Wie Abbott durch Produktverfügbarkeitspolitik die Solidargemeinschaft schädigt (akt 1)


Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag von Leviathan . . .

Am 23. August hatte ein Bekannter ein Rezept für Norvir-Lösung eingelöst. Die Lösung besitzt eine Haltbarkeit von 6 Monaten. Da man aber selten produktionsfrische Norvir-Lösung erhält, bat er in der Apotheke darauf zu achten, daß die Lösung noch mindestens 5 Monate haltbar ist. Eine Packung Norvir-Lösung enthält 5 Flaschen à 90 ml. Leider gab es weder bei den Großhandlungen, noch bei Abbott selbst Norvir-Lösung, die länger als bis zum November 2010 haltbar wäre. Dies bedeutete, daß er von 5 Flaschen in der Packung mindestens zwei entsorgen kann, da eine Flasche für über einen Monat reicht, wenn man von der üblichen Dosierung von 2x100mg Norvir pro Tag ausgeht.

Bei einem Preis von 619,54 Euro für die Packung bedeutet dies, daß fast 250 Euro entsorgt werden können.

Wie man sieht, hat Abbott durch eine schlechte Produktverfügbarkeitspolitik sich eine gute Möglichkeit geschaffen, den Profit auf Kosten der Solidargemeinschaft zu steigern.

Persönlich halte ich Abbott für eines der fragwürdigsten Pharmaunternehmen, die es gibt. Denn bekanntlich hat sich dieses Unternehmen in Umgang mit HIV-Infizierten in der Vergangenheit nicht gerade als Wohltäter hervorgetan (siehe Linkliste am Ende dieses Beitrags)

Hinzu kommen persönliche negative Erfahrungen wie die hier geschilderte mit der Norvir-Lösung, der Kaletra-Lösung und erschreckende Erfahrungen mit Mitarbeitern von Abbott in Deutschland, die es mitunter mit dem Datenschutz wenig genau nehmen.

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Kaletra Intermezzo

Nun hatte ich recht bald festgestellt, daß es mir unmöglich war, den Fläschchen die laut Packunsgangaben enthaltenen 60ml zu entnehmen. Es war immer eine Minderbefüllung vorhanden, so daß eine Packung mit 5x60ml statt 30 Tage nur für 27-28 Tage ausreichte.
Bei einem Listenpreis pro Packung von 746,59 Euro beschwert man sich natürlich beim Hersteller, der Abbott GmbH & Co.KG in Ludwigshafen. Dieser brauchte allerdings ewig lange, um mir eine abschließende Beurteilung der genannten Chargennummer zukommen zu lassen, die aber recht allgemein gehalten und nicht wirklich Bezug auf die spezielle Charge nahm. Um es kurz zu machen, zitiere ich hier den relevanten Teil aus der schriftlichen Stellungnahme von Abbott Deutschland:

Quote Abbott:

Das Zielvolumen pro Flasche beträgt 61,00 ml und die untere Spezifikationsgrenze beträgt 60,00 ml. Aufgrund der Spezifikation und den durchgeführten Kontrollen während der Abfüllung beträgt das Volumen pro Flasche mindestens 60,00 ml.
Die Kaletra Lösung wird mittels den beigefügten Spritzen aus der Flasche entnommen. Hierbei kann es je nach Entnahmetechnik zu geringfügigen Volumenverlusten kommen.

Unquote Abbott

Angesichts der Tatsache, daß ich während meines Studiums unzählige milimitergenaue Volumenentnahmen zwecks chemischen Experimenten und Analysen durchführte, halte ich eine fortwährende falsche Entnahmetechnik für relativ unwahrscheinlich. Verbleiben also nur die Möglichkeiten, daß entweder die in der Kaletra-Packung enthaltenen Spritzen nicht hinreichend genau sind oder daß Abbott zwecks Profitmaximierung gezielt Mindermengen abfüllt. Was zutrifft, kann ich als einzelner Betroffener schlecht beurteilen. Vielleicht sind noch anderen Personen derartige Mindermengen aufgefallen?

Und noch ein Schmankerl am Rande. Mit dem Datenschutz gehen manche Mitarbeiter wie die Quality Assurance Managerin, die mir die Antwortmail geschrieben hat, mitunter eher lax um.
Ich hatte meine behandelnde Ärztin über meine Beobachtung der Mindermengen der Kaletra-Lösung informiert und diese wiederum hatte das gegenüber einem Abbott-Vertreter erwähnt. Interessanterweise wurde die oben erwähnte Antwortmail von Abbott aber sowohl an mich als auch an die Ärztin als gleichzeitige Adressaten verschickt. Nur leider hatte ich gegenüber Abbott nie die behandelnde Ärztin erwähnt und die Ärztin hatte auch mich nicht namentlich erwähnt.
Ich hoffe, meine umgehende Beschwerde beim Datenschutzbeauftragten sorgte für eine Sensiblisierung der entsprechenden Mitarbeiterin bezüglich des Datenschutzes. Immerhin kam noch eine schriftliche Stellungsnahme per E-Mail von Abbott.

Ach ja, ich hatte es auch versucht, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) über die von mir festgestellten Fehlmengen zu informieren, da wurde ich aber von Pontius an Pilatus als zuständige Person verwiesen und schließlich hieß es nur, „das Haus“ sei der Ansprechpartner und ich solle die Beschwerde statt telefonisch schriftlich einreichen. Das habe ich dann bleiben lassen, Beschwerden an „das Haus“, ohne daß man einen konkreten Ansprechpartner hat, verschwinden bekanntlich um so leichter.
Die Mitarbeiterin der Krankenkasse, mit der ich gesprochen hatte, ergab sich mehr einer gewissen Resignation, daß eine eventuelle Fehlmenge egal sei, da andernfalls der Hersteller sonst den Preis anheben könnte und sich dadurch keinerlei Einsparungen ergäben.

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Im aktuellen Fall hatte er am 23. August telephonisch und in Folge per E-Mail bei der Pressesprecherin von Abbott in Deutschland angefragt. Leider kam bislang keine Erklärung von Seiten Abbotts, so daß er wirklich von einem bösartigen Vorsatz ausgehe, auf Kosten der Solidargemeinschaft den Umsatz und Gewinn zu erhöhen.

Auf Nachfrage wurde ihm am 1. September mitgeteilt, daß die Person, die seine Frage beantworten könne, erkrankt sei. Nun ja, das ist für diese Person bedauerlich, aber es ist kaum vorstellbar, daß im ganzen Unternehmen nur eine Person exisitiert, die über derart exklusives Wissen verfügt.

Leider wurden schon in der Vergangenheit Anfragen seinerseits an Abbott sehr, sehr schleppend (und oft erst auf Nachfrage) beantwortet, so daß man auch hier einen Vorsatz vermuten könnte.

Die Antwortmail vom 2. September an einen Mitarbeiter, der ihn bat, Fragen zum Thema HIV zukünftig direkt an ihn zu richten, ist auch noch unbeantwortet. Möglicherweise ist dieser Mitarbeiter nun auch erkrankt.

Unter anderem stellte er ( der Bekannte) die Frage, warum der Norvir-Lösung keine Spritze beiliegt, um 1,25ml (entsprechend 100mg Ritonavir) zu entnehmen, denn keiner nutzt Norvir heutzutage noch als antiretroviralen Wirkstoff, sondern als Pharmakoenhancer, so daß der Meßbecher schon seit langem obsolet wäre. Als Fachmann für HIV/Aids bei Abbott sollte er das doch eigentlich beantworten können.

Besonders interessiert an einem Dialog mit Konsumenten scheint Abbott nicht zu sein.

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Update 09.09.2010

Auf eine Erinnerungsmail von mir vom 8. September kam heute am 9. September schon eine Antwort. Immerhin die Frage nach Norvir und der Dosierungshilfe bzw. der potentiellen Verfügbarkeit kleinerer Packungsgrößen wurde nun beantwortet.

[E]ine 1×90 ml-Packungsgröße Norvir Lösung wird im September 2010 bei der EMA zur Zulassung eingereicht. Im Zuge dieser Packungsänderung wird der Messbecher durch eine Dosierspritze ersetzt, sofern die Zulassung durch die EMA erfolgt.

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Update 14. September 2010

Auf der Webseite Knowledge Ecology International findet sich ein aktueller Preisvergleich zu Abbotts Norvir (als Tabletten und Lösung).

Jährliche Kosten von täglich 2x100mg Norvir (als Weichkapseln) (Preise vom August 2010)

In Deutschland kosten 84 Weichkapseln 162,11 Euro, 30 Filmtabletten 64,08 Euro und 5x90ml Lösung 619,54 Euro.
Die Kosten pro 100mg Norvir sind für Deutschland (Umrechnung in US-Dollar mit 1,28):
Weichkapseln: 1,93 Euro (Jahreskosten: 1408,81 Euro ≙ 1803,28 US-$)
Filmtabletten: 2,14 Euro (Jahreskosten: 1559,28 Euro ≙ 1995,88 US-$)
Lösung: 1,72 Euro (theoretisch, da es wie in diesem Thread beschrieben Probleme mit der Verfügbarkeit maximal haltbarer Lösung gibt, außerdem ist die Menge von 1,25ml mit den in Apotheken verfügbaren Spritzen zum Abmessen nicht exakt dosierbar; entweder man dosiert 1,2ml oder 1,3ml) (Jahreskosten: 1256,29 Euro ≙ 1608,05 US-$)

In der Graphik läge Deutschland also hinter Dänemark und vor Österreich im Hochpreisgebiet.

http://keionline.org/prices/ritonavir

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Linkliste

The Public Patent Foundation (PUBPAT) announced today that it has formally asked the United States Patent and Trademark Office to reexamine eight patents held by Abbott Laboratories (NYSE: ABT) relating to the critical HIV/AIDS drug ritonavir, which is marketed by the Chicago, Illinois pharmaceutical giant under the name brand Norvir.

In its requests, PUBPAT submitted previously unforeseen prior art proving that the patents should not have been granted. PUBPAT also cited recent Federal Circuit case law that supports its detailed arguments for nullification of the eight patents.

The challenged patents, U.S. Patents Nos. 5,541,206, 5,635,523, 5,648,497, 5,674,882, 6,037,157, 6,703,403, 7,148,359, and 7,364,752, are the eight patents listed in the FDA’s Orange Book for the 100mg ritonavir tablet approved on February 10, 2010. This tablet is heat stable and does not need to be refrigerated like prior versions of the drug, making it much more convenient for patients.

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