Die Wiener Erklärung – The Vienna Declaration (akt)


Repressive Maßnahmen durch Polizei und Justiz verschärfen laut Experten das Problem für Drogensüchtige und damit auch die Bekämpfung von Aids. Sie fordern deshalb nun in einem internationalen Aufruf – der „Wiener Deklaration“ – das Ende von kontraproduktiven „Drogenkriegen“.

Die „Vienna Declaration“ plädiert für eine Drogenpolitik auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und liegt seit heute Montag zur Unterzeichnung auf.

Konferenz in Wien

„The Vienna Declaration ist die offizielle Erklärung anlässlich der bevorstehenden 18. Internationalen Aids-Konferenz, die mit rund 25.000 Teilnehmern in wenigen Wochen in Wien stattfinden wird (18. bis 23.Juli).

Die Erklärung wurde von der Internationalen AIDS-Gesellschaft (IAS), dem Zentrum für Exzellenz-Forschung über in HIV/AIDS der kanadischen Provinz British Columbia und des Internationalen Zentrums für Wissenschaft in der Drogenpolitik (ICSDP) erstellt.

Zu den ersten Unterzeichnern gehört Francoise Barre-Sinoussi, die im Jahr 2008 mit ihrem Kollegen Luc Montagnier für die Entdeckung des AIDS-Virus den Medizin-Nobelpreis erhalten hat.

Sucht ist Krankheit, kein Verbrechen

„Viele von uns in der Aids-Forschung und in der Betreuung der Betroffenen sehen jeden Tag die verheerenden Effekte von falschen Strategien in der Drogenpolitik. Sie heizen die Aids-Epidemie noch weiter an und bedeuten Gewalt, steigende Kriminalitätsraten und die Destabilisierung ganzer Staaten. Trotzdem gibt es noch keinen Beweis, dass sie den Drogenkonsum oder die Versorgung mit Drogen reduzieren“, erklärte dazu Julio Montaner, Präsident der IAS.

Als Wissenschaftler sei man verpflichtet, Strategien auf Basis von gesicherten Erkenntnissen vorzuschlagen. In Sachen illegaler Drogen würden sie dort beginnen, wo man „Sucht als Krankheit und nicht als Verbrechen“ akzeptiere.

In Osteuropa sind Drogen wichtigster Infektionsgrund

Die Verfasser der Deklaration berufen sich auf die Erkenntnisse, die in rund 25 Jahren der Geschichte von HIV/AIDS gesammelt wurden. Außerhalb des südlichen Afrikas sei Drogengebrauch durch die Injektion von Suchtgiften bereits für eine von drei HIV-Infektionen verantwortlich. „In einigen Regionen mit besonders schneller Ausbreitung von HIV, zum Beispiel in Osteuropa und Zentralasien, ist der injizierende Drogenkonsum die hauptsächliche Ursache für HIV-Infektionen“, hieß es dazu in einer Presseaussendung.

Gesetzliche Barrieren gegenüber wissenschaftlich belegten positiven Konsequenzen von Programmen wie Nadeltausch und Opiat-Subsitutionstherapie würden Hunderttausende neue Infektionen mit HIV und Hepatitis pro Jahr verursachen. Die Kriminalisierung von i.v.-Drogenkonsumenten würde aktuell Rekordzahlen bei den Inhaftierungen und gleichzeitig hohe Ausgaben für die Gefängnisse bedeuten.

Die Forderungen der Deklaration:

  • Transparente Analyse der Wirksamkeit der derzeitigen Drogenpolitik;
  • Nutzung und Beurteilung von Maßnahmen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, um den Schäden des illegalen Drogenkonsums zu begegnen;
  • Mehr Gewicht auf Behandlungsstrategien, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen;
  • Beseitigung von unwirksamen Zwangsbehandlungs-Programmen, welche die Forderungen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verletzen;
  • Verstärkung und Ausdehnung der Finanzierung für die Behandlung von Drogenkranken und die Reduzierung der schädlichen Konsequenzen von Drogenkonsum durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Vereinten Nationen.

Repressive Maßnahmen verstärken Problem

„Die Kriminalisierung von Konsumenten illegaler Drogen heizt die HIV-Epidemie an und hat zum größten Teil zu negativen gesundheitlichen und sozialen Konsequenzen geführt. Hier ist eine umfassende Neuorientierung erforderlich.“, so die offizielle Erklärung der „Wiener Deklaration“.

Repressive Maßnahmen via Polizei und Justiz wären in Sachen Drogen fehlgeschlagen: „Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg haben nationale und internationale Drogen-Beobachtungssysteme ein generelles Muster von fallenden Preisen für Drogen und steigende Reinheit von Giften gezeigt. Dies trotz massiver Investitionen in das Durchsetzen von Drogengesetzen.“

Immer schärfere Maßnahmen hätten international nur negative Ergebnisse gebracht: „Weiters gibt es keinen Hinweis, dass zunehmend verschärfende Maßnahmen von Polizei und Justiz die Häufigkeit von Drogenkonsum verringern. Die Daten zeigen klar, dass sich die Zahl jener Staaten erhöht, in der Menschen illegale Drogen injizieren, immer mehr Frauen und Kinder sind davon betroffen.“

HIV in Gefängnissen, destabilisierte Staaten …

Die Verfasser führen im Einzelnen folgende Konsequenzen falscher Anti-Drogen-Strategien an:

  • „Die HIV-Epidemie wird durch die Kriminalisierung von Benutzern illegaler Drogen noch vergrößert, ebenso durch die Verhinderung von Opiat-Substitutions- und von Spritzentausch-Programmen.
  • Die Inhaftierung von Drogenkranken als Konsequenz von Strafgesetzen führt zu HIV-Ausbrüchen unter den Häftlingen. Gerade in Gefängnissen gebe es aber einen Mangel an Präventions-Maßnahmen.
  • In vielen Staaten sei es durch die Drogengesetzgebung zu einer Rekordrate an Inhaftierungen gekommen. Gleichzeitig hätte das die Rassendiskriminierung erhöht. Die Autoren: „…dieser Effekt war besonders stark in den Vereinigten Staaten, wo zu jedem gegebenen Zeitpunkt jeder neunte Bürger afro-amerikanischer Herkunft in der Altersgruppe zwischen 20 und 34 Jahren inhaftiert ist – zum größten Teil wegen Drogendelikten.“
  • Ein riesiger illegaler Markt im Umfang von jährlich 320 Milliarden US-Dollar (260 Mrd. Euro). Die Autoren: „Die Profite bleiben gänzlich außerhalb der Kontrolle des Staates. Sie fördern Kriminalität, Gewalt und Korruption in zahllosen Städten und haben ganze Staaten destabilisiert, wie Kolumbien, Mexiko und Afghanistan.“
  • „Milliarden von Steuergeldern (US-Dollars, Anm.) sind in diesem ‚Krieg gegen Drogen‘ fehlinvestiert worden, ohne das Ziel der Kontrolle des Problems zu erreichen. Stattdessen hat das massiv zu den angeführten Schäden beigetragen.“

Keine Zwangstherapie

Die Verfasser der „Wiener Deklaration“ fordern deshalb eine transparente Analyse der Wirksamkeit der derzeitigen Drogenpolitik, die Verwendung und die Bewertung von Maßnahmen, die auf wissenschaftlicher Basis stattfinden.

Drogenkonsumenten sollten „entkriminalisiert“ werden. Auch alle Zwangstherapie-Zentren sollten geschlossen werden, da sie die Menschenrechte verletzen. Und schließlich sollte es mehr Geld für die Verhinderung von HIV-Infektionen geben. Quelle

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Science.orf.at Wien,

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4 Antworten zu Die Wiener Erklärung – The Vienna Declaration (akt)

  1. exilope schreibt:

    Schoener Artikel,
    ich habe das bisher nur auf Englisch!

  2. exilope schreibt:

    Habe mich noch gestern deiner Quelle bedient!

    Hast Du schon: http://exilope.wordpress.com/2010/08/01/expertise-zur-heroinverschreibung/ gelesen?

    Da gibt es vielerlei Fakten, Historisches und Soziales+
    Daten, Daten und Daten!

    lg.

  3. alivenkickn schreibt:

    Hallo Exilope

    Natürlich habe ich mich auf Deinem Blog umgeschaut „Wer Du bist – Was auf Deinem Blog steht“ Was das „Wer“ betrifft geht aus deinem Blog nicht daraus hervor.

    Natürlich kann jeder meine Artikel bis auf diejenigen die mit einem © versehen sind unter den gleichen Bedingungen http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/ auf seinem Blog übernehmen – verweisen.
    Was diesen Artikel betrifft, so habe ich mir die Genehmigung des Orf.at /Science geholt um ihn auf meinem Blog einstellen zu dürfen. Schon aus diesem Grund solltest Du, da Du den Beitrag auf Deinem Blog eingestellt hast mit einem Link auf meinen Blog verweisen.

    Mein Blog ist HIV spezifisch. Unter diesem Aspekt trifft dies ja auch für iv Drogenuser zu. Insofern gibt es für mich keinen Grund näher auf das Thema „Drogen“ einzugehen da dies nicht der Schwerpunkt meines Blog ist.

    Da Dein Blog ja „verlinkt“ ist, ist dies ausreichend.

    LG alivenkickn

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