Damals, im tiefen Loch . . . . (akt 1)


Der Freitod von Robert Enke ist zur Zeit 24/7 medial in aller Munde. Ob in Artikel, Features oder Kommentaren – Meinungen, Ratschläge, Tips wohin man schaut, welche Zeitung man auch aufschlägt. Viele fühlen sich berufen 1 Tag nach seinem Freitod, nach Bekanntwerden das Robert Enke an einer Depression litt, etwas sagen zu müssen. Das Robert Enke an einer Depression litt erinnerte mich daran wie es mir ging, damals als ich in diesem „tiefen Loch“ saß wie ich die Depression an der ich litt damals bezeichnete.

1985 im Dezember als mir ein Arzt „Sie sind Hiv positiv“ ohne weitere Erklärung an den Kopf warf wußte ich erst mal gar nichts damit anzufangen. Ich verstand es so da Positiv ja etwas gutes ist, das ich gesund sei. Das änderte sich in dem Moment als mir eine Ärztin 4 Wochen später erklärte was es mit dem Begriff „Positiv“ in Zusammenhang mit „HIV“ auf sich hat. Die folgenden 5 Tage waren die schmerzvollsten und – im nachhinein betrachtet – mit die fruchtbarsten Tage in meinem Leben. In diesen 5 Tagen wurde ich mir meiner Sterblichkeit, meiner Endlichkeit bewußt. Mir ging es wie den Meisten damals und heute auch noch. Ich fühlte mich als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen, durchlebte eine emotionale Achterbahnfahrt. Für  mich stand fest, das ich sterben würde; „spätestens in drei Jahren „.  1986 wußte man noch nicht viel über HIV und AIDS und außer AZT gab es keine Medikamente. Die Überlebenszeit, die Ärzte einem HIV Infizierten damals gaben, waren maximal 3 Jahre.

Mit der Zeit lernte ich mit dem Virus zu leben oder besser gesagt ich verdrängte sehr vieles was das Leben mit dem Virus betraf. Während der nächsten Jahre ging ich regelmäßig alle 3 Monate in die Uniklinik Frankfurt Stat 68 um meinen Status untersuchen zu lassen. Während all dieser Jahre lernten die Mediziner und Forscher immer mehr über den HIVirus. Anfang der 90 Jahre kamen die ersten HIV Medikamente auf den Markt. Doch da der Verlauf,  meine CD4 Werte hoch und meine Virusbelastung niedrig waren und ich von HIV spezifisch bedingten Krankheiten verschont blieb,  lebte ich mein Leben weiter so wie ich es gewohnt war.

Im August 1996 habe ich im Rahmen einer Umschulungsmaßnahme mit einer Ausbildung zum Erzieher angefangen. Meine Werte waren, wie all die Jahre zuvor im „grünen Bereich“. Ende September des gleichen Jahres änderte sich das schlagartig. Ohne Vorankündigung, buchstäblich aus heiterem Himmel bekam ich eine PcP – Pneumocystis-carinii-Pneumonie – eine Lungenentzündung durch den Pilz Pneumocystis jiroveci ausgelöst, eine der häufigsten opportunistischen Infektionen und AIDS-definierenden Erkrankungen. Ich weiß es noch wie heute. Es war an einem Donnerstag, als ich im Unterricht saß und auf einmal das Gefühl hatte, das alle Kraft und Energie aus mir herausliefen, so wie man den Stöpsel aus einer mit Wasser gefüllten Badewanne herauszog damit das Wasser abläuft. Am Freitag spät abends rief ich einen Notarzt an weil ich über 39 Grad Fieber hatte. Nachdem er kam und mich untersucht hatte, meinte er das es sich um eine Grippe handelt. Er ließ mir einige Medikamente da, stellte mir ein Rezept aus und meinte, falls es mir am Montag nicht besser geht, dann sollte ich doch meinen Hausarzt konsultieren. Das folgende Wochenende dämmerte ich zu Hause im Bett mehr oder weniger vor mich hin. Am Montag morgen, mittlerweile hatte ich 40 Grad Fieber, fuhr ich in die Notaufnahme eines Krankenhauses wo eine Pcp diagnostiziert wurde. Ich erfuhr die Auswirkungen des HIVirus am eigenen Leib. Dies war der Beginn von Erfahrungen die mir bewußt machen sollten, das mein Leben eine drastische Veränderung nahm bzw nehmen würde.

Die PcP (Volltexte – AIDS Taschenwörterbuch – Buchstabe P) war damals gut behandelbar, sodaß ich das Krankenhaus,  recht geschwächt und wackelig auf den Beinen, nach 3 Wochen wieder verlassen konnte. Bei der anschließenden Untersuchung bei meinem HIV Schwerpunktarzt in Frankfurt, bei dem ich seit mittlerweile 13 Jahren in Behandlung bin, stellte sich dann heraus das meine CD4 Werte (Volltexte – AIDS Taschenwörterbuch – Buchstabe C) auf 152 gefallen und meine Virusbeladung auf über 1 Mio angestiegen waren. Da es mittlerweile – Gott sei Dank sage ich Heute – die Möglichkeit gab 3 HIV Medikamente die an unterschiedlichen Stellen des Immunsystem – den Zellen wirkten ein Anstieg der Virusbelastung verhinderten und gleichzeitig das Immunsystem wieder stärkte was sich im Anstieg der CD4 T Helferzellen ausdrückte, fing ich im Januar 1997 mit einem 3 er Medikamenten Cocktail (AZT – Epivir – Crixivan) an. Immerhalb weniger Monate war meine Virusbelastung unter der Nachweisgrenze ( 1997 lag sie bzgl der med. technischen Voraussetzungen diese zu messen bei 500), die CD4 Werte (T-Helferzellen) stiegen ganz langsam an und bewegen sich heute je nach Tagesform zwischen 300 und 450.

Crixivan war eines der ersten Medikamente aus der Gruppe Proteasehemmer (Volltexte – AIDS Taschenwörterbuch – Buchstabe P) die in Kombination mit anderen HIV Medikamenten (pdf Datei) die damals zur Verfügungen standen erstmals wirksam die Verbreitung des HIVirus – die sich u.a. in einem Anstieg der Virusmenge welches sich negativ auf das Immunsystem auswirkte und somit vielen Krankheiten die Tür öffneten, stoppte bzw sehr stark einschränkte. Da die Einnahme eines jeden Medikamentes, selbst das allseits bekannte Aspirin Nebenwirkungen hat die auftreten können aber nicht müssen “ Keine Wirkung ohne Nebenwirkung“ so hat auch der Wirkstoff Indinavir in Crixivan= Handelsname Nebenwirkungen. Nebenwirkungen können aufteten sie müssen aber nicht auftreten. Und – nicht jeder hat die gleichen Nebenwirkungen.

Die Nebenwirkungen unter denen ich zu leiden hatte waren, Durchfall, Magen und Darmbeschwerden bzw Krämpfe im Magen und Darmbereich. Anfangs sagte ich mir das dies normal sei, da der Körper sich an diese Antiretroviralen Kombinationstherapie (Volltexte – AIDS Taschenwörterbuch – Buchstabe A) ja erst gewöhnen müsse. Darauf machte mich auch mein Arzt aufmerksam, sagte das die Nebenwirkungen idr nach einer Zeit geringer oder gänzlich verschwinden würden. Durch mein Leben zieht sich wie ein roter Faden eine Leidensfähigkeit die – Zeitlich gemessen und im Vergleich zu manch Anderem äußerst befremdlich erscheinen mag. Anders ausgedrückt ich muß erst 10 mal mit dem Kopf an die Wand rennen bevor mir nach dem 11. Mal bewußt wird das ich auf diesem Weg das Zimmer auf der anderen Seite nicht erreichen kann, und das es möglicherweise einen anderen Weg gibt um in dieses Zimmer zu gelangen.

So erging es mir unter der Einnahme mit Crixivan. Wochenlang hatte ich die Hoffnung und den Glauben das mein Körper eben Zeit braucht und er irgendwann diese Medikamente annehmen würde mit dem Ergebnis das die Nebenwirkungen dann ein Ende haben würden. Das sagte ich auch jedes Mal meinem Arzt bei den entsprechenden Untersuchungen/Arztterminen um den Verlauf – die Auswirkung der Kombi auf mein Immunsystem zu besprechen. Mit zunehmender Dauer jedoch wurde der Zustand, die Nebenwirkungen nicht geringer sondern nahmen auf eine Art und Weise  zu über die ich mir Anfangs gar nicht bewußt wurde. Wenn ich mich wenig bewegte hatte ich relativ Ruhe vor Ihnen. D.h. ich bewegte mich so wenig wie möglich und verließ meine Wohnung nur dann wenn es unbedingt notwendig war. Dazu gehörten Arztbesuche und Einkaufen gehen. Alle anderen Aktivitäten wie Freunde treffen, Schwimmen gehen, Radfahren oder den wöchentlichen Besuch meiner Eltern stellte ich komplett ein. Meine ganzen Gedanken und mein ganzes Tun i.e. Nichtstun drehten sich um das Vermeiden der Nebenwirkungen der Kombi,  meiner Beschwerden sowie dem unerschütterlichen Glauben daran das es bald ein Ende haben würde. Mein Körper braucht halt n bischen länger bis er sich an die Medikamente gewöhnt hatte. Von dieser Meinung war ich felsenfest überzeugt und davon konnte mich auch mein Arzt nicht abbringen. So verbrachte ich den Sommer 1997 auf meinem Bett liegend und wartend das mein Zustand besser werden mögen. Es gab Zeiten da war ich ohne Hoffnung und wünschte mir nichts sehnlicher als nicht mehr zu leben damit dieser Zustand endlich ein Ende haben möge, nur um diese Nebenwirkungen, von zeitweise heftigem Durchfall bis hin zu schmerzhaften Magenkrämpfen, nicht mehr zu spüren.

Irgendwo war ich mir diffus bewußt, das dieser Zustand des mich in meiner Wohnung verkriechens, nicht unter die Menschen zu gehen eine Art freiwillige Isolation war und das dies irgendwie nicht mehr normal im Sinne von Gesund war. Die Annahme das Menschen mir meinen Zustand ansehen könnten wenn sie mir begegneten, die Angst von Freunden erkannt und angesprochen zu werden bewirkten das ich mit gesenktem Haupt und nach unten gerichtetem Blick um ja niemand ins Gesicht schauen zu müssen nicht nur kurz vor Ladenschluß einkaufen ging sondern auch tagsüber die Rolläden an den Fenstern meiner Wohnung unten waren, sodaß jeder dachte ich sei nicht zu Hause.

Irgendwann, es war gegen Ende des Sommers im September, hatte ich einen jener Momente die man als “ Bright Moments“ bezeichnen könnte. Ich sah mich auf dem Boden eines tiefen Loches sitzen, sah wenn ich nach oben schaute am Ende einer Tunnelröhre das da Licht, das da der Ausgang war den ich aus eigener Kraft aber nicht würde erreichen können. Mir war in diesem Moment bewußt das ich Hilfe brauchte. Die Hilfe anderer Menschen. Die einzigste Person zu der ich in dieser Zeit noch Kontakt hatte war Ilona. Mit ihr telefonierte ich hin und wieder. Sie wußte was mit mir los war, wußte wie es mir ging. Eines Tages gab sie mir den Tip das es eine Klinik, die Habichtswaldklinik in Kassel gibt, wo ich die Hilfe bekommen könnte mit der es mir möglich sein könnte um aus diesem Loch in dem ich mich befand wieder herauszukommen.Diese Klinik hatte zu dem damaligen Zeitpunkt immer ein bestimmtes Kontingent an Betten – Zimmer zur Verfügung, die unter bestimmten Voraussetzungen ohne die übliche lange Vorlaufzeit sowie Genehmigung der Kostenzusage durch Krankenkassen bzw sonstiger Träger auf Grund einer entsprechenden Diagnose und Einweisung eines Hausarztes jederzeit in Anspruch genommen werden können.

Woher ich die Energie, die Kraft und vor allem den Mut genommen habe letztendlich nach Kassel zu kommen weiß ich nicht und ist im Grunde genommen auch sekundär. In meinem Leben ist es wiederholt so gewesen das der Leidensdruck, die Angst vor einem Zustand wie er sich im Moment mir darstellt, größer sein – werden mußte als die Angst vor einer Veränderung, vor einem Zustand wie ich ihn mir vorstelle. Die Angst vor dem wie ich mir ausmalte das etwas sein könnte, mir ausmalte wie andere Menschen mich bewerten könnten, was diese über mich denken könnten verhinderte mehr wie einmal mich auf Veränderungen einzulassen. Das was ich mir vorstellte war immer ein Worst Case Scenario, der Supergau – ein größt möglicher vorstellbarer schlechtester Zustand gewesen. Das ist eine der elementarsten Erfahrungen die ich durch das  Einlassen auf das Hilfsangebot Anderer in meinem Leben machen durfte, das die größten Steine auf meinem Weg, die dicksten Mauern mit denen ich mich konfrontiert sah, diejenigen sind, die ich mir in meinen Gedanken als ein Bild vorstellte, die zu überwinden unmöglich sind.

Mein Aufenthalt in der Habichtswaldklink belief sich auf 12 Wochen. Die ersten Wochen waren für mich geprägt von Ablehnung, Annahme und Zweifel. Im nachhinein betrachtet waren diese 12 Wochen mit die beste Erfahrung in meinem Leben, bis jetzt. Ich habe sehr viel aus dieser Zeit mitnehmen können, einige Wergzeuge die ich heute anwenden kann wenn ich wieder mal in eine Grube falle.

Je mehr ich mich auf die Menschen die dort arbeiteten einließ und ich bereit wurde mich auf mich selbst einzulassen umso mehr stellte ich irgendwann fest das meine Bereitschaft Hilfe anzunehmen, stimmig war und sich für mich als Lösung darstellten. Ich sage bewußt das es nur für mich eine Lösung ist. Die Einsicht in die eigene Hilflosigkeit, die Einsicht Hilfe als Teil einer Lösung anzunehmen, die Bereitschaft sich einzulassen, und das Bewußtsein das man letztendlich einen Weg immer nur – wenn auch mit Unterstützung – allein geht sind einerseits Realität wie andererseits auch nichts weiter als Konzepte da jeder Mensch sich vom Anderen  unterscheidet. Was für den Einen möglich ist, daran zerbricht ein Anderer.

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2 Antworten zu Damals, im tiefen Loch . . . . (akt 1)

  1. termabox schreibt:

    Zuviel und zu langer Rückzug sollte jeden für seine Situation aufmerksam werden lassen. Ein Gespräch mit einer vertrauenswürdigen Person kann dann nie schaden.

    Sich in Krisen – oder in Situationen, die sich nicht bessern wollen – Rat und Hilfe zu holen, ist keine Schande. Im Gegenteil: Man muss nicht alles selber können und schaffen. Wir leben nicht umsonst als soziale Gemeinschaftswesen.

    Möge Dein Bericht anderen Mut geben.

  2. Pingback: „Helen“ – Depression als Fiktion und Realität « Termabox

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