1. Dezember 2009 – Paulskirche – Die Reden – Michele Meyer


Michèle Meyer – AIDS-Aktivistin, Mutter und Präsidentin LHIVE, Hölstein/Schweiz

Wenn Würde nicht gleich Würde ist – ein Spagat.

Die Würde des Menschen ist angetastet. Wochenlang bin ich mit dem Titel dieser Veranstaltung schwanger gegangen. Was ist Würde? Wie fühlt sie sich an? Wo ist sie? Wer hat das Wort erfunden und warum tu’ ich mich so schwer damit?

Über die Aufklärung führte mein Weg ins alte Rom zu Cicero. Ich kann nicht viel anfangen mit bedingungsloser Menschenwürde, die doch dauernd mit Füssen getreten wird. Auch wenn sie in den Menschenrechten und in der Verfassung hochgehalten wird, stolpere ich immer wieder über die Lässigkeit mit der sie mir und uns abgesprochen wird.  Ich bin überzeugt, dass wir heute viel näher an Ciceros Würdebegriffen leben, als wir uns eingestehen.

Würde bekommt man und Würde wird einem genommen. Das heisst: ich muss sie mir verdienen und ich muss etwas tun, um sie nicht zu verlieren. Nur: ganz so einfach ist es dann auch wieder nicht, denn ich bin nicht im Besitz von Würde, sie wird mir nur verliehen und einfordern ist tabu.

Seit ein gewisser Sigmund Ehrmann, SPD-Abgeordneter und unter anderem Mitglied der Kreissynode des evangelischen Kirchenkreises Moers, mich resp. uns Menschen mit HIV/AIDS als Biowaffe bezeichnet hat, bin ich gar nicht mehr sicher, dass das alles in meiner Hand liegt.

Welche Würde hat eigentlich eine Biowaffe? Ich bin also eine Biowaffe. Vielleicht stimmt es ja und ich tue auch bloß so als wäre ich Mensch. Immerhin kommt der Verdacht öfters auf, nicht mehr ganz Mensch zu sein. Sondern bloß HIV-positiv. Reduziert darauf, ein Virenträger zu sein. Oder wieder mit Cicero: der Gesellschaft nicht dienlich genug zu sein, um überhaupt Würde zu verdienen.

Heute stellt Gesundheit ein mechanisches Problem dar und Funktion ist das Ziel, nicht Würde. „Wie haben sie sich angesteckt?“ fragt die Schulleiterin und in ihrem Tonfall lauert vulgäre Neugier und die Lust mich zu entwerten. Sag ich jetzt: „Ich hatte Sex, mehr als genug und ich hab’s genossen“, wird sie vielleicht erröten, sich jedoch bestätigt fählen: „Die Frau ist ein Flittchen, wusst’ ich’s doch!“. Sag ich: “Mein erster Mann ist an den Folgen von AIDS verstorben“, dann stockt ihr wohl kurz der Atem und sie müsste schon sehr dreist sein, um weiterzufragen. Das wäre dann unter ihrer Würde. Wahrscheinlich.

Welchen Platz in der Gesellschaft haben wir denn, in Zeiten in denen Recht auf Gesundheit in aller Munde ist, aber Recht auf Krankheit als Polemik abgetan wird?  Wenn Verantwortung, die Schuldfrage meint, glaube ich nicht an Würde. New Public Health ist das Ziel. Und ich bin ein Corpus delicti.

Ein Exempel statuieren. Immer wieder. Nadja Benaissa kam da gerade recht, krank sein und dann auch noch erfolgreich sein wollen? Ein gefallener Engel fällt tiefer. Amt und Wür den. Wo denn? Eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit, nichts anderes, sei sie … schmutzig, schuldig, verrucht. Andere mit Schmutz zu bewerfen und zu entwürdigen, damit sind wir manchmal verdammt schnell. Wer Schuld und Scheitern verkörpert, hat in unserer Gesellschaft längst ausgespielt. Und alle spielen mit. Auch ich habe Moral und Werte verinnerlicht wie alle anderen. Und Selbstentwertung macht mich dann doch wieder interessant. Zumindest als Klientin von Sozialarbeitern, Psychologen und Fürsorgern. Eine ganze Maschinerie lebt gut davon!

Ich könnte mich fügen und eventuell doch noch so was wie Würde erlangen, zumindest Mitleid und Möglichkeiten der Rehabilitation. Eigentlich ist es ganz einfach:  „Gib dein Gesicht für Prävention, als abschreckendes Beispiel, opfere dich selbst und du hast wieder einen Platz mit etwas Würde unter uns Menschen. Hilf der Gesellschaft, schütze sie vor dir und Deinesgleichen“; „Verstecke dich, aber zeige dein Stigma, das fördert die Spendengelder“ … und als Zückerchen gibt’s das volle Programm: Sonderstellung und X-Möglichkeiten sie für mich zu nutzen, sekundärer Krankheitsgewinn, zum Beispiel jede Menge Mitleid.

Ich kann verzichten auf diese Ersatzwürde. Sie ist an Konditionen gebunden, die mir nicht schmecken. Ich muss mich nämlich reduzieren lassen, verschämt, reuig, unauffällig und vorbildlich der Gesellschaft zu dienen, die mir die Würde trotzdem abspricht. Die an Bildern festhält, die längst überholt sind, falls sie je gegolten haben. Die Sündenböcke braucht, um sich selbst zu rechtfertigen in ihrem Zwang nach Normierung, ihrer Verkrüppelung zur funktionierenden Maschine, die Geld, Erfolg und Unsterblichkeit ausspuckt. Und solange ich – in der Schweiz – selbst in der Aids-Arbeit nicht gewürdigt werde, kann ich auch verzichten auf Kommissionssitzungen, Subventionen und meine Stellung als Quoten-Positive. Ich gehöre ja nicht mal einer Hochprävalenzgruppe an, wen will ich denn vertreten, heisst es immer wieder. Zudem: „Wer nicht Kondome und Therapietreue predigt, hat nichts zu sagen.“ Was mir natürlich schwerfällt und wohl auch nicht im Sinne des Erfinders von Selbsthilfe wäre …, aber wen interessiert Freiheit und Würde des Einzelnen, wenn Machbarkeit nach Gleichschritt verlangt? Schwer drückt manchmal die Würde, wenn nach wiederholter Medienpräsenz das Telefon klingelt. Wenn Menschen mit HIV und AIDS sich darüber beklagen, dass ich zu gesund aussehe, dass ich zu wenig das Leiden betone und selbstbewusst Forderungen stelle; wenn mir meine Integration vorgeworfen wird.

Die Würde des Menschen ist angetastet. Wie komme ich eigentlich dazu, trotzdem an Würde festzuhalten?  Habe ich eine, die mir gehört und wenn ja, wie viel Fremdbewertung erträgt sie, meine eigene Würde? Wie viel Demütigung und Reduktion? Kann ich sie behüten, vor Diebstahläsichern, und kann ich sie davon abhalten, sich selbst zu vergessen? Wie kann ich sie wah ren, wenn ein gelber Punkt die Türe zu meinem Spitalzimmer ziert und vom Chefarzt bis zur Zugehfrau alle vorgewarnt sind. Wie, wenn ich kurz nach der Geburt meiner Tochter, die Sozialarbeiterin am Wochenbett stehen habe, die unauffällig meine Mutterqualitäten zu prüfen versucht? Wie, wenn ich von meinen Nächsten zielsicher und zutiefst verletzt werde, fremdgeoutet und ohne Recht auf Abgrenzung. Wenn alle Konflikte dahin gelenkt werden, dass ich HIV-positiv bin? Da sind die Andern fein raus und ich stehe am Pranger. Würdelos.

Wie kann ich die Würde leben lassen, wenn ich selbst denke, mein Mann sei deshalb etwas besonderes, weil er sich mit einer Positiven eingelassen hat? Nur: was wissen die Andern denn von meiner Würde? Und was weiss ich selbst? Woher kommt diese Zielsicherheit, diese Überzeugung, ich hätte sie selber verspielt? Durch kondomlosen Sex? Oder eher durch das Verfehlen. Dieses Ausserhalbsein, diese Entwürdigung ermöglicht Narrenfreiheit, manchmal. Was hat Abschaum noch zu verlieren?

Ich brauche mich auch nicht mehr zu tarnen oder so zu tun als gehöre ich wieder zu den Guten, den Reuigen. Was mich rettet, ist Widerstand. Widerstand gegen Fremdbewertung, übergestülpte Hilfe und Kontrolle bis ins Schlafzimmer. Ich muss stinkfrech den Bildern trotzen, manchmal leise, manchmal laut.

Die passenden Schubladen gibt’s nicht: ich bin integriert, ich bin aussortiert, ich habe keine Würde, ich nehm’ sie mir.

Dieses Borstige, Widerspenstige rettet mich. Und frei nach dem Lehrbuch gibt’s Emp0werment nie ohne Eigenwilligkeit. Wem sag ich das?
Und darum bin ich gefährlich, Ich verführe dazu, Fehler zu machen. Manche behaupten, ganz im Schutz der Meinungsfreiheit, ich sei ein Massenmörder. Irre, hinterhältig und brandgefährlich. Ganze Völker könnten mir folgen.

Dieses inszenierte Entwerten tut weh, macht wütend, aber viel treffender und schmerzlicher ist die Ohnmacht, das Gefühl eine Gesetzlose zu sein und der Schmerz, nicht genug bewegen zu können, obwohl die Welt in meinem Kopf Würde verlangt. Unter uns: mutig war diese Kampagne von Regenbogen e.V. nicht. Weltbank, Politiker, Profit & Geiz, Ignoranz sind Massenmörder …

Oder: welche Menschenwürde meinen wir, wenn wir nicht teilen, was wir haben? Wieviel sind denn Menschen in Afrika, Asien und Osteuropa wert? Wie viel Würde ist noch spürbar und wie viel Scham, wenn mir die Pillen im Hals stecken bleiben, angesichts meiner Brüder und Schwestern weltweit …da macht Compliance Spaß.

Und allen Beratungen aus den Aids-Hilfen zum Trotz: ich steh dazu, ich bin ich und meinen HIV-Status gibt’s nicht gesondert davon. Mir muss nicht geholfen werden zum Preis der Fremdbestimmung. Auch wenn es anstrengend ist, sichtbar, fassbar zu sein; aber wer sagt denn, dass Anpassen nicht anstrengend wäre. Dauernde Selbstentwertung macht krank, alt und an Lebensqualität bleibt da nicht mehr viel übrig. Von Würde ganz zu schweigen.

Manchmal überrascht mich das Leben. Zum Beispiel im Dorf, wo ich lebe, dort hat Zivilcourage einen hohen Stellenwert und ich habe unverhofft wieder Würde.  Vor wenigen Tagen kam eine Nachbarin auf mich zu. Meine Töchter waren mit anderen Kindern bei ihr zum Essen und Spielen eingeladen gewesen. Sie berichtete mir lachend, dass Sofia, die Ältere der beiden, bei der Gelegenheit Aufklärungsarbeit geleistet hätte. Sie lachte herzlich zwischen den Sätzen und erzählte wortgetreu, was meine Tochter zu sagen wusste: „Mama ist oft im Fernsehen, weil sie ein Virus hat. Aber sie schämt sich nicht, nicht so wie andere, darum wird sie gefilmt. Und wisst Ihr, wie man das Virus bekommen kann? Beim ‚Schtzele’, aber mein Papa kann sich nicht anstecken, Mama nimmt Medikamente.“

Die Selbstverständlichkeit dieser Rückmeldung hat mich sehr berührt. Nein, ich schäme mich nicht und draussen in der Welt kann ich notfalls den einen Trick immer anwenden: ich ziehe mir meine Clownnase an, immer dann, wenn sich die innere Würde zu vergessen droht, wenn sie meint, der anderen, längst verlorenen oder nie erreichten Würde nachrennen zu müssen. Nicht zufällig habe ich nach jahrelangen vergeblichen Versuchen, wieder auf den Arbeitsmarkt zu kommen, mich entschieden, Clown zu werden. Der Clown lebt vom Spiel mit den Tücken, er verkörpert die Kunst des Scheiterns und ist zutiefst menschlich: er macht Fehler, spielt und kümmert sich nicht um Normen. Er hält dem Menschen den Spiegel hin und wird dafür liebevoll mit Applaus und einem ehrlichen Lachen gewürdigt.

Dann schlage ich selbst dem alten Römer Cicero einen Haken … und lächle in mich hinein – in Würde.

 

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