Aids Hilfen in Deutschland


HIV trifft immer nur die Anderen„. Eigentlich so sollte man meinen gehöre dieser Spruch der Vergangenheit an. Das dem leider nicht so ist belegen die Zahlen die vom Robert Koch Institut alljährlich (pdf Datei) veröffentlicht werden. Das die HIV Prävention in Deutschland sehr gut funktioniert, ist bekannt. Im internationalen Vergleich sind die Zahlen der HIV-Infektionen in Deutschland sehr niedrig.

Die Diagnose „Sie sind HIV positiv“ ist auch heute trotz guter medikamentöser Behandelbarkeit für jeden Menschen eine einschneidende Erfahrung, die ihn zutiefst erschüttert und aus dem Gleichgewicht bringt. Die Pläne die man für sein Leben geschmiedet sind hat werden ungültig, die Zukunft wie man sie sich vorgestellt hat erscheint grau und hoffnungslos. Zu der Angst ausgelöst durch Bilder die viele immer noch haben wie der Krankheitsverlauf von HIV sein könnte, gesellt sich die Angst vor Ausgrenzung , Stigmatisierung, Diskriminierung und persönlichen Nachteilen im Alltag durch die Gesellschaft wenn man offen über seine Infizierung redet. Nicht wenige haben heute, 25 Jahre nach HIV niemand mit dem sie über die Fragen und ihre Ängste reden können, niemand dem sie sich anvertrauen können. Der Gedanke eine AIDS Hilfe aufzusuchen um mit einemR MitarbeiterIn zu reden bzw. sich anzuvertrauen bereitet Vielen Unbehagen oder erweist sich als ein unüberwindbares Hinderniß.

Während der vergangenen Jahre hat das Internet als Plattform zum Austausch für HIV Positive und als Anlaufstelle für Rat und Hilfesuchende immer mehr an Bedeutung zugenommen. So gibt es Foren für HIV Positive wo diese ihre Erfahrungen und Hoffnung austauschen, sowie eine große Anzahl von Foren die sich dem Thema Aufklärung über HIV angenommen haben. In diesen speziellen Foren suchen Menschen Rat, Hilfe und Unterstützung wenn sie einen Risikontakt gehabt hatten bzw. wenn diese glaubten einen Risikokontakt gehabt zu haben. Insbesondere in solchen Foren kann man aus der Art der Fragen erkennen das die Unwissenheit bzgl „Wie man sich nicht infiziert“ weit verbreitet ist. Das Internet ist eine Möglichkeit für Prävention und Aufklärung geworden und bietet Vielen die Gelegenheit um sich im Schutz der Anonymität Hilfe und Rat zu holen, sich anderen Menschen anzuvertrauen und mit Anderen über ihre Ängste zu reden.

Aids Hilfen sind unverzichtbar und notwendig. Sie stehen Hilfesuchenden bei mit professioneller Beratung, Begleitung, Pflege und Betreuung, informieren und klären auf, leisten Öffentlichkeitsarbeit, fördern Selbsthilfegruppen, leiten ehrenamtliche Helfer/innen an, gehen in Schulen, Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser und informieren, klären auf bzw schulen Pflegepersonal und Bedienstete.  Sie vertreten die Interessen der Menschen mit HIV und AIDS, werben um Solidarität und machen sich stark für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, die am häufigsten von AIDS betroffen sind.

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Während der letzten zwei Wochen habe ich mit MitarbeiterInnen von 48 AIDS Hilfen in Deutschland telefoniert und JedeN von Ihnen zu dem Thema „Arzt – Patientenverhältnis im Bereich HIV“ mit einer bestimmten Situation konfrontiert bzw sie um Rat gebeten.

„Guten Tag. Mein Name ist Dennis und ich brauche mal Deinen Rat. Ich bin HIV +, nehme seit einiger Zeit ne Kombi die ich vertrage und gut funktioniert und muß mich demnächst einer Bandscheiben OP unterziehen. Vor einer OP findet ja immer ein Arztgespräch statt. Man wird nach div Krankheiten und nach Medikamenten gefragt falls man welche nimmt. Von Freunden und Bekannten, die in einer ähnlichen Situation waren habe ich nun erfahren das, nachdem sie dem Arzt mitgeteilt haben das sie HIV + sind, sich einige von Ihnen „merkwürdige Sprüche“ seitens der Ärzte anhören mußten. Sprüche von denen ich dachte das sie der Vergangenheit angehören. Insofern bin ich jetzt unsicher ob ich dem Arzt meinen HIV Status mitteilen soll oder nicht.

Muß ich dem Arzt mitteilen das ich HIV + bin?

Darf ein Arzt die Behandlung verweigern?“

Die Antworten aller MitarbeiterInnen wiesen ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz aus und verfügten über Empathie in einem Maß wie sie mir selten begegnet ist. Alle MitarbeiterInnen teilten mir mit, das ich weder die Pflicht habe mich zu outen noch das es ein Gesetz gibt das einem Arzt erlaubt die Behandlung eines HIV Positiven abzulehnen. Im Verlauf des Gespräches wiesen alle auf den Umstand hin, das es im Fall einer Operation aus den unterschiedlichsten Gründen sinnvoll sei „mit offenen Karten zu spielen“. Zum einen da es durchaus der Fall sein kann das ein Narkosemittel oder Medikamente die man in der Folge nehmen muß mit dem einen oder anderen HIV Medikament nicht kompatibel sein muß, zum anderen das bei einer möglichen Verletzung das Pflegepersonal oder der operierende/behandelnde Ärzte diese dann sofort mit der Behandlung einer PEP beginnen können.

Nicht wenige Aidshilfen konnten ähnliche Erfahrungen bestätigen, das es – leider – immer noch bzw.wieder Ärzte gibt die ihre persönlichen Ängste durch inakzeptable Äußerungen oder durch ihr Verhalten gegenüber HIV Positiven zum Ausdruck bringen. Spitzenreiter sind – nach wie vor – Zahnärzte die HIV Positive als letzte Patienten gegen Ende ihrer Sprechstunde behandeln sowie Gynäkologen und Orthopäden. Jeder Arzt hat sich zu schützen und hat jeden Patienten unabhängig um das Wissen um dessen Kranlheit gleich zu behandeln. Insofern ist es ein Unding das man HIV Patienten auf Grund ihrer HIV Infektion auf eine solche Art und Weise 25 JAhre nach HIV in Deutschland immer noch diskriminiert.

An diesem Punkt des Gespräches habe ich dann „mit offenen Karten gespielt“ und erklärt das ich quer durch Deutschland mit MitarbeiterInnen von Aids Hilfen telefoniere und alle mit der gleichen Thematik konfrontiere und warum ich dies mache. Danach nahm jedes Gespräch in einer sehr entpsannten und lockeren Atmospäre seinen Fortgang.

Quer durch die Republik ist festzustellen, das Jeder der sich an eine Aids Hilfe wendet, von den MitarbeiterInnen erfährt zu welchen ÄrztenInnen er/sie gehen kann ohne Ablehnung zu erfahren. Die meisten Aidshilfen bieten regelmäßig InfoVeranstaltungen an Berufsschulen an und sind zum Teil in der Schulung von Pflegepersonal in Krankenhäusern und Multiplikatoren  tätig.

Was den offenen Umgang mit seiner Infizierung im Alltag betrifft, so sind die Auffassungen sehr unterschiedlich. Nicht wenige Aids Hilfen tendieren dazu wegen des Bildes das nach wie vor in vielen Köpfen der Gesellschaft über Menschen mit HIV immer noch vorhanden ist und den damit verbundenen möglichen pers Nachteilen im Alltag und im Berufsleben sich nicht zu outen.  Dies gilt besonders für HIV Positive und Schwulen Männern die in ländlichen Gegenden oder in den neuen Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg leben, was auf Grund der politischen Gegebenheiten sehr gut nachzuvollziehen ist. Die politische Situation und die Haltung die nicht wenige aus der Bevölkerung in den letztgenannten Bundesländern gegenüber HIV Positiven, Schwulen und der Arbeit von AIDS Hilfen einnehmen erschwert die Arbeit der dortigen Aids Hilfen in erheblichem Maß.

Auch wenn es schwer fällt sich zu outen, der offene Umgang mit seiner Infektion ist letztendlich der einzigste Weg Anderen zu zeigen das eine „HIV Infektion“ normal ist. Nur so wird es irgendwann möglich sein das Stigma und Diskriminierung der Vergangenheit angehören werden wird.

Im Laufe der Gespräche mit allen Aids Hilfen insbesondere in den Städten stellte es sich heraus das „Leben im Alter“ verstärkt zu einem Thema wird bzw geworden ist. Entweder durch deren Klienten selbst oder es treten vermehrt Altenheime und Pflegeeinrichtungen mit der Bitte um Infoveranstaltungen oder Schulung von deren Pflegepersonal an AIDS Hilfen heran, da sie Anfragen von HIV Positiven und älteren schwulen Männern erhalten haben und sich besonders was die „Lebenswelten von Schwulen Mänern“betrifft schwer tun. Immer mehr Aids Hilfen gehen gezielt in Heime zwecks Schulung von Pflege und Heimpersonal oder es finden verstärkt Informationsveranstaltungen zu diesem Thema wie auch allgemein zu dem Thema „HIV“ im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit von Aids Hilfen statt. Alle Aids Hilfen -MitarbeiterInnen mit denen ich gesprochen habe, sehen was das Theme „Leben im Alter“ betrifft ein weiteres Aufgabengebiet auf sich zukommen dem personell und besonders finanziell  Rechnung getragen werden muß.

Mit finanziellen Kürzungen von der viele Aids Hilfen seit Jahren betroffen sind wird man den veränderten Aufgaben, insbesondere was das Thema „Leben im Alter“ betrifft die auf die Aids Hilfen in den nächsten Jahren zukommen werden, nicht gerecht werden. Hier muß ein Umdenken der Verantwortlichen in Politik stattfinden.

Was ist das Fazit dieser „Wallraff Aktion“: Alle Aids Hilfen leisten trotz mancher schwierigen Bedingung mit denen sich die eine oder andere Aids Hilfe konfrontiert sieht sehr gute Arbeit. Insofern sind die verschiedentlichen Äußerungen von HIV Positiven das „AIDS Hilfen nicht genug tun oder mehr tun müßten“ völlig unbegründet, und sind mehr auf Vorurteile bzw Unwissenheit oder das Ergebnis eigener Ängste zurückzführen. Und – bis auf wenige Aids Hilfen die man an zwei Fingern einer Hand abzählen kann – sind sich alle Aids Hilfen mit denen ich gesprochen habe bewußt, das eine effektivere Arbeit sowie gesellschaftliche Akzeptanz von HIV, HIV Positiven und Schwulen Männern auf Dauer nur über den Weg der “ Einbeziehung durch den Einzelnen, die Community“ zu erreichen ist.

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Eine Antwort zu Aids Hilfen in Deutschland

  1. Spielor schreibt:

    Wow. 😮

    Gruß, Spielor – spielor.wordpress.com

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