Telefongespräch mit einem lieben Freund


Gestern habe ich ein langes Gespräch mit Ralf aus Berlin geführt. Er war erstaunt als er meine Stimme hörte und ich erfreut das ich ihn erreichte. Es ist nämlich nicht so einfach Ralf zu erreichen. Ralf gehört zu der Gruppe von Rentnermenschen denen man nachsagt das sie als „Rentner“ mehr zu tun haben und schwerer zu erreichen sind als zu der Zeit da sie in einem festen Arbeitsverhältnis standen. Da wußte man das sie von 9 to 5 im Büro und danach zu Hause  erreichbar sind. Bei Ralf ist das alles anders. Vor einer Woche sind er und sein Mann von einem längeren Urlaub von einer griechischen Insel der Kykladen zurückgekommen. Wie ich seinen Worten entnehmen konnte hatten beide diesen Urlaub – diese Auszeit auch benötigt.

„Ich nähe jetzt“ erzählte mir Ralf begeistert. Angefangen hat er mit Quilts und dem Nähen von Decken und Kissenbezügen. Und jetzt designed er Kleidung. Seine Schnittmuster besorgt er sich von der Zeitschrift Burda, nach denen schon vor 50, 60 Jahren begeisterte Hobbyschneiderinnen in Deutschland sich ihre Kleider und Abendgarderobe selbst nähten. Zumindest bei meiner Mutter war das der Fall. Die Kleider der damaligen Designer konnte sich Otto Normalverdiener nicht leisten. Wer ein Händchen fürs Nähen hatte der schaute sich die Kleider an, besorgte sich Stoffe und die  Schnittmuster der Zeitung Burda und dann gings ans Nähen.

Das sich Talent im Bekannten und Freundeskreis herumspricht liegt auf der Hand wie auch das Jeder gerne etwas „genäht“ haben wollte.

So auch bei Ralf. „Auf einmal kamen sie und wollten das ich ihnen etwas nähe oder ändere. Wenn ich ihnen dann erzählte wieviel Arbeit ich z.b. in das Ändern eines Kleidungsstückes investierte und es für sie mit wenn auch geringfügigen Kosten verbunden sei, war das Erstaunen groß.“ Ralf wäre nicht Ralf wenn er nicht auch dafür eine Lösung gefunden hätte. „In Berlin gibt es ne ganze Menge billiger Änderungschneidereien“ sagte er mir mit einem Ton in der Stimme aus dem ich schließen konnte das er lächelte.

Ralf gehört zu den wenigen Menschen die ich kenne mit denen ich sofort vertraut bin. Vor 3 oder 4 Jahren haben wir uns das erste Mal im Literaturkaffee in der Fasanenstrasse in Berlin zum Frühstück verabredet. Als er auf mich zukam mit einem Stock in der Hand und einer Ausstrahlung wie sie manchen Menschen zu eigen ist, war es als kannten wir uns schon lange. Wir waren uns sofort vertraut. Jedesmal wenn wir uns begegnen, sei es am Telefon oder in live, es ist so als würde unsere letzte Begegnung grade erst ein paar Tage zurückliegen.

Eine Polyneuropathie in beiden Beinen, seinen Armen und Händen führten dazu, das er auf Grund seines gesundheitlichen Zustand und nach langen inneren Kämpfen die er mit sich selbst auszutragen hatte, erkannte das „in Rente zu gehen“ der einzigste richtige Weg für ihn war. Dies hat sich für ihn auch bestätigt. Neben der täglichen Einnahme von Gabapentin lernte er mit Unterstützung eines Physiotherapeuten mit der Polyneuropathie die mit dem Medikament erträglicher geworden ist, zu leben.„Es ist schon schwierig die körperlichen Veränderung zu akzeptieren, sagte er. Aber wenn s nicht mehr geht dann lege ich mich einfach hin. Und ich habe gelernt „NEIN“ zu sagen“. Das „Nein“ betrifft besonders die „Nähwünsche“ des großen Freundes und Bekanntenkreis den Ralf und sein Mann haben. Zudem, neben dem Designen und Nähen produziert er noch Marmeladen, Gelees und Weihnachtsgebäck. Soviel zu dem Thema „Das Rentnerdasein – Ein Dasein der besonderen Art“.

Aus seinen Worten strömte soviel Kraft und Stärke, soviel Freundlichkeit wie ich es selten von einem Menschen wahrgenommen habe. Ich freue mich heute schon auf unsere nächste Begegnung. Am liebsten live in Berlin – zum Frühstück im Literaturkaffee.

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