„Aids braucht positive Gesichter“ (akt)


Acht Frauen und Männer aus der Region Braunschweig haben den Mut, sich im öffentlichen Raum zu ihrer HIV-Infektion zu bekennen: Vom 31. Oktober 2009 bis zum 27. Februar 2010 sind ihre Gesichter und ihre Vornamen auf der Straßenbahn 9562 der Braunschweiger Verkehrs AG zu sehen. Die Selbsthilfegruppe der Braunschweiger AIDS-Hilfe setzt mit diesem einzigartigen Projekt ihr Engagement fort für einen offenen, verantwortungsvollen Umgang mit Aids. Im Vorfeld des Welt-Aids-Tages 2009 und danach rollt die künstlerisch gestaltete, knallrote Straßenbahn mit den Porträts von acht „positiven“ Menschen auf vergoldeten Fenstern durch die Stadt. Die Botschaft ist:

Das Leben mit Aids hat genauso viel Wert wie das Leben ohne Aids.

Am Samstag Nachmittag haben sich einige Mitglieder aus einem Forum in der Shoutbox über diese Aktion unterhalten. Bis dato habe ich von dieser oben genannten Aktion zwar gehört aber mehr auch nicht. Angeregt und durch das Gespräch neugierig geworden habe ich mir die Seite der AH Braunschweig angeschaut und bin dabei über die folgende Rede die einer der Teilnehmer an dieser Aktion Beteiligten, Jean-Luc Tissot dem Ansprechpartner der Selbsthilfegruppe zum Empfang – dem Start der Strassenbahnaktion (Quelle) (pdf Datei) gehalten hat gestoßen, die ich in mehr als einer Hinsicht für außergewöhnlich halte. In vielem was Jean-Luc sagt kann ich mich pers. wieder erkennen und identifizieren.

* * * * *

Sehr geehrte Damen und Herren,

Als Beitrag zu diesem Festakt möchte ich gerne mit Ihnen ein paar Gedanken über die Hintergründe dieser Straßenbahnaktion teilen:

Wenn ich in den Schulen über Aids aufkläre, werde ich nicht selten gefragt, ob ich nicht dran gedacht habe, meinem Leben ein Ende zu setzen, als ich 1987 erfuhr, dass ich mich mit Aids infiziert hatte. Diese Frage sagt viel über denjenigen aus, der sie stellt. Er geht davon aus, dass ein Leben mit dem Eintreten des HI-Virus auf einmal wertlos und sinnlos wird, so dass es nicht mal lohnt, weiter zu leben. Gerade diese Vorstellung ist in vielen Köpfen verbreitet, meistens unreflektiert. Aber daraus entsteht diese so gängige Haltung von Mitleid, Abwertung, Missachtung und Diskriminierung gegenüber den Menschen, die sich mit diesem Virus infiziert haben. Und für uns ist es verdammt schwer mit dieser latenten Unterstellung der anderen zu leben.

Nun, meine Damen und Herren, was uns als einzelne Menschen auszeichnet, ist unsere Einmaligkeit und Einzigartigkeit. Wenn ich mir bewusst mache in dieser Welt unersetzbar zu sein, dann verstärke ich in mir die Verantwortung für mein Leben und mein Umfeld.

Viktor Frankl – von dem ich viel im Umgang mit Leid gelernt habe – schrieb dazu in seinem Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen – ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“: „Ein Mensch, der sich seiner Verantwortung bewusst ist, wird nie imstande sein, sein Leben hinzuwerfen“. Und er wusste worüber er sprach!

Mit meinen Worten: Wenn sich ein Mensch mit Aids infiziert hat, steht er vor der Wahl zwischen drei Möglichkeiten:

  • Er kann sich das Leben nehmen.
  • Er kann die Krankheit verdrängen – also nach außen weiter leben, als ob er nicht Aids hätte.
  • Drittens kann er Aids in seine Persönlichkeit und damit in sein Leben integrieren. In diesem letzten Fall verstärkt die Krankheit seine Einmaligkeit und seine Einzigartigkeit; Aids verstärkt seine Verantwortung für sich und die Gesellschaft, in der er lebt.

Erlauben Sie mir noch einmal Frankl sinngemäß zu zitieren: Wir fragen nach dem Sinn des Lebens, dabei ist es aber umgekehrt: Wir sind diejenigen, die gefragt werden. Es ist das Leben, das uns Fragen stellt, die wir zu beantworten haben und – wie Frankl hinzufügt – „nicht durch Grübeln, sondern nur durch ein Handeln“.

Und jetzt, meine Damen und Herren, sind wir mitten in unsere Straßenbahnaktion gelangt.

Acht Personen mit Aids aus Braunschweig entscheiden sich, auf einer Straßenbahn der Verkehrs AG abgebildet zu werden. Mit diesem Schritt in die Öffentlichkeit zeigen wir, dass wir die Phase des Grübelns überwunden und uns für eine Handlung entschieden haben. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, aber die Zukunft können wir mit gestalten.

Die Integration unserer Infektion und ihre Umsetzung in eine politische, soziale und künstlerische Aktion ist unsere Antwort auf das Leben. Damit sagen wir „Unser Leben hat genau so viel Wert mit Aids wie ein Leben ohne Aids“ – nicht mehr und nicht weniger.

Auf den Fenstern der Straßenbahn 9562 steht „Ich kann mit Aids umgehen“ das gilt für uns… und das gilt für den Arbeitgeber, die Nachbarin, die Agentur für Arbeit, unsere Familie, andere Menschen mit Aids, Jugendliche, Ausländerbehörden, Passanten, Fahrgäste … in Braunschweig und darüber hinaus: Ich kann mit Aids umgehen!

Ich danke Ihnen

Jean-Luc Tissot

* * * * *

Ich halte die Zurückhaltung besonders der überregionalen Medien i.e. bekannte, namhafte Tageszeitungen, Magazine was die mediale Verbreitung dieser Aktion betrifft für bedauerlich und in gewisser Weise sehr bezeichnend. Wenn es darum geht marktschreierisch quer durch die Republik mit dem Finger auf mögliches Fehlverhalten von Menschen mit HIV hinzuweisen bzw. reisserische Aktionen zweifelhafter Vereine die sich unter dem Strich als kontraproduktiv bzgl Prävention und Aufklärung zu dem Thema HIV erweisen aufgreifen, dann stehen insbesondere die Print Medien an vorderster Stelle. Wenn es darum geht wie in diesem Fall einen Beitrag zum Abbau von Stigma und Diskriminierung in der Gesellschaft gegenüber HIV und AIDS und Menschen die mit dem Virus leben geht zu leisten, dann hüllen sie sich in Schweigen. Die Pressefreiheit ist wie mir scheint auf einem Auge blind.

* * *

Update 10.02.2010 –

Die rote Straßenbahn fährt weiter

Stephanie Schmidt ist tot – Für die Aktion der Selbsthilfegruppe in der Aidshilfe ist ihr Foto weiter in der Öffentlichkeit zu sehen.

Viele kennen ihr Gesicht. Diesen warmen Blick, mit dem sie von der roten Straßenbahn herabblickt. „HIV bestimmt nicht mein Leben.“ Diesen Spruch hatte sich Steffs, wie sie genannt wurde, als Motto ausgesucht.

Im vergangenen Oktober war die Bahn am Hauptbahnhof zur Jungfernfahrt aufgebrochen. Acht Menschen, die mit Aids leben, stehen mit ihren Gesichtern seither für den offenen Umgang mit der Krankheit. Ein bewegliches Kunstprojekt, das bundesweit einmalig ist. Steffs, Mitglied der Selbsthilfegruppe der Braunschweiger Aids-Hilfe, hatte sich für die Aktion stark gemacht.

Die rote Straßenbahn fährt weiter durch Braunschweig. Stephanie Schmidt ist tot. Sie wurde 44 Jahre alt.

„Aufgeben gilt nicht“

„Aufgeben gilt nicht.“ Diesen Satz sagte Steffs während eines Pressegesprächs im Juli 2007. „Von ihrer Krankheit ließ sie sich bis zum Ende nicht niederschlagen“, schreibt nun ihr Mitstreiter Jean-Luc Tissot, der mit ihr gemeinsam den Weg gegangen ist, sich zur Krankheit zu bekennen. „Solange sie lebte, lebte sie voller Entschiedenheit, freute sich und machte jedem Mut, der sie besuchte.“ (Quelle)

* * *

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, HIV/AIDS, Medien, Menschenrechte/Human Rights, Prävention/Aufklärung abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu „Aids braucht positive Gesichter“ (akt)

  1. termabox schreibt:

    Eine tolle Rede von Jean-Luc!!

    „…Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, aber die Zukunft können wir mit gestalten. …“

    Ich bin dabei!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s