GIPA? – Was genau ist das eigentlich . . . GIPA?


Am 18. Juli beginnt in Wien die Internationale Aidskonferenz 2010. Wird die Communitybeteiligung deutlicher sichtbar sein als beim SÖDAK 2009 in St. Gallen? Mit anderen Worten: Wie werden die so genannten GIPA-Prinzipien das Bild prägen? Und was bedeutet GIPA eigentlich?

GIPA ist ein Kürzel für „Greater Involvement of People Living with or Affected by HIV/Aids”, ein Ansatz, der 1983 erstmals bei einer Aidskonferenz in den USA als Denver Principles vorgestellt wurde. 1994 unterzeichneten auf dem „Aids-Gipfel“ in Paris außer Deutschland 42 weitere Länder die GIPA-Deklaration. Sie akzeptierten damit Kriterien für ethische und wirksame nationale Aidsprogramme und bekundeten den Willen, in zukünftige Planungen und Entscheidungen die Menschen maßgeblich mit einzubinden, die mit HIV leben.

Die ursprüngliche Formulierung „Menschen, die mit HIV/Aids leben“ wurde inzwischen ersetzt durch „Menschen, die mit HIV/Aids leben oder davon betroffen sind“. Damit wird betont, dass es nicht nur um HIV-positive Menschen, sondern auch um ihre PartnerInnen, Familienangehörigen und engen FreundInnen geht. Die Deklaration von Paris hebt die Rolle von Netzwerken und Communityorganisationen besonders hervor. Eine wichtige Rolle beim Kampf gegen Stigma und Verleugnung spielt auch das persönliche Engagement von Menschen in ihrem privaten Umfeld. GIPA erfordert dabei nicht notwendigerweise die Veröffentlichung des HIV-Status.

Stärkere Einbindung heißt Räume zu schaffen, in denen Menschen ihre Erfahrungen nutzen können, um HIV/Aids Gesicht und Stimme zu verleihen. Eine solche Einbindung schließt viele verschiedene Rollen, Ebenen und Bereiche ein: individuelle oder organisatorische, soziale, kulturelle, ökonomische und politische.

Grundlegend für GIPA ist: Menschen, die von HIV/Aids betroffen sind, leisten einen wichtigen Beitrag in der globalen Antwort auf die Epidemie. Ihre unverzichtbaren Erfahrungen ermöglichen ein besseres Verständnis für unterschiedliche Lebenssituationen. Sie sind eine wichtige Voraussetzung dafür, ihre Anliegen in Planungs- und Entscheidungsgremien einzubringen.

Bezogen auf Organisationen oder Gremien lässt sich GIPA am Modell einer Pyramide darstellen. Auf der untersten Ebene der Mitwirkung werden die Zielgruppen zumindest direkt angesprochen und nicht nur als anonyme, passive EmpfängerInnen von Serviceleistungen angesehen. Ihr Feedback ist wichtig für die weiteren Entwicklungen. Über eine wachsende Mitwirkung von Menschen mit HIV und die Anerkennung ihres „Expertententums“ wird die oberste Stufe erreicht: Die gleichberechtigte und gleichwertige Teilnahme an Planungs- und Entscheidungsprozessen auf allen Ebenen. Sich zu GIPA zu bekennen heißt: Von Anfang muss die Partizipation bei Planung, Gestaltung, Einführung, Kontrolle und Auswertung von Programmen sichergestellt werden.

In Paris verpflichteten sich die Länder hohen Zielen, z.B. Wahrung der Menschenrechte, Sicherung der Lebensbedingungen von Menschen mit HIV in politischer, wirtschaftlicher und legaler Hinsicht, Schutz vor Diskriminierung und Zugang zu Information, Prävention und Behandlung. GIPA wird zum Teil schon in internationalen Organisationen, bei Konferenzen, im Rahmen von Aids-Kampagnen, in Community-Organisationen und manchmal sogar in Studien verwirklicht. Viel zu oft bleibt es aber bei Lippenbekenntnissen, die Mitwirkung ist stark eingeschränkt oder hat reine „Alibifunktionen“. Die oberste Stufe der Pyramide wird selten erreicht.

Auch die deutschen Regierungen haben sich seit 1994 nicht gerade überschlagen bei der Einhaltung der GIPA-Prinzipien. 2008 entschloss sich Berlin als erstes Bundesland zu ihrer Anerkennung und will zukünftig bei der Planung und Bewertung von Aktivitäten im Aids-Bereich verstärkt Menschen mit HIV beteiligen.

Der Partizipation von Menschen mit HIV stehen oft schwierige kulturelle, rechtliche oder wirtschaftliche Bedingungen im Weg, auch der Mangel an Wissen und (Aus-)Bildung kann das Engagement behindern. Mit Information, Ausbildung, Trainings und der Orientierung an „Beispielen guter Praxis“, die es inzwischen in großer Vielfalt gibt, kann hier viel erreicht werden. Vor allem aber braucht es den (gesellschafts-)politischen Willen, GIPA Wirklichkeit werden zu lassen.

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Mit freundlicher Genehmigung von Ulrike Sonnenberg Schwan,  Autorin, Frauen GesundheitsZentrum München und Harriet Langanke, GSSG, Dhiva.

„Dieser Text wurde in gekürzter Fassung in der aktuellen DHIVA (Juni 2010/Nr. 47) veröffentlicht“

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Pers Anmerkung:

In einer Rede vor dem Deutschen Bundestag zitierte Horst Schmidbauer, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD den damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer: Plenarprotokoll 13/9 vom 15.12.1994 Seite 481 wie folgt:

Die Betroffenen selbst können oft die besten Entscheidungen treffen, die besten Anregungen geben, . . . weil sie tagtäglich persönlich erfahren, was es heißt, HIV-infiziert oder aidskrank zu sein. Die Stärkung dieser Strukturen und Initiativen . . . sollte deshalb integraler Bestandteil aller politischen Überlegungen und Programme sein. (Beifall bei der SPD)

– Sie von der CDU/CSU dürfen auch ruhig Beifall klatschen, denn dies sagte Bundesminister Seehofer auf dem Aids-Gipfel in Paris am 1. Dezember 1994.

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