Kashmir


Es war kurz nach Ostern, an das Jahr konnte sich niemand mehr erinnern, als eines Morgens ein Möbelwagen von Pferden gezogen vor dem Haus anhielt. Die Möbel auf dem Wagen waren alle aus Eichenholz und so war es kein Wunder, dass den Pferden vor Anstrengung der Schweiß über den Rücken herunterlief. Das erste was der Mann tat nachdem er vom Kutschbock herabgestiegen war, er ging zu den beiden Pferden und legte ihnen eine Decke über den Rücken. „ Ihr habt ein langes Stück Weges hinter euch gebracht“, sagte er zu ihnen, während er beiden liebevoll über die Nüstern strich und ihnen Äpfel und Möhren, die er aus seiner Jacke holte vor s Maul hielt. Die Pferde schnaubten, scharrten mit den Hufen und rieben ihre Köpfe an der Schulter des Mannes, so als würden sie ihn verstehen.

Das Alter des Mannes war schwer abzuschätzen. Man konnte ihn weder alt noch jung nennen. Sein Haar war an den Schläfen leicht ergraut, doch ein Blick in sein Gesicht und insbesondere in seine Augen ließen einen zu dem Schluss kommen, dass er nicht älter als 35 Jahre sein konnte. In Wahrheit war er sehr viel älter, doch das ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand. Er trug eine Hose aus feinem Cord und ein Hemd aus einem Stoff, das so fein gewebt war wie man es hier noch niemals vorher gesehen hatte.

Mittlerweile hatten sich eine Menge neugieriger Kinder um ihn herum versammelt während sich langsam ein Fenster nach dem anderen öffnete und sich mit den Bewohnern des Hauses füllte.
 Grüß Gott, sagte er zu jedem der Bewohner des Hauses, dass von einem Lächeln begleitet wurde. Das ist doch die Hausnummer 66? Ein einstimmiges Gemurmel verstand er als eine Bejahung seiner Frage. Na dann wollen wir mal, sagte er mehr zu den ihn umgebenden Kindern als zu sich selbst. Will vielleicht jemand von Euch mir beim tragen der Möbel zur Hand gehen, fragte er lächelnd in die Runde während er einem der Kinder einen Apfel zuwarf? Als nach einem zögernden Blick zu dem einen oder anderen Elternteil die aus den Fenstern schauten kein Einwand kam, war das Eis gebrochen. Innerhalb kürzester Zeit waren die Möbel vom Wagen abgeladen, in die leere Wohnung im Erdgeschoss gebracht und nach den Wünschen des Mannes aufgestellt. Es waren wie gesagt Kinder die ihm beim Möbel abladen und tragen halfen und es war erstaunlich das bei keinem von Ihnen auch nur die geringste Anstrengung festzustellen war.

Eichenmöbel sind nicht gerade Möbel die man einfach nur mal so heben und tragen konnte. Und besonders nicht von Kindern. Doch es war so. Zuerst glaubten die Eltern ihnen beim Abendessen nicht, waren sich sicher das sie wie schon des öfteren prahlten. Aber insgeheim waren sie doch verwundert. Wie konnte es sein, fragten sie sich, als die Kinder im Bett lagen, das die schweren Eichenmöbel von einem Mann und einer Handvoll Kindern vom Wagen abgeladen, in die Wohnung getragen und aufgestellt wurden? Und das alles in der Zeit die man brauchte um einen Topf Kartoffeln zu schälen und gar zu kochen? Na ja, vielleicht waren die Möbel auch gar nicht aus Eichenholz. Was verstehen die Kinder schon davon. Damit war dieses Thema ein für allemal erledigt.

Noch bevor die Sonne aufging verließ der Mann am nächsten Morgen seine Wohnung und kam erst nach Sonnenuntergang zurück. In diesem Viertel wohnten nur Handwerker oder Arbeiter. So war es also nichts außergewöhnliches wenn einer früh zur Arbeit ging und spät Abends nach Hause kam. Die Leute fingen erst an sich Fragen zu stellen, als er auch Sonntags die Wohnung vor Sonnenaufgang verließ und erst nach Sonnenuntergang wieder zurückkehrte. Zuerst dachte man das er einen Ausflug in die nähere Umgebung machen würde. Schließlich war er ja neu hier in der Gegend. Aber als er Sommer wie Winters auch Sonntags früh das Haus verließ und erst spät Abends zurück kam, da wunderten sich die Leute doch. Sonntag ist Feiertag, sagten sie. Und es ist nur Recht und Billig wenn man sich an diesem Tag ausruhte. Verwundert schüttelten die Erwachsenen die Köpfe und fragten sich was er wohl so treibe. Obwohl es niemand ausgesprochen hatte, verstanden die Kinder diese Frage der Eltern als Aufforderung ihm früh morgens, wenn er das Haus verließ, zu folgen.

In einigem Abstand, immer darauf bedacht sich in einer Ecke oder einem Hauseingang zu verbergen falls er sich umdrehen sollte, folgten ihm die Kinder. Natürlich hatte er bemerkt das sie ihm folgten, aber er ließ sich nichts anmerken. Ja er tat geradezu so als solle niemand wissen wohin er ginge. Mal blieb er lange vor einem Schaufenster stehen, dann als sei er unschlüssig welchen Weg er nun einzuschlagen habe, schaute er sich suchend nach einem Straßenschild um. Die ihm folgenden Kinder bekamen jedes Mal einen Schrecken, dachten, jetzt habe er entdeckt das man ihm nachspionierte. Er aber ging seelenruhig weiter und tat so als hätte er nichts bemerkt.

Eben hatten die Kinder noch gesehen wie er in eine Gasse einbog und im nächsten Moment schien es, als hätte ihn der Erdboden verschluckt. Sie konnte es sich einfach nicht erklären wie so etwas möglich sein konnte. Es war eine enge Gasse die, es war ja noch früh am Morgen, im Halbschatten lag. Die Häuser waren nur schwer gegen das Grau der Pflastersteine auszumachen. Im Grunde genommen war es mehr ein Erahnen als ein Erkennen. Zögernd standen die Kinder am Eingang der Gasse und waren sich unschlüssig ob sie die Gasse betreten oder lieber kehrt machen und nach Hause gehen sollten. In dieser Gegend waren sie noch niemals vorher gewesen. Sie war ihnen völlig fremd und so war es nicht verwunderlich das sie sich fürchteten. Aber das würden sie natürlich niemals zugeben. Gerade wollten sie sich wieder auf den Weg nach Hause machen, als ein Sonnenstrahl über den Dächern auf die Gasse fiel. Als sie sich umdrehten hörten sie wie ein Rollladen hochgezogen wurde, eine Tür in einem der Häuser geöffnet wurde und der Mann auf die Strasse heraustrat.

Habt ihr Lust auf eine Tasse heiße Schokolade, fragte er die Kinder? Es ist noch recht kühl, sagte er, schlug die Arme um seinen Körper und ging in das Haus hinein. Die Kinder schauten sich fragend an. Langsam und zögernd gingen sie auf das Haus zu. Als sie näher kamen sahen sie das es ein kleiner Lebensmittelladen war. Na kommt rein sagte er, ich tue Euch nichts. Verwundert betraten sie den Raum. Als sich ihre Augen schließlich an das Licht im Laden gewöhnt hatten, blieben sie wie verzaubert stehen. Solche Waren hatten sie noch nie gesehen. Das hier sagte der Mann und nahm eine gelbe nierenförmige Frucht in seine Hand, ist eine Mango aus Kaschmir. Keine andere Mango kann sich mit ihr an Geschmack und Geruch messen. Vorsichtig begann er die Schale der Frucht mit seinen Fingern wie die einer Apfelsine zu entfernen. Sie war überreif und der Geruch der ihr beim Schälen entströmte ließ den Kindern das Wasser im Munde zusammen laufen. Wie mag sie wohl erst schmecken, fragten sie sich insgeheim. Lächelnd bot der Mann jedem Kind ein Stück an. Die Augen so glänzend wie der Saft der von der Mango herunterlief griffen sie zu.

Das hier sind getrocknete Feigen aus dem Iran, dies hier sind Pistazien und hier, das sind Granatäpfel aus Spanien. Dann ging er zu einem Schrank, öffnete eine Schublade und holte einen kleinen Glasbehälter hervor. Dies sagte er, ist das Gold unter den Gewürzen. Safran. Vorsichtig hob er das Glas in die Höhe und hielt es in das Sonnenlicht das den Laden mittlerweile durchflutete. Blutrot leuchtende kleine, haarfeine Fäden befanden sich in dem Glas. Was glaubt ihr, wie viel werden diese wiegen, fragte er die Kinder? Vorsichtig entfernte er den Deckel und schüttete den Inhalt auf ein weißes Stück Papier, das er auf eine kleine Waage legte. Es war ein Haufen so groß wie ein Hühnerei. Langsam neigte sich der Zeiger der Waage nach unten um auf 6 stehen zu bleiben. 6 Gramm sagte der Mann mit einem blitzenden, Lächeln in den Augen. Dann füllte er den Safran wieder in das Glas, verschloss es und stellte es in den Schrank zurück.

Langsam ging er in den hinteren Teil des Ladens. Ich weiß ja nicht wie es um Euch steht, aber ich habe Hunger. Ja, wir auch, murmelten die Kinder. Und ich habe Durst, sagte der Kleinste von Ihnen. 
Na dann kommt und lasst uns essen und trinken. Als er in der Küche angekommen war stellte er einen Topf Milch auf den Herd, holte frisches Brot aus dem Brotkasten und fing an den Küchentisch zu decken. Marmelade, Honig sowie getrocknetes und frisches Obst durften selbstverständlich nicht fehlen. Als die Milch heiß war nahm er sie vom Herd, gab einige Esslöffel zerstoßene Schokolade hinein und stellte das Getränk auf die Mitte des Tisches. Bedient euch sagte er, wies auf die Früchte und das Brot und schenkte jedem von ihnen von der heißen Schokolade ein. Ihr habt doch bestimmt eine Menge Fragen, sagte er nach einer Weile. Ich kann es Euch regelrecht an Euren Nasenspitzen ansehen.
Von solchen Früchten haben wir noch niemals vorher gehört, sagte eines der Kinder. Wo kommen sie her? Wie kommen sie hierher? Warum gibt es sie nur bei Ihnen und sonst nirgendwo in der Stadt zu kaufen? Solche und ähnliche Fragen stellten sie ihm. Nur schön der Reihe nach. Ich werde sie Euch alle beantworten. Vorher müsst ihr mir aber eines versprechen. Das was ich Euch jetzt zeige müsst ihr für Euch behalten. Ihr dürft niemand davon erzählen. Ja das machen wir, sagten die Kinder wie aus einem Mund. Ist doch klar sagte einer der Kinder mit vollem Mund während ihm der rote Saft eines Granatapfels am Kinn heruntertropfte.

Lange blickte der Mann jedes einzelne Kind an. Na gut sagte er, dann kommt mal mit. Er stand von seinem Stuhl auf, schob ihn zurück und ging aus der Küche. In der Tür drehte er sich um, schaute die Kinder, die immer noch auf ihren Stühlen saßen, an und sagte lachend: Ich denke ihr wollt wissen wo all die herrlichen Früchte und Nüsse herkommen. Ihr braucht Euch nicht zu fürchten, sagte er und wartete bis alle Kinder bei ihm waren. Er nahm das jüngste Kind an die Hand und betrat einen Flur, der von der Küche in einen der hinteren Räume führte. Wenn man das Haus von außen betrachtete, dann war es jedem klar, dass es nicht mehr als 3 oder 4 Zimmer und einerKüche haben würde, so klein war es. 2 Zimmer im Erdgeschoss und 2 Zimmer im ersten Stock. Alle Häuser in dieser Strasse waren so gebaut, klein und schmal.

Schließlich kamen sie in einem Raum an dessen anderem Ende sich ein großes Tor befand. Der Mann drehte sich lächelnd zu den Kindern um, nahm die Türklinke in die Hand und drückte sie langsam herunter. Vorsichtig, so als ob er etwas zerbrechliches in der Hand hätte, öffnete er das Tor. Vor Ihnen lag eine Sommerwiese voller bunt blühender Blumen. Im Licht der warmen Sommersonne sah man unzählige Schmetterlinge einen Reigen tanzen während in der Ferne die Schnee und Eis bedeckten Gipfel eines gewaltigen Gebirges leuchteten. Die Kinder glaubten ihren Augen nicht zu trauen. Voller Staunen und mit offenen Mündern standen sie da und wagten kaum zu atmen. Eines der Kinder drehte sich um, doch da wo eben noch das Tor war, durch das sie gekommen waren, war nichts. Kein Tor, von einem Haus ganz zu schweigen. Sie standen inmitten dieser Wiese.

Babu, Babu, schön das du wieder da bist rief ein junges Mädchen, das lachend und vor Freude hüpfend über die Wiese geradewegs in die Arme des Mannes gerannt kam. Das ist meine Tochter Aswati sagte er zu den Kindern und auf die Kinder deutend sagte er, das sind meine neuen Freunde.

Wo sind wir, fragte eines der Kinder ungläubig, die allmählich wieder zu sich selbst kamen. Wisst ihr das nicht? Hat Euch mein Vater nichts gesagt, fragte Aswati und warf Ihrem Vater einen schelmischen Blick zu. Wir sind in Kashmir sagte Aswati. Die Schnee und Eisbedeckten Gipfel die ihr dort in der Ferne seht, sagte Aswati auf das Gebirge deutend, gehören zum Himalaya. Und die Stadt, die von einem blauen See umgeben ist, das ist Shrinagar. Erst jetzt sahen die Kinder einen See mit blaugrünem glasklarem Wasser auf dessen Oberfläche Tausende von Lotussblumen blühten. Auf dem See lagen große flache Boote auf denen Häuser aus Holz standen. Dort wohnen wir, sagte Aswati und deutete auf ein Boot. Kommt, ich zeige euch wie wir wohnen, sagte Aswati und wollte schon losrennen als sich ihr Vater räusperte. Das geht jetzt leider nicht, sagte er. Wir haben nicht mehr viel Zeit und müssen zurück. Ach ja, sagte Aswati traurig aber ihr kommt doch bestimmt wieder, oder? Fragend schaute sie die Kinder an und diese nickten so als ob es das natürlichste auf der Welt sei. Oh, das ist schön, sagte Aswati freudestrahlend. Dann können wir zusammen spielen und ich zeige Euch wie ich wohne, sagte sie und lief hüpfend und springend davon, genauso so wie sie gekommen war.

So sagte der Mann, dann wollen wir uns mal wieder auf den Heimweg machen. Mit dem rechten Arm machte er ein paar kurze Bewegungen in der Luft und dort wo eben nichts anderes als die Wiese war, war auf einmal das Tor durch das sie vor kurzem erst gekommen waren. Ganz vorsichtig öffnete der Mann das Tor und trat gefolgt von den Kindern in den Raum des Hauses ein, in dem sie vor einer kleinen Weile noch zusammen am Küchentisch saßen und frühstückten. Er begleitete sie zur Haustür, schaute jedem Kind lächelnd tief in die Augen, strich jedem über das Haar und verabschiedete sich von Ihnen. Bis zum nächsten Sonntag sagte er. Dann drehte er sich um und verschwand in seinem Haus.

© Wolfgang Kirsch

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Eine Antwort zu Kashmir

  1. Sugar schreibt:

    Eine schöne Geschichte! Hättest doch ein Geschichtenerzähler werden sollen!

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