1. Dezember 2009 – Paulskirche – Die Reden – Franz Josef Wetz


Prof. Dr. Franz Josef Wetz, Professor für Philosophie, Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd

Gefährdete Selbstachtung

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – so heißt es in Artikel 1 GG. „Die Würde ist angetastet“ – so das Motto dieser Veranstaltung. Doch was bedeutet Würde überhaupt? Oft zitiert, aber nur selten definiert, leidet der höchste Rechtswert unserer Gesellschaft unter deklamatorischer Abnutzung. Magischen Orakeln gleich ist die Menschenwürde zwar im Anrufungsfalle sofort zur Stelle, hält aber als Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit oft nur dunkle Sprüche bereit.

Allgemein soll der Begriff Menschenwürde zum Ausdruck bringen, dass der Einzelne unabhängig von seinen Stärken und Schwächen einen Achtung gebietenden Eigenwert besitzt. Bildhaft formuliert bezeichnet hierbei das Wort Achtung eine Haltung, die sich vor etwas verbeugt, weil es bereits einen Wert hat oder um diesem hierdurch überhaupt erst einen Wert beizulegen. Demnach bedeutet die Menschenwürde zu achten, sich vor dem Menschen zu verneigen, weil er einen besonderen Wert hat oder eben um einen solchen ihm hierdurch zu verleihen. Nun darf die überaus schwierige Frage, ob Menschen gleichsam angeborenerweise schon einen Eigenwert, Würde, besitzen, oder ob ein solcher Wert erst im Umgang des Einzelnen mit sich und der Menschen miteinander entsteht, ausgeklammert bleiben. Hier genügt die bescheidene Feststellung, und darüber dürfte weitgehend Übereinstimmung bestehen, dass das eigene Leben normalerweise für einen wertvoll ist, unabhängig von der Frage, ob es diesen Wert an sich oder nur für uns gibt.

Nur, was heißt dies: Das eigene Leben ist für einen wertvoll? Genauer betrachtet bedeutet es: das eigene Dasein als lebenswert zu bejahen. Und sein Dasein als lebenswert zu bejahen meint soviel wie, sein Leben der Mühe für wert zu halten, die es einem selbst und anderen bereitet, obwohl das Vertrauen in die Lebbarkeit des eigenen Daseins keineswegs selbstverständlich ist. Es ist hier nicht der Ort zu ergründen, woher diese Selbstbejahung trotz aller Anstrengungen und Beschwernisse kommt. Es genügt wieder die einfache Feststellung, dass sie praktisch von uns allen mehr oder weniger bewusst im gelebten Alltag vollzogen wird. Das tägliche Leben beweist gewissermaßen, dass wir es bejahen, der Mühe für wert halten, als wertvoll ansehen.

Das wird auch daran deutlich, dass jeder von uns als Jemand ernst genommen werden möchte und nicht als Niemand oder gar als bloßes Etwas betrachtet und behandelt werden will. Diese Bejahung des eigenen Daseins fasst der Begriff Selbstachtung zusammen, die zu den elementaren Voraussetzungen menschlichen Überlebens und eines guten Lebens gehört. Sich selbst zu achten heißt nach alledem: das eigene Dasein als wertvoll zu bejahen, sich selbst zu wollen und zu sich selbst zu stehen. Dann besagt: „Die Würde ist angetastet“ soviel wie: „Die Selbstachtung ist angetastet.“ Doch was heißt das wiederum – „angetastet“? Dies ist gleichfalls ein nebulöser Begriff. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ drückt zweierlei aus: zum einen, dass die Würde als natürliche Anlage oder Vorgabe nicht zerstört werden kann; zum anderen, dass die Würde als ethisches Anliegen oder Aufgabe nicht verletzt werden darf. Die Frage, ob die Würde eine natürliche Anlage, ein angeborener Wert ist, haben wir offen gelassen. Denn hierauf bezieht sich die Formel „Die Würde ist angetastet“ nicht. Vielmehr möchte diese Formel sagen: Die Würde des Menschen wird verletzt – und das heißt mit Bezug auf das Dargelegte: Die Möglichkeit zur Selbstachtung ist bedroht, teilweise nicht oder nicht mehr gegeben.

Menschliches Leben wird einem nicht nur geschenkt, sondern auch auferlegt und zugemutet. Es ist sorgenvoll, mühsam und des Gelingens niemals sicher. Deshalb ist es keineswegs selbstverständlich, sich selbst achten zu können, obwohl wir immer schon dazu neigen, unserem Dasein einen Wert beizulegen. Doch die Fähigkeit hierzu bleibt stets gefährdet – etwa durch Ausgrenzung, Bevormundung, das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, auch Armut – und vieles andere mehr kann der Selbstachtung abträglich sein, die Würde antasten. Ein Leben mit dem HI-Virus kann einen solchen negativen Verlauf nehmen, muss es aber nicht. In jedem Falle wirft es die Frage auf, unter welchen allgemeinen Bedingungen Selbstachtung noch am ehesten möglich ist. Welche Vorkehrungen sind gegen Gefährdungen der Selbstachtung zu treffen? Wann sind Menschen am ehesten in der Lage, zu ihrem Leben so Stellung zu nehmen, dass sie es als wertvoll bejahen können, dass sie sich selbst wollen und zu sich selbst stehen?

Allgemein gehört hierzu ihre Anerkennung als Personen mit gleichen Rechten, die sich in drei Klassen unterteilen lassen, nämlich

  • erstens in liberale Freiheitsrechte wie der Möglichkeit, sein Leben nach eigenen Vorstellungen führen zu dürfen;
  • zweitens in politische Teilhaberechte wie Wahlrecht, Recht auf Mitgestaltung des öffentlichen Lebens;
  • und soziale Wohlfahrtsrechte wie materielle Sicherung und ausreichende medizinische Versorgung.

Die Gewährleistung dieser drei Arten von Rechten sind wichtige Voraussetzungen zur menschlichen Selbstachtung, deren Vorenthaltung leicht als demütigend empfunden werden kann.

Allerdings erfordert die Möglichkeit zur Selbstachtung noch mehr als nur die Bereitstellung bestimmter rechtlicher, politischer und ökonomischer Rahmenbedingungen. Der Selbstachtung förderliche Wertschätzungen ereignen sich oftmals sogar im toten Winkel rechtli-
cher Institutionen, etwa durch Liebe, Freundschaft und durch die Anerkennung anderer Menschen. Wer sich im beschwerlichen Alltag seines Daseins auf die liebevolle Zuwendung und fürsorgliche Unterstützung guter Freunde verlassen kann, ist nicht nur eher imstande, ein stabiles, widerstandsfähiges Selbstvertrauen aufzubauen, sondern auch ein größeres Selbstwertgefühl zu entwickeln als all jene, die hierauf verzichten müssen. Es gibt ganz verschiedenartige Verhaltensweisen und gesellschaftliche Verhältnisse, welche die zerbrechliche Selbstachtung verhindern, gefährden oder gar zerstören können. In diesem Falle triumphiert das Gefühl persönlicher Nichtswürdigkeit über die mühsam
errungene Vorstellung eigener Existenzwürdigkeit. Dabei bedarf es noch nicht einmal der großen Diskriminierungen, Entrechtungen und Schändungen, um sich gedemütigt zu fühlen; manchmal genügen hierfür schon eine leicht abfällige Mimik, Beschimpfungen in der
Sprache des Unrats oder überheblich dargereichte Almosen.

Freilich gibt es auch Virtuosen der Selbstachtung, die ihre hohe Meinung von sich noch in der äußersten Erniedrigung bewahren können und sich nicht vor ihrem Elend beugen, den so genannten aufrechten Gang behalten, um nicht durch widerstandslose Duldung des Elends sich zum Komplizen hiervon zu machen. Doch die Humanität einer Gesellschaft wird auch daran gemessen, ob sie ihren Bürgern, einem HIV-Infizierten, Aidskranken oder sonst wem, keinen nachvollziehbaren Anlass gibt, eine solche Virtuosität ausbilden zu müssen, um sich noch achten zu können.

Nun gehört es zur Eigenart alltäglicher Lebenspraxis jedoch, dass wir mal gedemütigt, mal geachtet werden – und glücklicherweise öfter das Eine durch das Andere ausgleichen können. So mag Arbeitslosigkeit oder ein Beruf mit geringem gesellschaftlichen Ansehung die Selbstachtung beschädigen, das attraktive Äußere oder ein intakter Freundeskreis können dagegen die Selbstachtung fördern; so mag die eigene Hässlichkeit am Selbstwertgefühl nagen, der ökonomische Erfolg, intellektuelle Leistungen oder soziale Verdienste können hingegen das Selbstwertgefühl wieder stärken. Das heißt: Gesellschaftliche Wertschätzung kann nie garantiert werden. Nicht zuletzt deshalb sichert der moderne Staat jedem Bürger eine Reihe von Grundrechten zu, welche die Entwicklung von Selbstachtung zumindest erleichtern können.

Aber auch wenn jeder, der sich achtet oder gedemütigt fühlt, subjektiv sicherlich einen guten Grund hierfür hat, so ist damit noch gar nicht die Frage berührt, ob diese Gefühle der Selbstachtung oder Demütigung überhaupt auch gerechtfertigt sind. Freilich, wenn das eigene Leben mit all seinen Handlungen vor den Augen des eigenen Urteils seine Zustimmung erhält, dann achtet man sich. Allerdings könnte es ein rücksichtsloses, verantwortungsloses Leben,  etwa das eines boshaften Verbrechers sein, das seine Zustimmung von diesem erfährt. So mag jemand seinen Nächsten bewusst in furchtbares Elend stürzen und sich trotzdem achten können. Ein Anderer mag seine Selbstachtung auf überhebliche
Arroganz, verlogene Schmeicheleien oder unterwürfiges Kriechen vor Anderen gründen.

Diese Beispiele zeigen: So wichtig Selbstachtung zum Leben ist, moralisch qualifiziert ist sie deshalb noch lange nicht. Selbstachtung ist erst dann moralisch qualifiziert, wenn sie sich – vereinfacht formuliert – nicht gegen das Wohl der Menschen richtet. Akademischer gesprochen: Die eigene Selbstachtung ist moralisch ist erst dann gerechtfertigt, wenn das bewusst gestaltete Leben nicht bloß vor den Augen des eigenen subjektiven Urteils Gnade erfährt, sondern auch vor den Augen eines aufgeklärten, urteilsfähigen Beobachters mit gutem Willen als billigenswert erscheinen würde.

Fassen wir das bisher Ausgeführte thesenartig zusammen:

Damit Selbstachtung sein kann, bedarf es liberaler, politischer und sozialer Rechte und in der außerrechtlichen Alltagskultur fürsorglicher Zuwendung, Anerkennung, Solidarität – also der Unterstützung und Hilfen der Anderen.  Doch damit wir unserer Selbstachtung aus moralischer Sicht auch würdig sind, bedarf es eigener persönlicher Anstrengungen, nämlich eines Verhaltens uns selbst und anderen
gegenüber, das aus der Perspektive eines wohl informierten, zurechnungsfähigen Beobachters mit gutem Willen vertretbar erscheint.
Nun handeln wir aber oft nicht so, weshalb man fast dem ehemaligen Bundeskanzler Adenauer zustimmen möchte, wenn er sagt: „Es ist schwer, die Menschen zu kennen und sie nicht zu verachten.“ Aus ethischer Sicht jedenfalls sollte man sich regelmäßig fragen, ob sich die eigene Lebenspraxis immer verantworten lässt, ob man sich damit sehen lassenkann, eben ob die eigene Selbstachtung auch moralisch qualifiziert ist. Der humanistisch- aufklärerische Anspruch, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben, gilt auf alle Fälle nicht unbegrenzt und vorbehaltlos. Und nicht jede Beschränkung der Freiheit lässt sich einfach als unzulässige Bevormundung abtun.

Abgesehen davon, dass die eigene Freiheit dort endet, wo die Nase des Anderen beginnt, setzt Freiheit bei der Klärung der eigenen Interessen aufgeklärte Urteilsfähigkeit voraus, die durchaus den Wünschen des Augenblicks widersprechen kann. So haben wir im betrunkenen Zustand beispielsweise vielleicht den Wunsch, noch Auto zu fahren, aber mit ungetrübt urteilsfähigem Blick auf die möglichen Risiken sicherlich kein ernsthaftes Interesse hieran. Ähnlicher Abwägungen bedarf es auch im sexuellen Umgang der Menschen miteinander, wo wir, überflutet von den ekstatischen Begierden des Augenblicks, leichter dazu neigen, unsere Wünsche irrationalerweise den eigenen Interessen und unmoralisch-
erweise den Interessen des begehrten Anderen überzuordnen, manchmal mit fatalen Konsequenzen. Diese Probleme seien hier nicht übermäßig dramatisiert, doch seien sie gerade am Weltaidstag auch nicht einfach banalisiert.

Am heutigen Weltaidstag gilt es wie jedes Jahr pure Nachdenklichkeit zu stiften und an die scheinbar triviale Tatsache zu erinnern, dass Selbstachtung zum einen fundamental gefährdet bleibt durch die Verhältnisse, in denen wir leben, und durch das Verhalten, das die Anderen uns gegenüber zeigen, zum anderen aber auch durch unser eigenes Verhalten.  Nach Lage der Dinge ist die Menschenwürde nicht einfach so da, sondern es muss viel dafür getan werden, damit sie da sein kann. Sie ergibt sich erst aus dem Umgang der Menschen mit sich und ihresgleichen sowie aus den Verhältnissen, in denen sie leben. Und das heißt letztendlich: Sie hängt allein von uns ab. Nur wir selbst können mehr freundliche Wärme in die vor Kälteeinbrüche ungesicherte Alltagswelt bringen! (Quelle) pdf Datei

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