Patienten vor Profit anstelle Profit vor Patienten (akt)


Seit dem 28. April finden in Brüssel hinter verschlossenen Türen Verhandlungen zu dem EU-Indien Freihandelsabkommen statt. Es geht um die Ausweitung der geistigen Eigentumsrechte im pharmazeutischen Bereich, die über die Regelungen des TRIPS-Abkommens (Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights) hinaus gehen. Die treibenden Kräfte hinter den politischen Verhandlungsführern in Brüssel sind Pharmakonzerne die Wirtschaftszeitungen und Regierungen instrumentalisieren um ihre Interessen durchzusetzen.

Indien spielt bei der Produktion und Bereitstellung von bezahlbaren, lebensnotwendigen Generika-Produkten für ärmere Länder eine zentrale Rolle. Ohne diese in Indien hergestellten Generika wären im Laufe des letzten Jahrzehnts Millionen Menschen gestorben.

Um dieses Ziel zu erreichen scheute man sich nicht die in Indien hergestellten Generika als FAKE Medikamente zu diffamieren.

Zitat Tido von Schoen-Angerer

Qualitativ hochwertige, legal hergestellte Generika sind aber alles andere als ein „Fake“. Sie bilden die Lebensader von Therapieprogrammen auf der ganzen Welt. „Ärzte ohne Grenzen“ hängt von ihnen ab, um effiziente Hilfsprogramme durchführen zu können. Umfangreiche globale Gesundheitsprogramme, die von den USA und anderen Ländern unterstützt werden, sind darauf angewiesen, um zu gewährleisten, dass sie eine möglichst große Anzahl von Kranken erreichen. Das Überleben von Patienten auf der ganzen Welt hängt von Generika ab.

Die Ironie einer solchen Anschuldigung ist, das es durchaus Realität werden könnte, sollten die Verhandlungen in Brüssel im Sinne der Pharmakonzerne Erfolg beschieden werden. In einer Dokumentation die unter dem TitelTödliche Fracht – Der Kampf gegen Medikamentenfälscher vom WDR/Phoenix gesendet worden ist, zeigten Walter Harrich und Danuta Harrich-Zandberg wie lukrativ das Geschäft mit gefälschten Medikamenten ist. Das dieses Scenario sich dann in verstärktem Maß um HIV Medikamente erweitern wird liegt auf der Hand.

Die Frage welche Absichten sich tatsächlich hinter den EU-Indien FTA Verhandlungen in Brüssel verbergen lautet „Cui bono„. Wem gereichen die Verhandlungen wenn ihnen Erfolg beschieden wird zum Vorteil?

Big Pharma goes Generika

Viele Jahre haben forschende Arzneimittelunternehmen Generika schlechtgeredet. Jetzt steigen sie selbst in großem Maßstab in das Geschäft mit „Nachahmer-Produkten“ ein. Big Pharma möchte mit Marken-Generika zu höheren Preisen Geld verdienen und hat dabei auch Menschen in Schwellenländern im Blick.

Die New York Times nennt einen wichtigen Grund fü das neue Interesse von Big Pharma am Generika-Geschäft. Allein in den USA laufen in den nächsten fünf Jahren die Patente für Präparate mit einem prognostizierten Umsatzvolumen von 89 Milliarden US$ aus – und es sind nicht genügend neue vielversprechende Arzneimittel in Sicht, die die vorhersehbaren Umsatzverluste ausgleichen könnten.

Da ist es verlockend, auch an Generika mitzuverdienen – und das nicht nur in Industrieländern. Vor allem die sogenannten neuen Märkte sind interessant, die schnell wachsenden Volkswirtschaften in Osteuropa, Lateinamerika und Asien. Quelle pdf Datei

„Ärzte ohne Grenzen“ bezieht bis zu 80 % der antiretroviralen Medikamente zur Versorgung von Menschen mit HIV/Aids vom indischen Generika-Markt. Die Bereitstellung dieser Präparate ist nur möglich, weil Indien keine Patent-Hemmnisse kannte, die diese Zusammenstellung behindert hätte. 92 % von 4 Mio HIV-Infizierten erhalten „bezahlbaren“ Generika, meistens aus Indien.

  • GlaxoSmithKline kaufte sich bei der südafrikanischen Firma Aspen ein und schloss mit dem indischen Hersteller Dr. Reddy’s einen Vermarktungsvertrag für Schwellenländer. Dort sollen die Produkte künftig mit einem Glaxo Qualitätssiegel verkauft werden.
  • Sanofi Aventis kaufte letztes Jahr für 1,5 Milliarden € gleich drei Generikafirmen: Medley in Brasilien, Laboratorios Kendrick in Mexiko und Zentiva in Tschechien.
  • Pfizer geht den umgekehrten Weg und kauft bei drei indischen Firmen die Produkte für ihre US-Generikatochter Greenstone ein.
  • Novartis ist durch Zukäufe inzwischen nach Teva der zweitgrößte Generikahersteller der Welt. Quelle

Bei der folgenden Aussage des Sanofi Chef Viehbacher wird einem dann so richtig warm um´s Herz.

„Außerhalb Europas und der USA müssten die Menschen ihre Medikamente aus der eigenen Tasche zahlen, deshalb braucht es Arzneimittel, die zum Geldbeutel passen, und meiner Meinung nach sind Generika da genau das Richtige.“ Quelle

Was sich Sanofi mit Arzneimitel die zum Geldbeutel passen vorstellt läßt sich erahnen wenn man weiß das z.b. Abbott die Preise für die Monatsdosis Kaletra von 5.938 Baht (etwa 181$) auf umgerechnet 107$ zu reduziert hat. Zu einer ähnlichen Entscheidung hat sich Bristoll Meyers Squibb durchgerungen.

Auf den ersten Blick ist man geneigt ob solch einer altruistischen Haltung der Pharmaindustrie zum Taschentuch zu greifen um des nicht enden wollenden Strom der FreudenTränen Einhalt zu gebieten.

Schaut man sich das pro Kopf Einkommen eines Thailänders an so findet man sich ganz schnell in der Realität, auf dem Boden der Tatsachen wieder. Das Pro Kopf Einkommen liegt bei 3.940 US $ was einem monatlichen Verdienst von US $ 328 entspricht. Umgerechnet sind dies ca 10.500 Baht. Der Preis von Kaletra alleine beläuft sich auf 3.450 Bath. Was eine 3 er Kombi zu einem „zum Geldbeutel passenden Preis“ kostet dürfte sich von selbst beantworten. Dies alles unter der Prämisse das ein HIV infizierter ThailänderIn einer geregelten Beschäftigung/Arbeit mit dem entsprechenden Lohn nachgeht bzw Diesen auszuüben in der Lage ist.

Noch schlechter ist die Situation in Indien. Bei einer Einwohnerzahl von rund 1,1 Milliarden betrug das Pro-Kopf-Einkommen 2006 nur rund 800 US-Dollar. Rund 80 Prozent der Inder verfügen über weniger als 2 US-Dollar am Tag, rund ein Drittel über weniger als einen US-Dollar am Tag.

Wenn man um diese Tatsachen weiß, dann ist die folgende Ausssage an Zynismus kaum zu überbieten.

Ronny Gal von der Beratungsfirma Sanford C. Bernstein & Company sieht das Potential ganz pragmatisch:

„Patienten bevorzugen Markenprodukte. Und solange sie das meiste selbst zahlen, werden sie Marken-Generika kaufen.“

Da sich aber auch in Schwellenländern die öffentliche Gesundheitsversorgung verbessern werde, würden sich langfristig billige Generika durchsetzen. Aber bis dahin vergingen noch zehn Jahre. Bis dahin: Gute Geschäfte für Big Pharma, zwar nicht mit den Ärmsten, aber doch mit wenig wohlhabenden Menschen. Quelle

Die Verhandlungen um das EU-Indien Freihandelsabkmmen sind kein Zufall, besonders dann nicht wenn man weiß das die Europäische Union demnächst die Gespräche über ein Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten i.e. Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay, wieder aufnehmen will. Besonders Brasilien dürfte der EU und insbesondere den Pharmakonzernen „ein Dorn im Auge sein“, war es doch Brasilien das Anfang der 90 Jahre mit der Generika Produktin begann. Quelle

Gibt es so etwas wie „Zufall“? Was dieses Scenario betrifft sicher nicht. Die Gespräche/Verhandlungen im Kontext zu den Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, der EU und den Mercosur Staaten, und den Verhandlunge um das ACTA Abkommen  “Anti-Counterfeiting Trade Agreement” die sich alle innerhalb eines bestimmten Zeitfensters bewegen, lassen darauf schließen das dieses Scenario von langer Hand vorbereitet und koordiniert wurde. Der Einfluß der Pharmakonzerne dürfte dabei eine nicht unmaßgebliche Rolle gespielt haben.

*

Update 22. Mai 2010 – Streit um den Umgang mit Generika

Eine ungewöhnlich kontroverse Debatte dreht sich um den Schutz gegen gefälschte Medikamente; mangels eines Konsenses der 193 Mitgliedstaaten der WHA musste das Problem auf künftige Beratungen verschoben werden. Hinter dem unscheinbaren «gefälscht» («counterfeit» in der Sprache der WHO-Berichte) verbirgt sich eine Doppeldeutigkeit: Es bedeutet einerseits verbrecherisch fabrizierte und oft verunreinigte Arznei mit zweifelhaftem, schädlichem oder gar keinem Wirkstoff, welche eine Gefahr für die Volksgesundheit darstellt, anderseits aber nachgemachte, den Originalmarken sonst gleichwertige Produkte wie zum Beispiel Generika. Beim Zweiten ist ein rein wirtschaftliches Interesse im Spiel.

Indien und Thailand verlangten in einem Resolutionsentwurf, die WHO müsse den Begriff «counterfeit» klären, dessen Missbrauch beenden und sich auf den Dienst an der Volksgesundheit konzentrieren. Dazu gehöre auch die Garantierung des Rechts auf den Zugang zu zuverlässiger und erschwinglicher Medizin – das heisst für Entwicklungsländer zu Generika. Umgekehrt soll sich die WHO von der bisherigen Zusammenarbeit mit Impact (einem gemischten Gremium mit Vertretern der Heilmittelkontrolle, der Polizei und der grossen Pharmaunternehmen) abwenden, weil dieses mit einer Hand für den Markenschutz teurer Medikamente, mithin für rein kommerzielle Interessen fechte. Gegenvorschläge, unter anderem von der Schweiz und der EU, steuerten in Richtung einer weiteren Begriffsklärung. Quelle

*

IMPACT – International Medical Products Anti-Counterfeiting Taskforce

Who participates in the taskforce?

The World Health Organization spearheaded the creation of the IMPACT partnership which includes representatives from the following organizations; Interpol, Organization for Economic Co-operation and Development, World Customs Organization, World Intellectual Property Organization, World Trade Organization, International Federation of Pharmaceutical and Manufacturers‘ Associations, International Generic Pharmaceuticals Alliance, World Self-medication Industry, Asociacion LatinoAmericana de Industrias Farmaceuticas, World Bank, European Commission, Council of Europe, Commonwealth Secretariat, ASEAN Secretariat, International Federation of Pharmaceutical Wholesalers, European Association of Pharmaceutical Full-line Wholesalers, International Pharmaceutical Federation, International Council of Nurses, World Medical Association, and Pharmaciens sans frontiers. Quelle

* * *

Ähnliche/weitere Beiträge zu diesem Thema:

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Gesundheit, HIV/AIDS, International, Medien, Menschenrechte/Human Rights, Pharmaindustrie, Politik abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s