Fußball WM in Südafrika „Die Welt entdeckt Afrika“ (akt 3)


Zynisch, Bösartig? Eine Frage der Sichtweise. Bissig? Provozierend? Auf jeden Fall.

Eines meiner Lesenzeichen auf meinem PC zeigt mir wen ich ihn aufrufe tagesaktuelle Neuigkeiten zu dem Thema HIV an. Jeden Morgen rufe ich diesen Link auf und schaue mir die auf diesem Lesenzeichen angegebenen Verweise – Verlinkungen zu Webseiten mit den „Neuesten Nachrichten zum Thema HIV“ an. Die Infos reichen von skurilen, banalen Informationen und Berichten die die Welt nicht braucht über HIV alltägliches bis hin zu Nachrichten die von fundiertem Wissen zu dem Thema HIV zeugen und von Interesse sind.

Die Welt entdeckt Afrika – wie komme ich auf diese zugegeben provozierende Überschrift? Dank der WM in Südafrika ist zwangsläufig auch das Thema HIV in Südafrika ins mediale Interesse gerückt wie sonst nur nach den alljährlichen UNAIDS Reporten. 2009 waren nach „offiziellen Schätzungen“ von UNAIDS 5,7 Millionen Südafrikaner bei einer Einwohnerzahl von 48,7 Mio (2008) mit dem HIVirus infiziert. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen. Inoffziell geht man davon aus das 20% der Einwohner von Südafrika mit dem HIVirus infiziert sind. Nach den Wahlen im März 2009 veränderte die neugewählte südafrikanische Regierung unter ihrem Präsident Jacob Zuma grundlegend ihre Haltung zu einem der größten Gesundheitsprobleme des Landes: HIV/Aids und Tuberkulose (TB) stehen jetzt ganz oben auf der Prioritätenliste.

Diese Haltung führte dazu das man HIV von offizieller Seite erstmals ernst nahm und entsprechend anfing zu handeln. Die medizinische Versorgung ist besonders in den Städten wie auch in den ländlichen Teilen Südafrikas besser geworden. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen sind seit Jahren vor Ort und leisten einen erheblichen Beitrag zur medizinischen wie auch Versorgung mit HIV Medikamenten – in Indien hergestellten Generika – für Menschen mit HIV.

Daneben gibt es noch unzählige andere Projekte von denen ich stellvertretend HOPE anführen möchte.

Die Hilfsorganisation begann ihre Aktivitäten im Jahr 2001 indem sie gemeinsam mit dem Tygerberg Krankenhaus in Kapstadt eine erste Kinderstation für HIV-positive und aidskranke Kinder einrichtete. Quelle

Am 1. Oktober 2007 wurde in Bonn die HOPE-Kapstadt-Stiftung – eine Treuhandstiftung innerhalb der Deutschen AIDS-Stiftung – gegründet, um mit ihr zusätzliche Hilfen für aidskranke Menschen in Südafrika mobilisieren zu können.

HOPE rechnet man wie viele andere Organisationen auch zu den NGO´s die um das von vielen Politiker inflationäre und am meisten meist mibrauchteste Wort der „Nachhaltigkeit“ zu verwenden, eine Arbeit im positiven Sinn (Brundtland Kommission) einer „sozialen nachhaltigen Entwicklung“ leisten.

Diese Arbeit vieler Organisationen wie auch die staatlichen Stellen vieler afrikanischer Länder sind gemessen an der Gesamtzahl der HIV infizierten Menschen südlich der Sahara – ca 22,4 Mio Menschen – immer noch, wenn auch mittlerweile große, Tropfen auf den heißen Stein.

In 2008, an estimated 1.9 million people living in sub-Saharan Africa became newly infected with HIV, bringing the total number of people living with HIV to 22.4 million. While the rate of new HIV infections in sub-Saharan Africa has slowly declined—with the number of new infections in 2008 approximately 25% lower than at the epidemic’s peak in the region in 1995—the number of people living with HIV in sub-Saharan Africa slightly increased in 2008, in part due to increased longevity stemming from improved access to HIV treatment. Adult (15–49) HIV prevalence declined from 5.8% in 2001 to 5.2% in 2008. In 2008, an estimated 1.4 million AIDS-related deaths occurred in sub-Saharan Africa. Quelle

Ein großes Problem ist die in vielen ländlichen Gebieten fehlende bzw ungenügende Infrastruktur die für eine konstante, medizinische Versorgung für Menschen mit HIV notwendige Voraussetzung ist.

Von Anfang an ist es das Ziel von Ärzte ohne Grenzen, die HIV/Aids-Versorgung und Behandlung in die Gesundheitszentren zu dezentralisieren. Denn die Hospitäler, die eine stationäre Versorgung mit antiretroviralen Medikamente anbieten, sind sehr voll. Es gibt zudem nur wenig medizinisches Personal, und viele Patienten können sich kaum solch eine medizinische Versorgung leisten. Dezentralisierung bedeutet, die HIV/Aids-Versorgung und Behandlung so nah wie möglich an den Wohnort der Patienten heranzubringen sowie sicherzustellen, dass die Therapie kostenlos ist. Quelle

Dazu braucht es vor allen Dingen eines: Geld. Geld für den Bau von Strassen, Hospitälern, Gesundheitsposten, Kühlschränken, Transportmittel, ausgebildetes Personal sowie die Bereitstellung von antiretroviralen Medikamente.

FIFA und HIV

Die Endrunde der 19. Fußball-Weltmeisterschaft wird vom 11. Juni bis zum 11. Juli 2010 in Südafrika und damit erstmals auf dem afrikanischen Kontinent ausgetragen. Der Beschluss des Exekutivkomitees des Weltfußballverbands FIFA fiel am 15. Mai 2004 in Zürich. Der Termin des internationalen Fußballturniers wurde am 6. Dezember 2006 ebenfalls in Zürich bekannt gegeben. Quelle

Leading South African AIDS organisations are today jointly condemning FIFA and the Local Organising Committee for blocking access to the distribution of condoms, and to HIV prevention and health related information within FIFA controlled stadia and Fan Fests during the forthcoming FIFA World Cup.

The Department of Health has confirmed that there are at present more than 71 million condoms currently in distribution, more than 65 million are available for further distribution.

To date FIFA has not permitted any civil society organisation to distribute HIV or health related information and FIFA has not provided any written confirmation that condoms may be distributed at stadia and within the fan fests. This is despite the fact commercial sponsors selling alcohol will have dedicated spaces available within these areas. Quelle

The AIDS organisations endorsing this statement believe that FIFA has a moral obligation to partner with local organisations who have been negotiating through the SANAC Sports and Entertainment Sector with the LOC and FIFA in order to protect both citizens and visitors alike from HIV infection, TB and the H1N1 virus.

Alle sollen von der WM profitieren, versprach die Fifa den Südafrikanern. Das große Geschäft aber machen westliche Konzerne, asiatische Firmen und der Fußballverband selbst. Quelle

*

When the WM is over, . . . wird Südafrika auf den Schulden sitzen bleiben. Es werden sich leider Südafrikaner und Besucher die zu der WM nach Südafrika gefahren sind mit HIV infizieren, weil man bzgl HIV in Südafrika nicht in dem Maß Rechnung getragen hat wie es auf Grund der Realität, des Alltags in Südafrika notwendig gewesen wäre. Die FIFA ist die größte Sportorganisation der Welt. Soziale Kompetenz, soziale Verantwortung sind für die Verantwortlichen der FIFA Fremdwörter oder nichts weiter als Lippenbekenntnisse. Keine öffentliche Stellungnahme von Franz Beckenbauer oder Michel Platini, beide Mitglieder des FIFA Excutivkomittee.  Keine Pressekonferenz um zu dem Thema HIV in Südafrika und WM Stellung zu beziehen. Der vielzitierte „kaiserliche Glanz“ hätte dem Thema HIV im Zusammen mit Prävention und Aufklärung ein besonderes Licht verliehen das bei vielen Besuchern wie Südafrikanern eine nachhaltige Wirkung erzeugt hätte. Diese Chance hat man vertan.

When the WM is over . . . . wird HIV in Südafrika bis auf die üblichen jährlichen Reports von UNAIDS oder der WHO zum Weltaids aus den Medien verschwinden.

When the WM is over . . . werden die Neuigkeiten über HIV die jetzt auf diesem Link in Hülle und Fülle erscheinen auf ein Maß zurückgehen die der Wahrnehmung der Gesellschft im Kontext zu HIV entsprechen.

When the WM is over . . . wird der Alltag von Menschen mit HIV in Südafrika bis auf Schlagzeilen Trächtiges wieder in weite Ferne rücken.

When the WM is over . . . wird, was ich nicht hoffe aber befürchte, sich der Eine oder Anderen mit dem HIVirus infiziert haben.

*

Bei aller Aufmerksamkeit die Südafrika und ihren Problemen jetzt zuteil wird bleibt zu hoffen und zu wünschen besonders wegen der Menschen mit HIV das durch die WM Südafrika bei vielen Besuchern einen bleibenden Eindruck hinterläßt.

* * *

Update 11. Juni 2010

Gestern abend wurde im Sowetos Orlando-Stadion bei Johannesburg in einer 3 stündigen Konzertveranstaltung mit nationalen und internationale Musikern die WM inSüdafrika eingeläutet. Was mich erstaunte war das keiner der Musiker nicht mal die

am Revers/Kostüm trugen. Lediglich Alicia Keys hatte vor dem Konzert gefordert, dass in Afrika die Aufklärung über die Immunschwäche-Krankheit Aids forciert werden müsse. Quelle

Dieses kleine Stück rotes Tuch, diese rote Schleife am Kostüm/Revers zu tragen wäre das Mindeste gewesen. Aber wahrscheinlich war dies schon ein rotes Tuch für die Veranwortlichen gewesen.

* * *

Update 17.Juni 2010 – Erst gegen Aufklärung. Jetzt plötzlich dafür, als sei nichts gewesen.

Bevor die WM begann, leistete sich die Fifa einen gigantischen Streit mit südafrikanischen Aidsgruppen. Ein Begehren von HIV/Aids-Kampagnen, die Spiele und die Fanansammlungen für Aufklärungsarbeit über Verhütung und die Gefahren der Aidsausbreitung nutzen zu dürfen, wurde zunächst abgelehnt.

Aber inzwischen hat die Fifa eingelenkt und tut jetzt so, als sei nie etwas gewesen. „Als Teil der HIV-Beratungs- und Testkampagne werden während der Fifa-Weltmeisterschaft Millionen Kondome und HIV-Information verteilt“, erklärt Fifa-Sprecherin Delia Fischer. „Fifa und das Organisationskomitee der Fifa-Weltmeisterschaft 2010 unterstützen diese Initiative und begrüßen die Entschlossenheit der südafrikanischen Regierung, HIV-Aids zu bekämpfen.“

Man werde die Aidsinitiativen jetzt nicht mehr behindern.

Update: Die Fifa ist Weltmeister im Geldverdienen

Der von Joseph Blatter geführte Vermarktungskonzern ist der kommerzielle Sieger der WM. Sein Trick: Dank steuerfreier Gewinne erzielt er Traumrenditen – und die Zeche zahlen Südafrika und die Fußballfans.

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3 Antworten zu Fußball WM in Südafrika „Die Welt entdeckt Afrika“ (akt 3)

  1. Pingback: Tweets that mention „Die Welt entdeckt Ihr Herz für Afrika“ « alivenkickn -- Topsy.com

  2. Sternenschein schreibt:

    Hallo Wolfgang,
    danke für diese Darstellung, die teils erschreckend ist aufgrund der Zahlen der an HIV erkrankten Menschen auf diesem Kontinent und dem damit verbundenen Leid.
    Fußball ist eben doch nicht alles.

    Habe aus deinem Kommentar bei netzpolitik auf meinem Blog zitiert und ein Link hierher gesetzt.
    Funktionieren soll wohl reichen für den Menschen. Bei Selbstbewußtsein käme er womöglich noch auf die Idee etwas anders machen zu wollen oder Forderungen einer Änderung zu stellen.
    Liebe Grüße

  3. alivenkickn schreibt:

    Kommentar von 2010sdafrika – http://2010sdafrika.wordpress.com
    verschoben

    Die AIDS-Debatte ist eine traurige Angelegenheit, welche trotz Aufklärung nach wie vor ihre Verbreitung findet. Speziell zu Südafrika kann ich sagen, dass viele der dortigen Bürger den sog. Sangomas, also traditionellen Medizinmännern, glauben schenken. Leider befinden sich innerhalb dieser Heiler auch schwarze Schafe, die ihrem Patienten zur HIV-Heilung die Vergewaltigung einer Jungfrau empfehlen! Ich will zum Ausdruck bringen, dass HIV nicht nur durch Unwissenheit der Beteiligten weitergegeben wird, sondern durch bewusste Fehlinformation Dritter. Diese gesellschaftlichen Konfliktlinien sind soweit ich weiß während der AIDS-Konferenz unzureichend behandelt worden.

    Anbei empfehle ich folgenden Artikel:
    http://2010sdafrika.wordpress.com/2010/02/25/medizinmanner-und-aberglaube-in-sudafrika/

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