Mit HIV leben – Gegen das Vergessen


Dieser Text ist von NellyFranz einem Freund den ich bislang nur aus einem Forum kenne (ich hoffe das sich das nächstes Jahr in Vienna ändern wird) , den ich mit seiner freundlichen Genehmigung einstellen darf.

Heute ist Allerheiligen, morgen Allerseelen. Also jene Tage, die dem Andenken an Menschen gewidmet sind, die waren, was wir noch sind und die schon sind, was wir werden.

Ich war gestern am Wiener Zentralfriedhof um Freunde zu besuchen, die Anfang der neunziger Jahre, als „Highdeath“ angesagt war, mangels wirksamer Medikamente, in noch jungen Jahren von dieser Welt gehen mussten. Ich erinnere mich noch gut an die Tragödien, die sich auf der Wiener Aids-Station „Annenheim“ (Baumgarnter Höhe) ereigneten. Oft – besonders heute – denke ich an weinende Mütter, Verwandte, wenn einer starb; an die traurigen Blicke am Ende der Besuchszeit; an gehunfähige Patienten in Rollstühlen; an abgemagerte Patienten am Gang, die trotzdem noch scherzten und eine Zigarette (manchmal auch Joint) rauchten; an die Nachtkästchen mit Blumen, Radios, Walkman und fallweise Bibeln; an die Sauerstoffmasken und Infusionsflaschen; an die Speischüsseln aus Papier; an die sauberen Krankenzimmer; an die Betten mit den seitlichen Geländern; an das Zimmer mit den Intensivbetten; an Pater Clemens, der Sterbende besuchte; an meinen Freund, als er mir vor Weihnachten noch lange nachwinkte; an den Weg, als ich seine Kleider in die Prosektur brachte … All diese Erinnerungen sind für mich wie ein geheimnisvoller Schatz, obwohl sie nicht gut sind. Um ein Haar hätte es mich auch erwischt. Ich hatte Glück und wurde verschont, was mir immer noch unbegreiflich ist. Gut kann ich mich auch an die damals tätigen Ärzte und Schwestern des Annenheims erinnern. Ihnen allen sei das beste Zeugnis ausgestellt. Sie taten, was möglich war, aber Wunder konnten sie leider nicht bewirken.
Auf dem Grabstein eines Freundes haben dessen Eltern folgenden Zeilen schreiben lassen:

Obwohl wir dir die Ruhe gönnen,
ist voller Trauer unser Herz.
Dich leiden sehen,
Dir nicht helfen können,
war für uns der größte Schmerz
.

waldweg1

Nicht alle Aids-Toten haben ein gepflegtes Grab erhalten. Manche wurden in Armengräbern bestattet, da es keine Verwandte gab oder die Kontakte dorthin abgebrochen waren. In diesem Fall markiert ein einfaches Holzkreuz, mit dem Namen darauf, die Grabstelle. Blumen oder Kerzen gibt es selten. Hin und wieder setzt sich eine Amsel auf die verblichenen Holzkreuze.

Am Wiener Zentralfriedhof befinden sich auch zahlreiche Soldatengräber. Die meisten dort bestatteten Soldaten fielen Anfang 1945 beim Endkampf um Wien und waren nicht viel älter als 20 oder 30 Jahre. Alle liegen in Reihe und Glied. Russen, Deutsche, Österreicher, Rumänen, Italiener und andere. Fast endlose Reihen mit kleinen Steinkreuzen. Meistens stehen ihre Namen darauf, oft nur „Unbekannter Soldat“. Ganz selten liegt bei einem Grabkreuz ein kleiner Blumenstrauß oder es brennt eine Kerze. Ob sich da noch jemand an den Toten erinnert oder ob jemand einfach so, bei einem unbekannten Gefallenen, zur Erinnerung an den eigenen gefallenen Mann, Bruder oder Freund eine Kerze angezündet hat, bleibt ungewiss …

In memoriam Laszlo, Harald, Michael …..

Epilog:

In Frankfurt gibt es die Infektionsambulanz mit der angeschlossenen Station 68. Hin und wieder wenn ich in Frankfurt bin statte ich der Station Dienstags einen Besuch ab. Zum einen weil Werner und Ilona dort verstorben sind. Ich geh dann immer durch die Station, werfe neugierig wie ich nun mal bin, einen Blick in das Ärztezimmer und schaue ob da noch einer der Ärzte oder Schwestern/Pfleger ist den ich kenne als Ilona auf der Station lag. Zum anderen weil Dienstag´s seit Jahren eine Frau ehrenamtlich köstliche Suppen für die auf der Station liegenden Patienten kocht. Das Essen im Krankenhaus is ja ne so Sache für sich. Alle Patienten freuen sich auf diesen „Tag der Suppe“. Da wird dann mal für einen Moment vergessen warum man da ist wo man ist. Jeder, auch der der zu Besuch vorbeischaut, bekommt einen Teller Suppe wenn er möchte.

Beides – die köstliche Suppe löffeln und der Gang durch die Station, auf der Werner und Ilona ihre letzten Stunden verbrachten, ist mir ein liebgewonnenes Ritual geworden.

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2 Antworten zu Mit HIV leben – Gegen das Vergessen

  1. FranzRudolf schreibt:

    Dass es dich an jenen Ort, wo deine Freunde verstorben sind, immer wieder zurück zieht, kann ich gut verstehen. Das würde ich auch so machen.

  2. Eisbär schreibt:

    Ich muss dabei an einen Bekannten denken (Freund wäre zu viel gesagt), der Anfang der 90er im Alter von Mitte 20 verstorben ist… Seinen Eltern waren seine Homosexualität und erst recht seine Aids-Erkrankung so peinlich dass sie ihn, als er nicht mehr selbst entscheiden konnte, in ein anderes Krankenhaus verlegen ließen ohne Freunden oder dem Lebensgefährten Bescheid zu sagen. Nachdem er dort verstorben war, wurde er anonym beigesetzt. Seine Freunde haben erst Monate später davon erfahren.
    Damals habe ich gedacht, schlimmer als die Krankheit ist der Umgang der Menschen mit den Erkrankten. Zum Glück habe ich später auch noch das Gegenteil erlebt, dass die Krankheit Freunde und Familie im Kampf vereint hat.
    Aber letztlich hat der Versuch der Eltern, alle Spuren der Existenz ihres Sohnes zu tilgen, das Gegenteil bewirkt… ich denke heute noch an ihn, an jedem Gedenktag oder jedes Mal, wenn ich einen Friedhof besuche oder auch einfach nur mal zwischendurch.

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