Die Denver Prinzipien


Im Geist von San Franzisko

Einer der ersten Menschen die mit der Diagnose AIDS konfrontiert wurden waren u.a. Bobbi Campell Sept 1981 und Dan Turner Feb 1982 in San Franzisko sowie Michael Callen Ende 1981 in New York. Zu dieser Zeit wußte man kaum etwas über den Virus – über AIDS. Die Menschen die mit AIDS diagnostiziert wurden bezeichneten sich selbst als „PWA“ People with Aids. Aus diesen PWA´s „Menschen mit AIDS“ entstand recht schnell die Selbsthilfe Bewegung. Selbsthilfe so wie man es damals wie heute versteht basiert auf dem naheliegenden Konzept, das Menschen mit AIDS an den Entscheidungen, die ihr eigenes Leben betreffen, beteiligt werden sollten.

AIDS wurde nicht von Anfang AIDS genannt. Es gab eine Menge von Bezeichnungen für diese unbekannte Epidemie die erstmals unter schwulen Männern auftrat. Eine davon war GRID „Gay related immuno deficiency“ was soviel wie „Schwulen bezogene Immun Schwäche“ bedeutete. Oder man nannte die Krankheit schlicht und einfach „Es“. Man hatte „Es“.

Was man wußte war das was man selbst durchmachte und unmittelbar in seinem Umkreis, seinem Freundeskreis erlebte. Bobbi Campell war der Erste, der mit seiner Krankheit in die Öffentlichkeit ging. Anfang 1982 erschien der erste in einer Reihe wichtiger Artikel in der Schwulenzeitschrift von San Franzisko, dem Sentinel, in denen er beschrieb was er durchmachte und in denen er Anderen Ratschläge gab.

Einer der Freunde von Bobbi Campell war Dan Turner, der im Februar 1982 positiv diagnostiziert wurde. Nach einem Treffen mit Dr. Marcus Conant und Dr. Paul Volberding an dem beiden teilgenommen hatten trafen sich Bobbi Campell und Dan Turner in Dan´s Haus im Castro District in SF. In diesen Begegnungen wurde der Grundstein dafür gelegt, was in der Folge mit anderen PWA´s zur Gründung von „Menschen mit AIDS in SF“ führte, der ersten Organisation von und für Menschen mit AIDS und ARC = Aids Related Complex aus dem sich das Konzept von PWA „Menschen mit AIDS“ der Selbsthilfe Bewegung in den USA entwickelte. Auf der Geburtstagsparty zu Ehren von Harvey Milk in der Castor Street in SF, die zu diesem Ereigniss abgesperrt war, hielt Dan seine erste Rede als ein in der Öffentlichkeit bekannter „PWA – Mensch mit AIDS“. Seine Botschaft bestand aus drei Punkten:

  • Halte Dich auf dem Laufenden
  • Sei vorsichtig aber nicht paranoid
  • Verhalte dich solidarisch

Am 2. MAi 1983 fand zur gleichen Zeit in New York und San Franzisko der erste „Candlelight Walk“ (pdf Datei) statt, der von Menschen mit AIDS organisiert und angeführt wurde. Das Ziel dieser Demonstration war es auf die Not der Menschen mit AIDS hinzuweisen und an die bereits Gestorbenen zu erinnern. Am 23. Mai beschloß „Menschen mit AIDS in SF“ Dan Turner und Bobbi Campell im Juni zur „National Lesbian and Gay Health Conference in Denver“ (pdf Datei) zu schicken. Dieses bedeutssame Treffen war der Auftakt der PWA Selbsthilfe Bewegung.

Währenddessen in New York

Zur gleichen Zeit 1982 gründeten Michael Callen und Richard Berkowitz in New York eine der ersten Gruppen von Menschen mit AIDS. Die Gruppe nannte sich „Gay Men with AIDS“ – „Schwule Männer mit Aids – GMWA“. Das erklärte Ziel von GMWA war, sich durch Austausch der persönlichen Erfahrungen, Kraft und Hoffnung gegenseitig zu unterstützen. GMWA gab, im Gegensatz zu einer politischen Gruppe, hauptsächlich emotionale Unterstützung.

Im Herbst des Jahres 1982 wurde die Gruppe um Michael Callen auf das Treffen einer Gruppe „New York AIDS Network“ zum ersten Mal aufmerksam, die sich im Büro des „Community Health Project“ im East Village traf. Dieses Netzwerk war von Hal Kooden, Virginia Apuzzo und Dr. Roger Enlow gegründet worden und bildete das erste politische Forum, in dem persönliche Sorgen und Informationen über AIDS ausgetauscht werden konnten.

Irgendwann wurde der Frust unter den New Yorker PWAs und PWArcs immer größer:

„Als Menschen mit AIDS und ARC saßen wir auf den Veranstaltungen der „Gay Men´s Health Crisis“ GMHC herum und hörten schweigend einer Reihe von Ärzten, Krankenschwestern, Rechtsanwälten und Versicherungsexperten zu, die uns wortreich beschrieben, wie es ist, wenn man AIDS hat. Es dämmerte mehreren zur gleichen Zeit, das mit diesem Bild irgendetwas nicht stimmte. Die „wirklichen Experten“, so stellten wir fest, waren nicht auf dem Podium.

Im Frühjahr 1983 wurde beschlossen, an dem zweiten „National AIDS Forum Denver“ teilzunehmen, das von der „Lesbian and Gay Health Education Foundation“ gesponsort wurde.

Die Idee traf uns wie ein Blitzschlag. Bis jetzt waren wir einfach nicht drauf gekommen, das wir als Betroffene irgendwie mehr sein könnten als nur die passiven Empfänger aufrichtiger Anteilnahme von jenen, die (noch) nicht diagnostiziert waren. Sobald das Konzept von PWA – also Menschen mit AIDS, die für sich selbst eintreten – einmal auf dem Tisch lag, griff die Idee um sich wie ein Lauffeuer (mit nur wenig Widerstand von Splittergruppen innerhalb der GMHC).“

Ein Teil der großen Akzeptanz, die das Konzept der Selbsthilfe fand, ist den Kämpfen der Feministinnen und Bürgerrechtsbewegungen geschuldet. Von den Teilnehmern des „AIDS Network“ Meetings waren Lesben und Feministinnen die ersten und stimmgewaltigsten UnterstützerInnen des Rechts auf Selbsthilfe.

Die historische Konferenz in Denver

PWAs aus dem ganzen Land trafen sich im Empfangsraum, der von den Koordinatoren der Konferenz provisorisch hergerichtet worden war. Bobbi Campell übernahm schnell die Leitung der Versammelten. Als Ziel skizzierte er ein ehrgeiziges politisches Netzwerk von PWA Gruppen in allen großen Städten. Er machte den Vorschlag, dass diese lokalen Gruppen schließlich zusammen eine nationale Organisation der Menschen mit AIDS bilden sollten.

„Schließlich wurden Empfehlungen formuliert, die sowohl den politischen und holistischen Ansichten der kalifornischen Delegierten Rechnung trugen wie auch das Interesse der New Yorker an der Debatte über die Ursache der Krankheit mitberücksichtigten. Mit erstaunlich wenig Reibereien erreichten wir schnell einen Konsens und die sogenannten „Denver – Prinzipien“ wurden verabschiedet.

Nachdem die harte Arbeit getan war, beschlossen wir die Abschlußsitzung zu stürmen und unsere Forderungen zu präsentieren. Auf demokratische Art und Weise trugen wir einzeln jeder einen Punkt vor, bis die ganze Liste von Empfehlungen und Verantwortlichkeiten zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit geäußert worden war.Die Delegierten aus San Franzisko hatten ihr Transparent mit dem Slogan „Wir kämpfen um unser Leben“ mitgebracht.“

DENVER – PRINZIPIEN

Erklärungen des „Advisory Committee of People with AIDS“

Wir verurteilen alle Versuche uns als „Opfer“ abzustempeln, ein Ausdruck, der Scheitern impliziert. Ebenso sind wir nur manchmal „Patienten“, ein Wort, das Passivität, Hilflosigkeit und Abhängigkeit von der Fürsorge anderer suggeriert. Wir sind „Menschen mit AIDS“.

Empfehlungen an das Personal im Gesundheitswesen

  • 1. Seid offen, vor allem gegenüber Euren Patienten mit AIDS.
  • 2. Macht die Theorie, die ihr über die Ursachen von AIDS habt, deutlich und diskutiert sie mit Euren Patienten, da dies Eure Behandlungsmethoden und Eure Pflege beeinflußt.
  • 3. Sprecht über Eure Gefühle bezüglich AIDS (z.B. Eure Ängste, Befürchtungen, Hoffnungen usw) und befaßt Euch nicht nur intellektuell damit.
  • 4. Setzt Euch gründlich mit Euch selbst und mit Eurer Haltung gegenüber AIDS auseinander.
  • 5. Behandelt Menschen mit AIDS immer als vollwertige und selbstverantwortliche Personen. Sprecht über psychosoziale Probleme genauso wie über medizinische Fragen.
  • 6. Redet mit Menschen mit AIDS, auch über ihre Sexualität – gefühlvoll und ohne auszuweichen. Dazu braucht ihr Informationen über die Sexualität von Schwulen, besonders von Menschen mit AIDS.

Empfehlungen an alle

  • 7. Helft uns im Kampf gegen diejenigen, die uns unsere Jobs wegnehmen und uns aus unseren Wohnungen hinauswerfen wollen; gegen diejenigen die sich weigern, uns zu berühren oder uns von unseren Geliebten, unseren Freunden und Gleichgesinnten trennen wollen. Es gibt nämlich keinerlei Hinweis darauf, das AIDS durch alltägliche soziale Kontakte übertragen werden kann.
  • 8. Macht Menschen mit AIDS nicht zum Sündenbock. Gebt uns nicht die Schuld an der Epedemie. Zieht keine verallgemeinernden Schlüsse über unsere Lebensstile.

Empfehlungen an Menschen mit AIDS

  • 9. Setzt euch zusammen und wählt Eure eigenen Vertreter. Stellt Euch selbst Eure Aufgaben und entwickelt Eure eigenen Strategien. Sprecht selbst mit den Leuten, die in den Medien arbeiten.
  • 10. Macht von eurem Recht gebrauch, an allen Entscheidungsprozessen, vor allem in den Vorständen Eurer Hilfsorganisationen, mitzuwirken.
  • 11. Engagiert Euch auf allen AIDS Veranstaltungen und tut dies gleichberechtigt mit anderen Teilnehmern. Tauscht mit ihnen Erfahrungen und Erkenntnisse aus.
  • 12. Praktiziert Safer Sex, um eure Partner und Euch selbst nicht zu gefährden. Wir sind der Meinung, dass Menschen mit AIDS eine ethische Verantwortung haben, ihre potentiellen SexualpartnerInnen über ihren Gesundheitszustand zu informieren.

Rechte der Menschen mit AIDS

  • 13. Wir haben das Recht auf ein lebenswertes Dasein, auf ein gefühlsmäßig und sexuell voll befriedigendes Leben, wie jeder andere Mensch auch.
  • 14. Wir haben das Recht auf hochwertige medizinische Behandlung und qualifizierte soziale Unterstützung in jeder Hinsicht, ohne jegliche Diskriminierung aufgrund unserer sexuellen Orientierung, unseres Geschlechtes, unserer medizinischen Diagnose, des sozialen Status oder unserer ethnischen Herkunft.
  • 15. Wir haben das Recht auf Aufklärung über alle medizinischen Vorgänge und Risiken, auf Wahl oder Verweigerung einer Behandlungsmethode, auf Weigerung an wissenschaftlichen Forschungen teilzunehmen. Wir haben dieses Recht, ohne gleichzeitig riskieren zu müssen, die qualifizierte medizinische Behandlung zu verlieren. Wir haben das Recht, selbstverantwortlich Entscheidungen über unser Leben zu treffen.
  • 16. Wir haben das Recht auf Privatsphäre, auf die vertrauliche Behandlung unserer medizinischen Daten. Wir haben das Recht auf menschlichen Respekt und auf die Wahl unserer wichtigsten Kontaktpersonen.
  • 17. Wir haben das Recht, in Würde zu sterben – und zu LEBEN.

Aus: Michael Callen (ed) Surviving and Thriving with AIDS: Collection Wisdom. Volume Two. People with Aids Coalition, Inc New York 1998

Texte – Passagen mit freundlicher Genehmigung der DAH entnommen aus der Reihe AIDS – Forum D.A.H. – Sonderband „Feuer unterm Arsch“ Die AIDS – Aktionsgruppen in Deutschland und den USA, eine Dokumentation herausgegeben von Andreas Salmen im Auftrag der Deutschen AIDS Hilfe e.V. Berlin, Übersetzungen aus dem Amerikanischen von Axel Stelten.

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Über den Autor Andreas Salmen:

Andreas Salmen (* 1962 in Göttingen; † 13. Februar 1992 in Berlin) war ein deutscher LGBT-Aktivist.

Noch in der Schulzeit engagierte sich Salmen politisch. „Undercover“ recherchierte er in der Neonazi-Szene Westberlins, 1977 wurde er Mitglied der Jungdemokraten und veröffentlichte seine Recherche-Ergebnisse kurze Zeit später. Er gehörte zu den Besetzern des Tuntenhauses in der Bülowstraße 55 in Berlin und war 1984 Mitbegründer der Siegessäule, des Berliner Monatsblatts (damals) für Schwule. Neben der politischen und AIDS-Berichterstattung schrieb er viel vor allem über britische Pop-Musik.

Gemeinsam mit Rosa von Praunheim gehörte er im Sommer 1989 zu den Initiatoren und Mitgründern der ersten deutschen Act Up-Gruppe. Salmen engagierte sich für AIDS-Projekte in Deutschland, wie etwa den Aufbau eines Stopp-Aids-Projektes in Berlin. Er schrieb verschiedene Bücher und verfasste Artikel zum Themengebiet AIDS und versuchte dabei auch das politische Bewusstsein der Schwulen für die AIDS-Krise zu schärfen.

Am 13. Februar 1992 starb Andreas Salmen an den Folgen von AIDS. Sein Nachlass wird im Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung verwahrt. Aufsätze und Veröffentlichungen findet man auch im Archiv Schwules Museum Berlin.

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5 Antworten zu Die Denver Prinzipien

  1. termabox schreibt:

    Immer noch SEHR aktuell und lohnenswert zu lesen auch für die, die es schon kennen! Thx

  2. alivenkickn schreibt:

    @ termabox

    Ja, das war u.a. auch meine Intention warum ich die „Denver Prinzipien“ einstellte. Zudem, viele aus der Community kennen die „DP“ dem Namen nach bzw verwenden die Bezeichnung im alltäglichen Sprachgebrauch. Doch nicht jeder beherrscht die englische Sprache so gut als das alles versteht. Insofern war ich hellauf begeistert und bestürzt zugleich als ich die Denver Prinzipien zum ersten Mal in Deutsch vor mir hatte.

    Gleiches gilt für die GIPA die es leider bis dato nur in Englisch gibt.

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