekannt. Sie sind im medizinischen Bereich mit denen von HBV und HCV identisch. Viele Patienten wissen nicht um lhre Infektion. Etliche Patienten fühlen sich auf Grund negativer Erfahrungen mit einer Offenlegung gesellschaftlich stigmatisiert. Das begünstigt Situationen, in denen Patienten ihre Infektionen mit z.B. HlV, HBV oder HCV dem behandelnden (Zahn)Arzt verschweigen. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit wird dadurch oft erheblich erschwert. Die DAIG und die DAGNÄ möchten durch sachkundige Information und Aufklärung dazu betragen, Ängste und Vorbehalte medizinischen Personals im klinischen Umgang mit HIV-Betroffenen abzubauen. Wir wollen damit die Zusammenarbeit der medizinischen Fachdisziplinen und nicht zuletzt das Wohl unserer gemeinsamen Patienten und die therapeutischen Erfolge der HIV-Medizin festigen und weiter verbessern.

Vorstand der DAIG e.V.
Prof. Jürgen Rockstroh, Bonn
Prof.Hans-Jürgen Stellbrink, Hamburg
Dr. Annette Haberl, Frankfurt
Dr. Stefan Esser,E ssen
Prof. Georg Behrens, Hannover

Vorstand der DAGNÄ e.V.
Dr. rned. Hans Jäger, München
Dr. med. Stephan Klauke, Frankfurt. M.
Dr. med. Christoph Mayr, Berlin
Dr. rned. Carl Knud Schewe, Hanrburg
Dr. med. Susanne Usadel, Freiburg

Quelle: DAIG  News-Presse-Newsmeldungen

Die Quellenangaben zu den Fußnoten 1-7 möge man bitte der pdf Datei entnehmen. Die Übertragung wäre zu chaotisch geworden, da mein Blog keine entsprechende Formatierungsmöglichkeiten ermöglicht.

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Dank an Matthias Gerschwitz für den Hinweis !

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