Kognitive Störungen trotz unterdrückter VL


Mein Beruf den ich in grauer Vorzeit erlernt habe, ist der Beruf des Bankkaufmann. Eine der Fähigkeiten derer ich mir sehr schnell gewahr wurde war mein Zahlen, Namens, Ereignis(Geschäftsvorfälle)gedächtnis was mir in meinem Job zu Gute kam. Diese bankkaufmäßigen Tätigkeiten sind long gone und gehören der Vergangenheit an. Was geblieben ist, war/ist die Fähigkeit mir Namen, Zahlen, TelNr und vor allem Gesichter zu merken und diese bestimmten Situationen zuzuordnen.

Unsere Erziehung ist auf Konditionierung aufgebaut damit wir den Anforderungen unseres Gesellschaftspolitischen Systems entsprechend zum Gemeinwohl aller funktionieren. Funktionieren wir innerhalb des Wertesystem unsere/einer Gesellschaft dann werden wir be – entlohnt, funktionieren wir nicht oder lehnen wir das Wertesystem der Gesellschaft in der wir leben ab oder dagegen auf, dann werden wir bestraft. Lohn und Strafe wird von der Gesellschaft bestimmt und festgelegt. Wobei es Wenige aus der Gesellschaft sind und waren die festlegen, bestimmen was bzw. wie be-entlohnt oder be-gestraft wird. Eine subtile Strafe, Bestrafung ist, der kath. Kirche sei dank, das Implementieren und entspechende abrufen, das „Erwecken“ von Schuldgefühlen. Insbesondere dann wenn man Erwartungen nicht erfüllt. Mit dieser Konditionierung/Erziehung wurde ich wie Andere auch sozialisiert.

Über Monate hinweg nehme ich bei mir „Vergesslichkeit“ in einem Maß wahr wie sie mir bislang unbekannt war. Mein Konditionierungserklärungsprogramm lief dann immer so ab das meine „Vergeßlichkeit“ das Ergebnis von Unaufmerksamkeit, Unachtsamkeit war.

„Da warst Du mit Deinen Gedanken wieder mal ganz woanders“
„Warst wieder mal nicht bei der Sache“.
„Warst wieder mal Unaufmerksam“.

Solche oder ähnliche Sätze haben wir Alle zur genüge erfahren. „Vergesslichkeit, Gedankenlosigkeit, Unaufmerksamkeit führte in der Schule z.b. zu einer schlechten Note in Aufmerksamkeit die zu meiner Zeit die Kopfnoten waren und das Verhalten des Schölers bewerteten. Da fanden sich dann als schmückendes Beiwerk Erklärungen wie: „Er ist oft mit seinen Gedanken abwesend, folgt nicht dem Unterricht. Dabei könnte er viel besser sein“. Das der Erziehungsberechtigte dann Rot sah lag auf der Hand. Belohnung und Bestrafung lagen sehr nahe beieinander. Bei guten Noten gabs Geld, bei schlechten Noten n Rucksack voll mit Schuldgefühlen und n schlechtes Gewissen.

So habe ich mir meine „Vergesslichkeit“ immer erklärt. Weil ich eine Erwartung die diesen Erklärungen zugrunde lag, die immer damit verbunden ware nicht erfüllt habe, lag und liegt es zwangsläufig auf der Hand das ich mich jedesmal schuldig fühlte.

Die letzten Monate habe ich mich mehr oder weniger meistens schuldig gefühlt wenn ich etwas tun wollte und im nächsten Moment vergessen habe, das ich bzw was ich tun wollte. Meine „Vergesslichkeit“ habe ich dann immer entsprechend dieser Konditionierung mit der Begründung mit meiner „Unaufmerksamkeit, mein nicht bei der Sache gewesen zu sein, nicht dem was ich gerade tat bzw tun wollte meine ganze Aufmerksamkeit geschenkt zu haben“ sanktioniert. Oder ich habe es dem Alter zugeschrieben. „Na ja mit 60 is das Normal das man vergesslich wird. Is halt altersbedingt.“

In einem Forum wie auch auf anderen Seiten – siehe „Weitere/ähnliche Beiträge zu diesem Thema“ habe ich dann vermehrt Berichte von kognitiven Störungen bei HIV erfahren/gelesen.

Seit 6 Wochen nehme ich ein weiteres Medikament. Der Einnahmemodus ist Morgens – Mittags – Abends. Die Einnahme Morgens und Abends stellt für mich kein Problem dar. Nur was den Mittagstermin betrifft komme ich des öfteren ins Grübeln und frag mich: Hab ich die Pille jetzt genommen oder nicht? Ein 3 mal täglicher Einnahmemodus ist mir ja nicht unbekannt. Zwar habe ich zu Anfang meiner HAART hin und wieder mal vergessen meine Medis zu nehmen aber nicht in dem Maß wie ich heute die Einnahme dieses neuen Medikamentes, die Mittagsdosis vergesse zu nehmen. Oder ich stehe auf will die Wäsche aus der Maschine nehmen, aufhängen und einen Moment später steh ich da und frag mich „Was wollt ich denn eben machen?“. Dieses „vergesslich geworden sein“, diese „Vergesslichkeit“, die eine Mischung aus Alter + 25 Jahre HIV Langzeitnebenwirkung + ART ist, macht mir zur Zeit schwer zu schaffen. Diese Vergesslichkeit bei mir wahrzunehmen und wahrhaben zu wollen fühlt sich alles andere als gut an.

* * *

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5 Antworten zu Kognitive Störungen trotz unterdrückter VL

  1. M schreibt:

    Du sprichst mir aus dem Herzen, denn ich verstehe nur zu gut, in welchen Gefühlsschwingungen Du Dich in solchen Situationen befindest. Denn ich kenne sie auch.

    Vor wenigen Tagen ich habe ich mit einem der Ärzte, und nicht zum ersten Mal, über dieses Thema diskutiert. Wir kamen wieder einmal zu dem Schluss – einschliesslich meiner lieben, grossen Professorin – dass es beim augenblicklichen Wissenstand praktisch unmöglich ist klar festzulegen, in wieweit solche Probleme, und sie sind es manchmal wirklich, dem normalen Altern und/oder der jahrelangen Medikamenteneinnahme zuzuschreiben sind. Zumal es, in Frankreich jedenfalls, an grundlegenden Untersuchungen darüber fehlt.

    Darf ich Dich um etwas bitten: aufzuhören, Dich schuldig zu fühlen, weil Du etwas vergessen hast. Denn Du bist es nicht!

    Eine kurze Geschichte dazu: meine Mutter ging unruhig von einem Zimmer ins andere, suchte. Als ich irgendwann endlich meine Nase aus dem Buch hob und fragte, was denn sei antwortete sie: ich suche meine Brille. Und die hatte sie auf der Nase. Und noch jahrelang sehr glücklich gelebt.

    M

  2. alivenkickn schreibt:

    Hallo M

    Ich hatte heute Arzttermin. Unter anderem habe ich ihn zu diesem Thema nach seinen Erfahrung aus seinem Praxisalltag gefragt. Er sagte mir das die Zahl seiner seiner Patienten die alt + HIV Longtimer + unter ART stehen von ähnlichen Erfahrungen berichten. Aber Untersuchungen wie auch in Frankfreich wie Du schreibst gibt es hier auch nicht. Dies deshalb weil dieses Thema hier in Deutschland noch „relativ neu“ ist. Was bekannt sei und auf Kongressen seit langem ein Thema ist, das Menschen die HIV + sind schneller altern.

    Bzgl des „Schuldig fühlens“ Das gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Es war ein Exkurs in „unsere Erziehung/sozialisierung“ und Meine im speziellen.

    LG alivenkickn

  3. M schreibt:

    Ein paar Worte noch, die ich im ersten Kommentar schon hätte sagen sollen: bei diesen Gesprächen mit den Ärzten hatte ich des Öfteren das Gefühl dass sie dachten – ohne es auszusprechen: Kinder, seit den vielen neuen und immer besseren (sprich:erträglicheren) Medikamenten geht es Euch besser als je, also …
    Ich glaube, dies ist einer der Gründe, warum dieses Thema für sie kein akutes ist.

    Und auch: liebe Grüsse.
    M

  4. alivenkickn schreibt:

    Moin M

    Ich kann nicht beurteilen wie HIV Fachärzte generell zu diesem Thema stehen. Der Arzt zu dem ich gehe wie auch den Ärzten aus dem Netzwerk in das er eingebunden ist, sie gehören nicht zu dieser Art von Ärzten die solch einen Standpunkt vertreten. Sie sind nicht nur der Komplexität von HIV, Alter und ART bewußt sondern sie gehören zu den Ärzten die sich durch Empathie HIV Positiven gegenüber auszeichnen.

    LG alivenkickn

  5. pascal schreibt:

    Hallo als Ich deinen Beitrag gelesen haben, dachte Ich du sprichts über mich. Nur ich bin 30 und nehme HAART erst seit 4 Jahren.
    Du hättest meinen Namen unter dein Posting setzen können.
    Mittlerweile wird dieses „vergessen“ für mich stärker zur Belastung als „normale“ Nebenwirkungen der Medis gelegentlicher Durchfall, morgendliche Übelkeit etc.

    Ich vergesse nicht nur Dinge sonder tue etwas völlig anderes als Ich eigentlich machen wollte.
    Beispiel: Essenzubereitung.
    Ich möchte Zucchini und Aubergine zubereiten, frage meinen Freund wie Ich es machen soll. Ich will Zucchini sagen, frage Ihn aber nach Aubergine und bin mir dieses „Fehlers“ überhaupt nicht bewusst. Streite dies vehement ab. Mittlerweile muss Ich darauf vertrauen das er richtig zu hört weil es sonst immer wieder zu Missverständnissen/Streit kommt.
    Ich würde aber immer steif und fest auf meinem subjektiven Eindruck beharren.Ich könnte nicht sagen wer die „Wahrheit“ sagt.
    Völliges vergessen innerhalb eines Gedankens. Auch kann ich mich nicht indem Maße artikulieren wie Ich es könnte oder beachsichtige, weil ständig etwas während des reden und ausprechen/handelns verloren geht oder dazwischen kommt.

    Ich komme mir total bescheuert vor und das wird echt zur Belastung für mich, weil Ich nicht weiß ob Ich oder der andere Recht hat.

    Ich war schon immer etwas dusselig und unkonzentriert aber so etwas ist völlig neu für mich.
    Meinen Arzt hab Ich drauf angesprochen und der wollte mich zur Neuroligin nach Düsseldorf schicken, dies hab ich bis jetzt aber noch nicht gemacht. Wer weiß was dabei herraus kommt. Wenn Ich dein Posting aber lesen sollte Ich das wohl dochmal in Angriff nehmen.

    LG Pascal

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