„Gefährliche“ Therapiefortschritte


Anlässlich der Aids-Konferenz in Wien warnt „Ärzte ohne Grenzen“ vor nachlassenden Spendenflüssen zur Bekämpfung des HI-Virus. Die Konsequenzen könnten vor allem im südlichen Afrika fatal sein. Der öffentliche Druck habe nachgelassen, beklagen die Mediziner.

Verantwortlich dafür sind paradoxerweise die Fortschritte in der Therapie, meint Mit Philips, Expertin für Gesundheitspolitik bei Ärzte ohne Grenzen/Medicins sans frontieres, gegenüber science.ORF.at. Denn dadurch wurde aus Aids eine chronische, gut behandelbare Krankheit.

Die Fortschritte in der Behandlung passen – nicht weniger paradox – auch gut in das Weltbild der „Aids-Leugner“, die sich dieser Tage ebenfalls in Wien versammeln.

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science.ORF.at: Was ist die gegenwärtige Situation im subsaharischen Afrika?

Mit Philips: Die Region trägt die Hauptlast der Aids-Epidemie. Sie ist eine wichtige Todesursache und wirkt sich umfassend auf die Gesellschaft aus, sozial, wirtschaftlich, nicht zuletzt durch eine hohe Anzahl von Waisenkindern. Drei Millionen Menschen werden behandelt, rund sechs Millionen sollten mit ihrer Behandlung beginnen und können es nicht.

Warum nicht?

Zum Teil liegt das an der mangelnden Infrastruktur, außerdem haben internationale Spender gerade ihre Beiträge reduziert. Das erschwert es Patienten, dass sie rechtzeitig mit der Behandlung beginnen können. Tun sie das nicht, erhöht sich ihr Sterberisiko durch Infektionen.

Sind die Spendenreduktionen derzeit das Hauptproblem?

Ja, denn nach den großen Fortschritten in der Therapie in den vergangenen fünf bis zehn Jahren ist es trotz der schwierigen medizinischen Situation in den subsaharischen Ländern gelungen, die Behandlungen sehr schnell auszubreiten. Das hat aber nur funktioniert, weil es substanzielle Ressourcen gegeben hat, die vor allem vom Global Fund und von Pepfar stammen. Wenn nun weniger Geld zur Verfügung gestellt wird, wird sich das sehr stark auf die Menschen auswirken.

Warum fließen nun weniger Spendengelder?

Zumeist wird von den Gebern die Wirtschaftskrise ins Treffen geführt, laut unseren Analysen haben sie aber schon vorher damit begonnen. Pepfar, die World Bank und Unitaid hatten schon vorher den Plan zu kürzen.

Warum?

Weil es einen generellen Rückschlag gibt: Die Aids-Kampagnen wurden in gewisser Weise Opfer ihres eigenen Erfolgs. Es gibt heute viel weniger Druck durch die Öffentlichkeit, dass Patienten behandelt werden, weil in Europa und in den USA HIV mittlerweile eine chronische Krankheit geworden ist, die sehr wenige Leute betrifft. Sie realisieren nicht, dass sich die Situation im subsaharischen Afrika davon dramatisch unterscheidet.

In Wien gibt es im Vorfeld der Aids-Konferenz auch eine Veranstaltung von Aids-Leugnern. Welche Rolle spielen sie heute in Afrika?

Die Aids-Leugnung ist ein großes Hindernis. Das haben wir in der Vergangenheit unter Präsident Mbeki in Südafrika gesehen. Unter der neuen Regierung von Jacob Zuma gibt es enorme Fortschritte, ein starkes politisches Bekenntnis, HIV zu bekämpfen. Abgesehen von einer „großen“ Art der Aids-Leugnung gibt es auch kleinere Versionen: Es ist für viele Menschen noch immer schwierig anzuerkennen, dass HIV ein Problem ihrer Gemeinschaft ist, weil es noch immer als Krankheit bestimmter Gruppen stigmatisiert wird, etwa von Prostituierten oder Drogenabhängigen. Aids gilt noch immer als Problem der anderen.

Sie haben die neue südafrikanische Regierung gelobt, wie sieht es mit anderen Regierungen im südlichen Afrika aus?

Soweit ich das weiß, gibt es niemanden, der Aids so leugnet, wie dies Thabo Mbeki in Südafrika gemacht hat. Sehr wohl wird von manchen aber Dimension und Folgen der Krankheit negiert. Es gibt viele afrikanische Regierungen, die eine sehr positive Rolle spielen, z.B. funktioniert in Malawi trotz Ressourcenmangels das Programm zur HIV-Prävention und -Behandlung sehr gut.

Eines der seltsamen Argumente von Aids-Leugnern geht so: Wenn HIV so gefährlich ist, wieso wächst die afrikanische Bevölkerung dann noch immer?

Ich denke, Aids-Leugner verschwenden vor allem unsere Zeit. Wenn sie auf das Bevölkerungswachstum in Afrika verweisen, hat das wenig mit HIV zu tun. Abgesehen davon, dass die letzten Zählungen in Lesotho ergeben haben, dass die Bevölkerung nicht mehr wächst, sondern schrumpft, und zwar wegen HIV. Wenn sich die Bevölkerung in Afrika insgesamt nicht reduziert, hat das viele Gründe, es zeigt aber auch, dass die antiretrovirale Therapie etwas bewirkt. Es gibt heute weniger Todesfälle durch diese Behandlung. Ich bin aber sicher, dass die Aids-Leugner dies als Argument für ihre eigenen verqueren Ideen verwenden werden. Man muss schon sehr beharrlich sein, um konstant die gesammelten Beweise der Wissenschaft zu leugnen, was Existenz, Prävention und Behandlung von Aids betrifft. Diese Menschen folgen einer sehr speziellen Logik.

Wenn Sie die Situation in Afrika und in Osteuropa/Zentralasien vergleichen: Welche Staaten sind am meisten betroffen?

Die subsaharischen, wo etwa 22 Millionen Menschen mit HIV leben. Die meisten Krankheitsfälle gibt es mit 26 Prozent in Swasiland, in Lesotho 23 sind es Prozent. Auch die Aids-Toten stammen mit 1,4 Millionen pro Jahr größtenteils von hier. In Osteuropa und Zentralasien sind rund 1,5 Millionen Menschen mit HIV infiziert, die höchste Ansteckungsrate gibt es in der Ukraine mit 1,6 Prozent, in Russland und Estland sind es etwas über ein Prozent. Die Epidemie in Osteuropa findet vor allem unter Drogenabhängigen statt, die ihre Drogen spritzen. In dieser Gruppe gibt es einen viel höheren Anteil an HIV-Infizierten. Während die Gesamtrate in den subsaharischen Staaten schrumpft, wächst sie in Osteuropa.

Was sind dort die Hauptprobleme?

Das Gesundheitssystem ist zwar viel besser als in Afrika, aber nur 22 Prozent von jenen, die Aids-Behandlung brauchen, bekommen sie auch. Das ist viel weniger als in Afrika und liegt vermutlich daran, dass die Gruppe der Drogenabhängigen keinen Zugang zum Gesundheitssystem hat und diskriminiert wird. Zahlen der Unaids zeigen auch, dass die Vorbeugemaßnahmen diese Menschen nicht erreichen. Quelle

Dieses Interview wurde geführt von Lukas Wieselberg, science.ORF.at. Mit freundlicher Genehmigung Team Science.Orf.at

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Ärzte ohne Grenzen begann im Jahr 2000 mit der Behandlung von HIV/Aids-Patienten mit antiretroviralen Medikamenten. Derzeit betreibt man in zirka 30 Ländern HIV/Aids-Programme und behandelt mehr als 160.000 Erwachsene und Kinder.

Mit dem Bericht „No time to quit: HIV/Aids treatment gap widening in Africa“ (der Bericht – 3,5 MB) warnt Ärzte ohne Grenzen vor dem Rückzug der internationalen Gebergemeinschaft aus dem Kampf gegen HIV/Aids.

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