Gratwanderung oder Grenzüberschreitung


Real Man – Joe Jackson
Aus dem Album Night and Day

You don’t want to sound dumb
Don’t want to offend
So don’t call me a faggot
Not unless you are a friend

*
Du willst nicht dumm aussehen,
willst niemanden verletzten,
Dann nenne mich nicht „Schwuler“,
es sei denn, Du bist mein Freund
*
Diese Weisheit sollte sich im Grunde genommen mittlerweile auch unter Journalisten rumgesprochen haben. Mitte der 70 ger Jahre, in der Zeit, in der US-Amerikaner afrikanischer Herkunft sich auf die Suche nach ihren Wurzeln machten war es üblich und bekannt, dass sich Amerikaner afrikanischer Herkunft untereinander umgangssprachlich im Alltag mit  „Nigger“ anredeten. Wurde dieser Begriff von Weißen benutzt, dann war und ist es auch heute noch eine Beleidigung, eine diskriminierende Äußerung gegenüber einer bestimmten Gruppe innerhalb der amerikanischen Bevölkerung. Den etymologischen Hintergrund des Wortes bzw. die semantische Entwicklung und ob sich Amerikaner afrikanischer Herkunft dessen bewußt sind wenn sie untereinander das Wort „Nigger“ verwenden, sei jetzt einmal dahingestellt und würde auch zu weit führen.

Trotz aller Bemühungen um Entstigmatisierung und Entdiskriminierung von Menschen mit einer anderen Lebensführung bzw. einer anderen sexuellen Orientierung als diejenige, die eine Heterosexualität als soziale Norm postuliert, die Bezeichnungen „Schwulympia“ und „Schwuttgart“ sind mit Vielem konnotiert, nur mit einem nicht: Weder mit einem positiven Inhalt noch mit Wortwitz geschweige denn ist es ein Wortspiel. Vordergründig wird natürlich jeder Schreiberling, der sich solch dümmlicher Peinlichkeiten bedient hat, darauf pochen und sich ob seiner terminologischen Fähigkeiten damit brüsten, dass es ein „Wortspiel“ sei.

*

*

Dass Medien viel zu einer Haltung, zu welchem Thema auch immer innerhalb der Gesellschaft beitragen, das steht mittlerweile außer Frage. Ob es sich um Parteipolitik oder um aktuelle Themen in der Gesellschaft handelt, die Medien haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Meinungsbildung und die Wahrnehmung von „Sachverhalten“, wie etwas zu verstehen ist. Das sie eine bestehende Haltung nur aufgreifen und sie medial nur wiederspiegeln ist eine Mär. Medien agieren heute ganz bewusst, wenn es gegen oder für eine Sichtweise oder eine politische Richtung geht und tragen so maßgeblich zum gesellschaftlichen Klima innerhalb einer Gesellschaft bei.

Schaut man sich die Besitzverhältnisse von Tageszeitungen an, so wird man feststellen, dass es nur noch wenige Tageszeitungen gibt, die „neutral“ sind. Das Beispiel „Frankfurter Rundschau“ steht stellvertretend für viele regionalen und überregionalen Tageszeitungen, die heute nicht mehr eigenständig und somit souverän, sondern wie im Fall der FR entweder offen oder verdeckt parteipolitisch bzw. konfessionell ausgerichtet und Teil einer Mediengruppe (z.B. WAZ Mediengruppe, Verlagsgruppe Weltbild) sind.

Die Bild-Zeitung der AxelSpringer Verlagsgruppe ist eine der auflagenstärkste Tageszeitungen in Deutschland. Schon daher muß man solch journalistischen Exkursionen unter einem anderen Aspekt betrachten.

Mit solch geistigen Ergüssen bestätigt der Boulevard eine in einem großen Teil der Gesellschaft vorhanden ablehnende Haltung gegenüber Schwulen, Lesben, bisexuellen und Transidenten Menschen. Insofern ist die Verwendung von Begriffen wie „Schwulympia“ und „Schwuttgart“ durchaus als eine soziale Diskriminierung zu verstehen, als eine Herabwürdigung von Menschen die auf Grund ihrer Lebensführung wie auch ihrer sexuellen Orientierung einer bestimmten Gruppe zugeordnet werden.

Mit Sicherheit würden, wenn nicht die Gerichte mit einer Flut von Klagen überschwemmt würden, so doch ein unüberhör-, seh- und lesbares Klagen und Wehgeschrei angestimmt werden, wenn man in den Print-, wie auch TV-Medien, insbesondere aber im Boulevard die 5. Jahreszeit, den Karneval für den heterosexuellen Teil  der Bevölkerung zum staatlich und kirchlich sanktionierten Fremdficken postulieren würde und „Heteronormativität“ als Freifahrtsschein zum Fremdgehen bezeichnen bzw. mit Fremdgehen gleichsetzen würde. Immer unter dem Blickwinkel der Herabwürdigung von Menschen, denen man bestimmte Eigenschaften zuordnet die nicht auf individuellen Leistungen beruhen, sondern auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit vermeintlichen Eigenschaften bzw Menschen (einer Gruppe) nur auf eine Eigenschaft reduziert.

So gesehen ist es imo an der Zeit das den Medien, insbesondere dem Boulevard, per Gericht unter Berufung und unter Heranziehung auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz seine Grenzen aufgezeigt werden.

Andernfalls sind alle Bemühungen um Entstigmatisierung und Entdiskriminierung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transidenten, also von Menschen deren Lebensführung und sexuelle Orientierung nicht der Heteronormativität entspricht, von vornherein und auf Jahre hinaus zum Scheitern verurteilt.

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