Ärzte und die AIDS Hilfe Neumünster – Zwei Seiten einer Medaille (akt1)


Um ihr Angebot an Beratung, Betreuung und Aktivitäten zu verbessern und zu erweitern beabsichtigte die AIDS Hilfe Neumünster neue Büroräume in der Wasbeker Straße 50 in Neumünster zu beziehen. Die neuen Räume waren behindertengerecht und großzügig geschnitten, was es ermöglichte, eigene Gruppenveranstaltungen oder Treffen wie zum Beispiel des Fördervereins „Präventiv-Aktiv“ oder der „Homosexuellen Initiative Neumünster“ (HIN) durchzuführen. So hätte sich die AIDS-Hilfe in die Lage versetzt gesehen die Möglichkeiten, besser in die bundesweiten Vernetzungsangebote für Telefon- und E-Mail-Beratung einzusteigen und den Qualitätsstandards der Deutschen AIDS-Hilfe noch besser Rechnung zu tragen. Vor allen Dingen waren die neuen Räumlichkeiten erschwinglich, was in der Zeit der „knappen Kassen und des Sparens“ ein wesentlicher Faktor ist.

Ein Mietvertrag für die Räume im ersten Stock wurde demnach bereits Ende März geschlossen. Am 1. Juli sollte Einzug sein. „Die Vermieterin sah uns als Bereicherung für ihr Haus an“, sagt Martin Dierck von der Aids-Hilfe. Niemand hatte Zweifel. Der beengte , alte Standort – ein paar 100 Meter stadtauswärts gelegen an der Wasbeker Straße 93 – wurde zu Ende Juni gekündigt. Man begann sofort mit der Renovierung am neuen Standort: Es wurde gestrichen, neue Fußböden wurden verlegt, Mobiliar wurde angeschafft. Die Presse wurde über die neue Anschrift informiert, und die Einladungen für einen geplanten „Tag der offenen Tür“ am 29. Mai waren bereits verschickt. Quelle

Am Dienstag den 11. Mai kam es jedoch anders als geplant.

Am Dienstag informierte die Vermieterin laut Aids-Hilfe deren Vorsitzenden Torsten Kniep darüber, dass es mit den anderen Vermietern im Hause Probleme gäbe. Demnach sollen die drei ansässigen Ärzte sowie die Inhaberin der Apotheke darauf drängen, dass das Mietverhältnis mit der Aids-Hilfe sofort rückgängig gemacht werde. Quelle

Nach dem Motto „Wir behandeln ja auch Menschen mit HIV“, waren die Befürchtungen der in dem Haus praktizierenden Ärzte, das ihnen auf Grund von Berührungsängste die Patienten mit Migrationshintergrund mit HIV nun mal haben und diese ihren Praxen, sollte die AIDS Hilfe Neumünster ihre neuen Räumlichkeiten beziehen,  fernbleiben und ihnen (den Ärzten) Einnahmen ausbleiben, sie sich somit in ihrer Existengrundlage gefährdet sehen würden, nicht von der Hand zu weisen.

Nach den Protesten von Ärzten und einer Apothekerin zieht die Aids-Hilfe nun einen Schlussstrich: „Anstatt wie geplant am Sonnabend in die neuen Räume an der Wasbeker Straße 50 einzuziehen, sind wir komplett ausgezogen“, teilte Torsten Kniep gestern mit. Der Vorsitzende der Aids-Hilfe ist maßlos enttäuscht: „So einen Akt von offensichtlicher Ausgrenzung darf es in unserer Gesellschaft einfach nicht geben.“ Quelle

Das das Thema HIV unter Menschen mit Migrationshintergrund ein heikles Thema ist, ist bekannt. Ob und wie man das bewertet ist im Grunde genommen sekundär.

Das diese Situation auch für die Vermieterin mehr als nur unerfreulich ist liegt auf der Hand. Mit einer solchen Reaktion seitens ihrer Mieter hat sie nicht gerechnet. „Die AIDS HIlfe ist eine gute Sache“ so sagte sie mir im Laufe eines Telefogespräches.

Am 11.05.2010 informierte die Vermieterin den ersten Vorsitzenden der AH Neumünster Torsten Kniep darüber, dass es mit den anderen Mietern im Hause Probleme gäbe.

Die Ärzte sowie die Inhaberin der Apotheke wünschten, nachdem sie erfuhren wer die freien Räume bezieht, dass das Mietverhältnis mit der Aids-Hilfe sofort rückgängig gemacht wird. Als Begründung nannten die Parteien ( lt. Aussage der Vermieterin ) „ Angst davor dass Patienten den Praxen fern bleiben und Angst vor Kriminalität im Haus“. Die Parteien befürchten, dass eventuelle HIV – positive Drogengebraucher in die Praxen und die Apotheke einbrechen und Rezeptblöcke und Medikamente stehlen könnten. Quelle

Was die Ärzte diskret unter den Tisch fallen ließen war, das es sich bei den „fernbleibenden Patienten“  u.a. um Menschen mit Migrationshintergrund handelte die einen Großteil ihrer Patienten ausmachten. HIV positiv und Drogenabhängig, Menschen mit Migrationshintergrund . . . Menschen denen man keinen Sachverstand sondern eher das Gegenteil zutraut. Schublade auf und rein mit ihnen. Dies ist um es mal höflich auszudrücken, schlicht und einfach indiskutabel.

Am 12.05.2010 kam es zu einem kurzfristig anberaumten Gespräch zwischen Vermieterin und Mietern, an dem Torsten Kniep aus zeitlichen Gründen leider nicht teilnehmen konnte. Resultat dieses Gespräches ist, dass der Mietvertrag mit unserer Aids-Hilfe Anfang nächster Woche gekündigt bzw. aufgehoben werden soll. Sollte dies nicht geschehen, drohen die anderen Mieter mit der Kündigung ihrer Mietverhältnisse.

An einem angebotenen, informativen und klärenden Gespräch mit dem 1. Vorsitzenden und der Diplom-Sozialpädagogin unserer Aids-Hilfe legen die anderen Mieter, laut Auskunft der Vermieterin, keinen Wert.

Besagte Vermieterin ist eine ältere Dame im Alter von über 8o Jahren. Sie ist, wie ich in einem Telefongespräch mit ihr feststellte und ihr gegenüber äußerte „Fit wie n Turnschuh“ was Sie mit einem Lachen quittierte, habe ich Sie doch am Vormittag während einer Radtour auf ihrem Handy erreicht. Nicht nur das es sich bei diesem Verhalten der Ärzte um wie es Ondamaris zum Ausdruck bringt „Fakten als erschreckendes Beispiel von absoluter Intoleranz und Diskriminierung“ handelt sondern es zeugt von einem respektlosen Verhalten der alten Dame, ihrer Vermieterin gegenüber. Insbesondere auch deshalb weil sie wissen das Menschen in einem hohen Alter Schwierigkeiten so notwenig brauchen wie ein Feld mit erntereifem Getreide das von einem Hagelsturm heimgesucht wird..

Allrdings muß sich der Vorstand der AH Neumünster die Frage gefallen lassen, was es den wichtigeres gäbe als diesen Sachverhalt aus der Welt zu kommunizieren.

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Update 18. Mai 2010 – Sieg der Vernunft über die Vorurteile ?

Zum Streit um das Büro der Aids-Hilfe Wenn nicht alles täuscht, ist vorüber. Die Bereitschaft zum Dialog, auch zum Bekenntnis eigener Fehler, lässt hoffen, dass die ganze Angelegenheit nach dem aufwühlenden Wochenende doch noch zu einem versöhnlichen Abschluss findet. Das wäre gut im Sinne der erfolgreichen Beratung, die die Aids-Hilfe in den letzten Jahren geleistet hat. Quelle

Mehr dazu gibt es bei ondamaris nachzulesen.

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Update 4. Juni 2010

Es steht nun endgültig fest, dass wir leider nicht in die Räumein der Wasbeker Str. 50 einziehen können. 
Der Vorstand hat vergangenen Freitag einen Aufhebungsvertrag unterschrieben. Ein klärendes Gespräch mit den ÄrztInnen konnte aus zeit- und räumlichen Gründen noch nicht stattfinden, steht aber nach dem Umzug an. Darüber hinaus wird es dann auch einen Pressetermin geben.
Aber es gibt auch gute Neuigkeiten: Wir haben durch einen Aufruf in der Zeitung neue Räume gefunden, in die wir sofort einziehen können! Die neuen Räume liegen sehr zentral auf dem Großflecken (Nr. 50, Hinterhaus) und sind bereits komplett renoviert. Da wir immer noch auf gepackten Kartons sitzen, findet der Umzug bereits an diesem Wochenende statt!

Telefonisch sind wir dann leider erst einmal nicht erreichbar. Einen genauen Termin, wann das Telefon in den neuen Räumen angeschlossen wird, konnten wir in der Kürze der Zeit leider nicht bekommen.
Natürlich wird es einen Tag der offenen Tür geben, zu dem wir wieder einladen werden. Der Termin steht allerdings noch nicht fest.“
Unsere neue Adresse ab dem 07.06.2010:
Großflecken 50 24534 Neumünster – Quelle

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Update 24.Juni 2010 – Man echauffiert sich weiterhin  . . . . . Ärzte warten auf Entschuldigung von Aids-Hilfe und SPD

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4 Antworten zu Ärzte und die AIDS Hilfe Neumünster – Zwei Seiten einer Medaille (akt1)

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  2. Michael Biegger schreibt:

    Meiner Meinung nach sollten die von den Ärzten und der Apothekerin ausgerenzeten und diffamierten Patienten diese zukünftig meiden. Und wenn möglich sollten aus Protest gegen ein solches Verhalten auch andere Patienten dieses Ärzte/Apothekerhaus meiden.

    Sicherlich gibt es genug andere Ärzte und Apotheker die diese Räumlichkeiten gerne anmieten würden, um die Patienten egal woher sie kommen und an was sie glauben zu behandeln.

    Auch mein (ehemaliger) Hausarzt wollte mich zunächst nicht an einen Schwerpunktarzt überweisen (der macht eben auch Substitutionsbeahndlungen), damit ich nicht mit Drogenabhängigen in einem Wartezimmer sitzen muss.

    Nun habe ich gewechselt und fühle mich rund um wohl mit den ganz normalen Patienten aus aller Welt, und mit verschiedenen Hintergründen und Problemen.

    Diesen Ärzten und er Apothekerin die Zulassung zu entziehen wäre dass mindeste was an Konsequenz richtig und sinnvoll wäre.

    Michael Biegger

  3. alivenkickn schreibt:

    Hallo Michael

    Wenn sich Ärzte einem Patienten DIREKT gegenüber derart äußern dann stimme ich Dir vorbehaltlos zu.

    In diesem Fall jedoch ist der Sachverhalt etwas anders. Es sind sozusagen die Aussagen der Vermieterin über den Inhalt eines Gespäches zwischen Vermieter und Mieter an dem kein Vertreter der AH Neumünster teilgenomen hatte.

    MfG alivenkickn

  4. Pingback: Neumünster - Blog - 17 May 2010

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