IAK Wien 2010 – Eindrücke aus der Ferne (akt)


Intro

Information Overflow – Information Overkill. Die Fülle an Informationen die sich vor und vor allen Dingen während der IAK in Wien 2010 mit dem Thema HIV und AIDS beschäftigt haben, haben einen buchstäblich erschlagen. So kam es mir mitunter vor wenn ich morgens die entsprechend gespeicherten HIV relevanten Suchmaschinenabfragen aufgerufen habe. Nicht wenige die mit HIV nie oder kaum etwas zu tun hatten, haben diese 3 Buchstaben H I V in noch so banale Informationen verpackt nur um einen Hauch medialer Aufmerksamkeit zu erhaschen. Anfangs wußte ich gar nicht welches Thema ich aufgreifen sollte. Jetzt im nachhinein betrachtet komme ich nicht umhin festzustellen das mich das eine oder andere Thema „aufgegriffen – gefunden“ hat.

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Was mich überraschte und erstaunte war der Ablauf der Eröffnungsveranstaltung. Als der französische AIDS Botschafter Patrice Debré zu seiner Rede ansetzte nahmen Aids-Aktivisten aus Frankreich Act Up Paris und Health GAP USA das Podium in Beschlag und protestieren dagegen, dass die internationale Aids-Bekämpfung zunehmend durch fehlende Mittel und nicht eingehaltene Finanzierungs-Zusagen in Gefahr gerät.

Erstaunt insofern das die offiziellen Redner den Aktivisten Raum gaben ihrem Anliegen Ausdruck zu verleihen, überrascht da ich solche Aktionen nur aus Erzählungen und Berichten aus der Anfangszeit von HIV kannte.

Anläßlich des „Zweiten Nationalen AIDS Forum“ das 1983 in Denver stattfand haben PWA´s aus den USA die Abschlußsitzung gestürmt um ihre Forderungen die später als die Denver Prinzipien bekannt wurden vorzutragen.

Ende der 80ger Anfang, der 90ger Jahre gab es in Deutschland ACT UP. Wie und das ACT UP „lebendig“ war zeigte sich in vielen Aktionen.

Einmischen lohnt sich Oswald Weber von Projekt Information München . . .

. . . nannte mehrere Beispiele aus den USA, die zeigen, daß von Positiven, Schwerpunktärzten, Angehörigen und Freundeskreisen sehr wohl etwas erreicht werden kann: So mußten z. B. durch den Protest o.g. Gruppen zu den Nebenwirkungen der zugelassenen Medikamente AZT und ddI die anfänglich irrsinnig hohen Dosierungsempfehlungen gegen den Widerstand der Hersteller zurückgenommen werden. Er nannte auch ein aktuelles Beispiel: Landesweite Protestaktionen von ACT UP-Aktivisten hätten die Herabsetzung des Crixivan- Verkaufspreises (Crixivan = früher Indinavir, einer der neuen Proteasehemmer) von 495 auf 360 US-Dollar erzwungen.

Einmischen – ACT UP – Rüdiger Anhalt . . .

. . . brachte seinen Zorn über Herrn Dr. Marcus‘ Äußerungen und generell über die staatliche AIDSPolitik zum Ausdruck:

„Wenn man hier hört, was man alles machen könnte, warum macht man es dann nicht?“

Er rief dazu auf, daß sich die Betroffenen, zusammen mit ihren Ärzten und Freundeskreisen in die Forschung einmischen und sich in den AIDS-Hilfen, in ACT UP-Gruppen oder anderen Selbsthilfeorganisationen organisieren
und ihren Protest bei den nationalen und internationalen AIDS-Kongressen und bei den Bundespositivenversammlungen deutlich sichtbar zum Ausdruck bringen sollten. Denn so Rüdiger Anhalt:

“Lassen wir das mit uns nicht machen! Rühren wir uns!“ Quelle

Dies soll jetzt kein unter Seufzern hervorgebrachtes „Ach ja, damals, das waren noch Zeiten. Da war alles besser“ Wehklagen sein. ACT UP Paris und Health GAP USA haben anläßlich der Eröffnung der IAK in Wien demonstriert, das es zu jeder Zeit genug Gründe gibt das sich HIV Positive engagieren können und für ihre Belange eintreten um diese einzufordern. Das man sich dazu u.U. außergwöhnlicher, spektakulärer Maßnahmen bedienen muß liegt auf der Hand. Auf Verständnis und gutes Zureden zu hoffen führt idr kaum zu Erfolgen.

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Kein Geld – keine Medikamente für HIV Positive in Afrika, Russland, Ukraine, Rumänien, SüdOstasien, Indien, Karibik, . . . .

Jeder Mensch der HIV positiv ist hat das Recht auf Leben. Jeder Mensch der HIV positiv ist hat ein Recht darauf mit Medikamente versorgt zu werden. Jeder Mensch hat ein Recht auf bestmögliche ärztliche Versorgung. Das ist für mich die Kernaussage „Right´s Now – right here“ der IAK Wien 2010. Und sie wird es solange bleiben bis man entweder ein Mittel gefunden hat um HIV zu heilen bzw einen Impfstoff gegen HIV gefunden hat. Dies ist jedoch nur möglich wenn man die vorhandenen finanziellen Mittel so verteilt damit jeder HIV Positive auf der Welt Zugang zu HIV Medikamenten hat. Dies ist so simpel wie logisch.

Ein Bruchteil der Milliarden die man in marode Banken, Abfindungen von größenwahnsinnigen Bankern und in Länder wie Griechenland, Italien oder Rumänien gepumt hat die durch korrupte Politiker an den Rand des Bankrott gebracht worden sind, würden ausreichen um jeden Menschen der HIV Positiv ist mit überlebensnotwendigen Medikamenten zu versorgen und eine ärztliche Versorgung zu gewährleisten.

In letzter Konsequenz müßen die Verantwortlichen umdenken und erkennen das die Zukunft in den Menschen und nicht im Ausbeuten von Ressourcen und Bodenschätzen in vielen Ländern Afrikas liegt wo 22,4 Mio Menschen mit dem HIVirus leben. Was nützen Ressourcen und Bodenschätze wenn es keine Menschen in diesen Ländern mehr gibt die sie fördern und verarbeiten. Die Bodenschätze und Ressourcen eines Landes gehören weder einem Konzern noch einer Regierung eines Landes. Wenn überhaupt dann den Menschen die in diesem Land leben. Nur sie haben das Recht darauf,  das diese von Ihnen erschlossen, produziert, gefördert und verarbeitet werden.

Das „Zauberwort“ heißt „teilen“. Kein Mensch, weder ein Politiker noch ein Industrieller kann so dumm sein um nicht zu erkennen das ein Ungleichgewicht, ein „Out of Balance“ Jeden in Mitleidenschaft zieht. Jedes System sei es der Menschliche Körper, ein politisches Sytem oder finanzielles System wird kippen wenn es nicht in Balance ist. Da braucht man nicht zu studieren um dies zu erkennen. Gesunder Menschenverstand genügt da vollkommen. Allerdings scheint es daran bei einigen zu mangeln. Wie sonst soll man sich das Gebaren des Entwicklunsgverhinderungsministers Dirk Niebel erklären.

Das viele Länder die Finanzkrise vorschieben und sich in Zurückhaltung über die Höhe ihrer zugesagten – in Aussicht gestellten Beiträge zum Global Fund zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria üben, könnte möglicherweise mit den Verhandlungsergebnissen des EU Indien Freihandelsabkommen das im Oktober ratifiziert werden soll in Zusammenhang stehen, findet doch im Oktober in New York das nächste Treffen des Global Fund statt. Wenn es gelingen sollte das Indien seine Generika Produktion einstellen muß, dann benötigt man selbstverständlich keine Gelder mehr um bezahlbare HIV Medikamente für Millionen HIV Positiver Menschen in Afrika, Indien, Südostasien kaufen zu können. Dann wird, und das liegt auf der Hand, dass große Sterben wieder beginnen.

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Freihandelsabkommen als Gefahr

Experten zufolge könnten die Zahlen in Zukunft wieder ansteigen. Ein Grund dafür hat seine ursächlichen Wurzeln in der Europäischen Union. Seit mehr als einem Jahr wird bereits an einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien verhandelt, abgeschlossen soll es bis Ende 2010 sein. Ein Zusatz zu diesem Abkommen wird von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen derzeit massiv bekämpft. Durch die sogenannte Patentklausel würden Indien Patentschranken auferlegt, wodurch der Belieferung mit billigen Medikamenten Grenzen gesetzt werden. Ärzte ohne Grenzen bezieht derzeit über 80 Prozent ihrer HIV/AIDS Medikamente aus Indien, das zu den größten Generikaproduzenten zählt.  „In Zukunft wird es deshalb schwer werden, preiswerte Medikamente zu bekommen“, sagt daher Alexandra Heumber von Ärzte ohne Grenzen. Und: „Die Patentklausel im Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU hätte eine direkte Auswirkung auf die Aids-Patienten in Afrika und anderen Entwicklungsländern.“ Bewusstseinsbildung ist also auf allen Ebenen noch von Nöten. Quelle

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Das öffentliche Beschaffungswesen umfasst etwa 13% des indischen BIP. Die Forderung der EU, die öffentliche Auftragsvergabe für europäische Unternehmen zu öffnen, würde den politischen Handlungsspielraum der indischen Regierung ebenfalls stark einschränken. Das Freihandelsabkommen würde die indische Regierung zwingen, europäische
Unternehmen für den Wettbewerb um öffentliche Ausschreibungen zuzulassen. Die politische Steuerung im Rahmen des öffentlichen Beschaffungswesens ist jedoch ein wichtiges Instrument, um kleine und mittelständische Unternehmen, strukturschwache Regionen und ärmere Bundesstaaten gezielt zu fördern. Insbesondere in der Rezession ist die Steuerung der öffentlichen Beschaffung ein wichtiges Instrument, um die heimische Produktion zu stützen. Aus diesem Grund lehnt Indien Verhandlungen über das öffentliche Beschaffungswesen derzeit noch ab. Quelle S. 3/4

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Big Pharma goes Generika

Viele Jahre haben forschende Arzneimittelunternehmen Generika schlechtgeredet. Jetzt steigen sie selbst in großem Maßstab in das Geschäft mit „Nachahmer-Produkten“ ein. Big Pharma möchte mit Marken-Generika zu höheren Preisen Geld verdienen und hat dabei auch Menschen in Schwellenländern im Blick.

Die New York Times nennt einen wichtigen Grund für das neue Interesse von Big Pharma am Generika-Geschäft. Allein in den USA laufen in den nächsten fünf Jahren die Patente für Präparate mit einem prognostizierten Umsatzvolumen von 89 Milliarden US$ aus – und es sind nicht genügend neue vielversprechende Arzneimittel in Sicht, die die vorhersehbaren Umsatzverluste ausgleichen könnten.

Da ist es verlockend, auch an Generika mitzuverdienen – und das nicht nur in Industrieländern. Vor allem die sogenannten neuen Märkte sind interessant, die schnell wachsenden Volkswirtschaften in Osteuropa, Lateinamerika und Asien. Quelle pdf Datei

  • GlaxoSmithKline kaufte sich bei der südafrikanischen Firma Aspen ein und schloss mit dem indischen Hersteller Dr. Reddy’s einen Vermarktungsvertrag für Schwellenländer. Dort sollen die Produkte künftig mit einem Glaxo Qualitätssiegel verkauft werden.
  • Sanofi Aventis kaufte letztes Jahr für 1,5 Milliarden € gleich drei Generikafirmen: Medley in Brasilien, Laboratorios Kendrick in Mexiko und Zentiva in Tschechien.
  • Pfizer geht den umgekehrten Weg und kauft bei drei indischen Firmen die Produkte für ihre US-Generikatochter Greenstone ein.
  • Novartis ist durch Zukäufe inzwischen nach Teva der zweitgrößte Generikahersteller der Welt. Quelle

Hätte die EU mit ihren Forderungen Erfolg, drohen Medikamente für die Armen – nicht nur gegen AIDS – noch unerschwinglicher zu werden. Der indische Handelsminister versicherte in einer Antwort auf den Protest von NRO, er werde sicherstellen, dass die indische Generika-Industrie nicht geschädigt werde. Das Wohlergehen der Industrie gehört zwar nicht zu den zentralen NRO-Anliegen, in diesem Fall haben Hersteller und Verbraucher preiswerter Medikamente jedoch ähnliche Interessen.

In einem an die Öffentlichkeit gelangten Verhandlungsentwurf für das Abkommen ist der Abschnitt zur Verlängerung des Patentschutzes in der Tat gestrichen. Quelle

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Um wessen Menschenrechte geht es eigentlich . . . . ?

Ondamaris hat es treffend formuliert:

Mehrere Tausend Menschen, Wienerinnen und Wiener sowie Teilnehmer der XVIII. Welt-Aids-Konferenz beteiligten sich am 20. Juli 2010 an einem ‘Marsch für Menschenrechte’.Gast-Star: Annie Lennox. Im Mittelpunkt der Demonstration: Menschenrechte – Menschenrechte von Homosexuellen und Transgender, von Sexarbeiter/innen und Drogenkonsumenten, Gefängnisinsassen und Menschen, die Sterbebegleitung brauchen. Universeller Zugang zu Medikamenten und Behandlung wird nie möglich sein, wenn nicht die Menschenrechte gewährleistet sind – immer und überall. Dies war eine der zentralen Botschaften des Marsches. Oftmals erhielten, so die Organisatoren, diejenigen, die am schlimmsten von HIV und Aids betroffen sind, die geringste Aufmerksamkeit der nationalen HIV-Politik.

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Update 18. August 2010 – Osteuropa/Zentralasien: Wenig Geld für HIV-Prävention, schlecht verteilt

In Russland und der Ukraine fließen ca. 50 % des staatlichen HIV/Aids-Etats in die Behandlung, nur 20 % in die Prävention. Trotzdem bekommt nicht einmal jeder Vierte die nötigen Medikamente.

Hinzu kommt: Die Präventionsmittel gehen zu fast 90 % in Maßnahmen für die Allgemeinbevölkerung, nicht in die besonders betroffenen Gruppen. Diese und weitere Zahlen stellte Shona Schonning vom Eurasischen Harm-Reduction-Netzwerk auf der Internationalen Aids-Konferenz in Wien vor. Gegenüber der DAH hat sie jetzt erläutert, was sie bedeuten.

Allerdings wird sich dort die medizinische Versorgung für HIV-positive Drogengebraucher drastisch verschlechtern: Bisher steuerte der Globale Fonds etwa 15 % zum HIV-Budget bei und legte den Schwerpunkt auf Drogenkonsumenten. 2010 wird er sich aber aus Russland zurückziehen und dieses Geld in wirtschaftlich schwächere Länder investieren – und die Russische Regierung weigert sich, die Weiterfinanzierung zu übernehmen. Quelle

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Eine der Fragen die Michele Meyer in ihrem Gastbeitrag auf ondamaris Blog gestellt hat ging auch mir durch den Kopf: Wie holt das Global Village die lokale Bevölkerung an Bord – Wie bauen wir Brücken in die Gesellschaft damit wir das was uns – Menschen mit HIV/AIDS – wichtig ist transportieren und kommunizieren können? Während all der Tage der IAK in Wien hatte ich mitunter das Gefühl das die Konferenz eine „Insider Konferenz“ war. Wir wissen was uns fehlt, wir wissen was wir benötigen, wir wissen was zu tun ist damit Menschen mit HIV/AIDS in Ländern die nicht über unser soziales Netz verfügen, ein „Menschenwürdiges Leben“ führen können, damit Menschen mit HIV/AIDS mit den überlebensnotwendigen Medikamenten versorgt werden und ihnen ärztliche Versorgung zu teil wird.

Es nützt niemandem noch hilft es denjenigen die sich nicht in unserer privilegierten Situation befinden wenn wir uns einig sind und uns dies immer wieder gegenseitig versichern. WIR WISSEN ES. Dazu braucht es imo keine Konferenzen wie die IAK in Wien. Es ist diese Brücke die fehlt. Diese Brücke ohne die sich die verschiedenen Gruppen innerhalb der Gesellschaft nicht begegen werden – können.

Netzwerke zu errichten um die Erfahrungen von Local Team zu Local Team zu kommunizieren ist eine Sache. Auf diesem Weg schafft man untereinander Einheit und Geschlossenheit, Voraussetzungen die man benötigt um gehört und wahrgenommen zu werden. Und wahrgenommen oder besser gesagt ernst genommen so scheint es mir werden wir noch lange nicht. Weder von der Gesellschaft noch von den Experten in den Kommissionen und Konferenzen in dem Maß wie wir es uns vorstellen. Von der Politik und den Politikern ganz zu schweigen. Bewusstseinsbildung ist also auf allen Ebenen von Nöten.

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Sind Menschenrechte meßbar? Eindeutig JA. Je weniger man über sie sprechen muß, je leiser der Ruf nach ihnen wird, umso weniger Menschen auf die Strasse gehen um sie einzufordern umso mehr Menschenrechte werden eingehalten.

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