1. Dezember 2009 Paulskirche – Die Reden – Dr. Manuela Rottmann, Frankfurt/Main


Grußwort der Stadt Frankfurt – Frau Dr. Manuela Rottmann,  Stadträtin, Dezernentin für Umwelt und Gesundheit

Wie jedes Jahr (seit 1988) rücken zahlreiche weltweite Aktivitäten das Thema AIDS und HIV am 1. Dezember wieder stärker ins Bewußtsein.In den Zeitungsberichten dieses Jahres kamen einige Menschen zu Wort, die nicht den „klassischen“ Risikogruppen angehören. Da wurde über ein Großelternpaar berichtet die mit dem Virus leben, die alles mit sich selbst ausgemacht haben, Jahre geschwiegen haben weil sie sich nicht einmal den eigenen Kindern anvertrauen wollten, „sie wollten sie nicht mit ihrer Krankheit belasten“ vor allem mit dem damit immer noch verbundenen Stigma.

 

Ein anderes Kind mußte auf dem Schulhof erfahren, dass seine Mutter HIV positiv ist „Deine Mama hat AIDS“. Die Nachricht lief auf allen Kanäle. Seine Mutter konnte es nicht trösten, nicht in Schutz nehmen, konnte ihrem Kind nicht sagen, das es keine Angst um seine Mutter haben mußte. Sie, die Mutter wurde vor ihrem Auftritt in einer Diskothek in Frankfurt verhaftet.

Im September wurde die Würde vieler HIV Positiver dann durch eine widerwärtige Plakatkampagne verletzt, die alle Infizierten in die Nähe von Massenmörden rückte. Die Solidarität, die im diesjährigen Motto „Ganz Deutschland zeigt Schleife“ zum Ausdruck kommt, wurde gleich mehrmals arg auf die Probe gestellt. Mein Eindruck ist: Die Öffentlichkeit hat den Reifetest letztendlich doch bestanden. Es hat Früchte getragen, dass die AIDS Hilfe, aber auch die öffentlichen Stellen, in der Präventionsarbeit immer den einzelnen Menschen in den Vordergrund gestellt haben. Beide Kampagnen, der Medienkampagne nach der Festnahme von Nadja B und dieser miesen Schockkampagne wurde schnell die Spitze abgebrochen. Traurig genug, dass wir nach 20 Jahren noch einmal auf diesem Niveau über HIV und AIDS diskutieren mußten. Aber unsere Argumente haben gegen die Stimmungsmache gewonen.

Wie weit ist jeder Mensch selbst für seine Gesundheit verantwortlich, auf wie viel Solidarität kann er zählen wenn er krank wird oder gar zum Schuldigen für seine Krankheit und zur Gefahr für Andere erklärt wird? Diese Grundfrage nach dem gesellschaftlichen Klima, in dem wir leben, reicht weit über den Umgang mit HIV und AIDS hinaus.
Nicht nur HIV Positive fürchten Nachteile, wenn sie sich outen. Das hat etwa der Freitod von Robert Enke gezeigt. Man muss nicht in der Bundesliga spielen, Depression oder generell psychisches Leiden ist auch an vielen anderen Arbeitsplätzen tabuisiert.

Wird man in Zukunft auf mehr Verständnis zählen können? Wird die Gesellschaft reifer im Umgang mit Krankheit?

Ich sehe eher den Gegentrend, dass nämlich mehr und mehr Krankheiten, ja sogar Lebensstile mit einem Stigma belegt und aus der Solidarität hinausgedrängt werden.
Dicksein ist kein Ausweis von Wohlstand mehr, sonder von persönlicher Schwäche. Dicke haben heute vielerorts Nachteile im Bewerbungsverfahren. Ist auch Diabetes bald eine tabuisierte Krankheit, weil man durch Fehlernährung selbst dazu beigetragen hat?

Wird man bald nicht nur für seine Zahnarztbesuche, sondern auch für Besuche im Fitnessstudio ein Bonusheft führen müssen, damit man nachweisen kann, alles in seiner Macht stehende für die Gesundheit getan zu haben, Voraussetzung dafür, dass die Krankenversicherung die Behandlungskosten noch übernimmt?

In der Gesundheitspolitik sehen wir mehr und mehr Initiativen, die Finanzierung der medizinischen Versorgung vom Solidarprinzip – jeder nach seiner finanziellen Leistungsfähigkeit – umzustellen auf das Leistungsprinzip. Schon belohnen erste Krankenkassen Nichtraucher oder Mitglieder mit einem normgerechten Body Mass Index mit einer Prämie.

Für die AIDS Prävention wäre es ein Segen, wenn sich mehr Menschen testen ließen. Mit IV kann man heute alt werden. Es gibt wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Woran liegt es es, dass ein Drittel aller Diagnosen erst erfolgt, wenn schon Krankheitszeichen auftreten?

Weil die Diagnose immer noch viel mehr bedeutet als andere Krankheitsdiagnosen, mehr Lebensgrundlagen erschüttert als nur die gesundheitliche. Man fürchtet – nach den Vorgängen um Nadja B vielleicht zu recht – um seinen Ruf, seine Freunde, Familie und den Arbeitsplatz.

Die Testbereitschaft wird nur steigen, wenn wir nicht mehr stigmatisieren, wenn wir insgesamt in der Gesellschaft ein solidarisches Klima schaffen, wenn wir den Trend zur Gesundheitsdiskriminierung bei HIV und in vielen anderen Bereichen aufhalten. wenn kein Dicker gemobbt wird, wenn ein Nationaltorwart kurzfristig ein Spiel absagen kann, weil er trauert und trotzdem wieder aufgestellt wird. Wenn die Staatsanwaltschaften der Republik endlich Firmen verfolgen, die bei Einstellungstests rechtswidrige Methoden anwenden, wenn wir auch im Beamtenrecht mit den Diskriminierungen bei der Verbeamtung auf Lebenszeit Schluss machen.

Eine Gesellschaft kann sich nur dann als zivilisiert bezeichnen, wenn sie den Sozialdarwinismus überwindet, wenn sie solidarisch und human gerade mit Kranken und Schwachen umgeht, wenn sie die Menschenwürde wahrt. Es geht m die Grundlagen unseres Zusammenlebens und wir brauchen Viele, die sich der Entsolidarisierung und der Privatisierung von Lebensrisiken entgegen stellen.

Dank im Namen der Stadt Frankfurt dem Veranstalter AIDS Hilfe und allen Menschen in Frankfurt, die hauptamtlich oder ehrenamtlich AIDS – Aufklärung und Hilfe leisten und  Dank für ihren Kampf an unserer Seite für eine zivilisierte, solidarische Stadt.

 

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