Deutsche Aids Stiftung – Nicht mehr zeitgemäß?


Ich kann ihn schon hören, den lautlosen Aufschrei Einiger: „Unerhört – Wie kann man es wagen diese heilige Kuh in Frage zu stellen geschweige den in Erwägung zu ziehen sie schlachten zu wollen“. Leben ist ein fortlaufender Prozeß von Veränderung. Dieses Prinzip gilt für die pers. Entwicklung des Einzelnen wie auch für Organisationen, Firmen, Parteien etc. . Wer dies nicht rechtzeitig erkennt wird irgendwann vom Leben überholt bzw. überrannt werden.

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Am 22. Juni hatte die Deutsche AIDS-Stiftung drastische Kürzungen bei der Einzelfall-Hilfe für Menschen mit HIV und Aids angekündigt „Die Deutsche Aids Stiftung in der Krise“ – bei gleichzeitiger Ausweitung der Projekt-Förderung. “Lässt die AIDS-Stiftung Positive im Stich?“, hatte daraufhin Matthias Hinz in einem Kommentar gefragt, während die Stiftung selbst betonte, sie wolle die Hilfe für die bedürftigsten Menschen mit HIV sichern. Das 132. Bundesweite Positiventreffen hatte hierzu Anfang Juli 2009 eine Resolution verfasst und die Stiftung aufgefordert, die Kürzungen zurück zu nehmen. (Ondamaris)

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“Die Reduzierung der Einzelfallhilfe finde ich schmerzhaft.” So kommentiert der Gründer der Deutschen AIDS-Stiftung Positiv Leben, Rainer Jarchow, im Interview auf dem Blog der DAH die drastischen Kürzungen bei der Einzelfall-Hilfe der Deutschen AIDS-Stiftung.

„Die Einzelfallhilfe war das Herz der Stiftung. Das ist sie jetzt leider nicht mehr, denn die Situation ist komplizierter geworden. Die Antragssteller befinden sich häufig in existenziellen finanziellen Schwierigkeiten, aber es ist oft schwierig zu erkennen, ob jemand speziell durch HIV in Not geraten ist. Die Stiftung kann nun mal leider nicht allen Bedürftigen ihr Hartz IV aufstocken, sondern immer nur mit Einmalzahlungen helfen.“

“. . . wir müssen leider feststellen, dass die Armut von Menschen mit HIV in Deutschland keinen müden Euro aus den Leuten mehr rauslockt.“

Die finanziellen Schwierigkeiten von denen hier die Rede ist betrifft idr HIV Positive die ihren Alltag von der Grundsicherung, HARTZ IV oder ALG II bestreiten müssen. Seit 2005 wurden einmalige Beihilfe gestrichen und sind nunmehr im Regelsatz enthalten. Der Mehrbedarf für kostenaufwendige Ernährung wird ab dem 1.1.2009 nur noch unter bestimmten Bedingungen gewährt.

“Viele Spenden sind mittlerweile zweckgebunden, in aller Regel für Afrika, weil das die Leute bewegt – die berühmten traurigen Kinderaugen. Viele Leute spenden auch ausdrücklich für eines der Wohnprojekte. Die Spenden, die für die Einzelfallhilfe zur Verfügung stehen, sind tatsächlich zurückgegangen.“

„Die Leute hängen ihr Herz lieber an konkrete Projekte. Ich stehe aber auch inhaltlich dahinter: Die Projekte sind gute Projekte! Da geht es um Wohnen, Arbeitsbeschaffung, Ernährung, Gruppenreisen – das kommt den Betroffenen direkt zugute.“

An den politischen Voraussetzungen wird sich auch in naher Zukunft nichts daran ändern. Es darf eher davon ausgegangen werden das in den kommenden Jahren Kürzungen im sozialen Bereich weiterhin die Regel sein werden. Insofern machen die Aussagen von Rainer Jarchow durchaus Sinn, stehen sie sie doch im Einklang mit dem ursprünglichen Ziel der Stiftung:

.“Wenn nicht genug Spenden da sind, muss das Stiftungskapital angeknabbert werden. Diese 21 Millionen wären gut eingesetzt.“

Dies würde bedeuten das Kapital, das zweckgebunden ist, nur entsprechend verwendet werden kann. Somit wird nicht zweckgebundenes Kapital frei werden, das man für Einzefallhilfe verwendet werden kann. Es liegt auf der Hand das dieses nicht zweckgebundene Kapital irgendwann aufgebraucht werden sein wird. Die Tatsache das ein Rückgang von nicht zweckgebundenen Spenden zu verzeichnen ist läßt diesen Schluß durchaus zu.

„Die Deutsche AIDS-Stiftung weist durch ihr Vorstandsmitglied Dr. Ulrich Heide seit Jahren bei bundesweiten Konferenzen auf die sozial und materiell schwierige Lage vieler HIV-positiver Menschen hin.“

„Die AIDS-Stiftung hat ebenfalls seit Jahren darauf hingewiesen, dass sie finanziell überfordert wäre, wenn eine große Zahl HIV-positiver Menschen sich in dauerhaften Notlagen befände und sich mehrfach an die Stiftung wenden müsse. Genau diese Situation gilt aber faktisch seit Jahren: Die Mehrzahl der Antragstellenden befinden sich in einer dauerhaft angespannten finanziellen Situation und nicht in einer einmaligen.“

Spätestens hier stellt sich die Frage wie man man dieser veränderten „Spendensituation“ begegnen kann um den zunehmenden Bedarf der Einzelfallhilfe weiterhin gerecht zu werden.

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Carsten Schatz, Mitglied im Vorstand der DAH:

„Es hat zwar kaum jemand Lust darauf, aber man muss sich dem neuen Aids stellen. Das neue Aids stigmatisiert aber nicht weniger als das alte, und es bringt ebenfalls materielle Not hervor. Das kann und muss man öffentlich darstellen.“

Eines der bekannten Phänome, das jeder der im Berufsleben steht kennt, ist das sich im Laufe der Jahre eine Routine entwickelt hat die ein über den Tellerrand blicken äußerst erschwert bzw verhindert.Probleme werden zwar erkannt doch eine Lösung zu finden gestaltet sich äußerst schwierig. Und wenn dann bewegt sie sich im Rahmen der bekannten Strukturen. In diesem Fall zerbricht man sich den Kopf:

„Wie kann man das Bild vom neuen AIDS, das trotz guter Therapierbarkeit Stigmatisierung und materielle Not mit sich bringt, öffentlich sichtbar machen, mit dem Ziel mehr Spenden zu aquirieren um dem Bedarf gerecht zu werden“?

Die Eierlegende Wolfsmilchsau ist – leider – bis heute noch nicht entdeckt worden und, so befürchte ich wird auch in nächster Zukunft nicht entdeckt werden. Auf neue bis dato unbekannte bzw unbegangene Wege, die zu begehen man sich entweder gescheut hat weil man sie nicht sah oder sie von vornherein als „Unmöglich“ verwarf gilt es sich einzulassen.

Deutschland ist zum großen Teil immer noch von „kleinbürgerlichem provinziellem Denken, Eigenbrötlertum und ProfilNeurotikern“ geprägt, die nur darauf bedacht sind ihr Bild ins rechte Licht zu rücken. Schaut man sich die Besetzung div Gremien von unzähligen Verbänden, Stiftungen und Organisationen an, so verwundert es nicht das in vielen Bereichen Stagnation herrscht. Entweder handelt es sich um Personen die sich in der Vergangenheit Meriten erwarben und sich heute auf den verstaubten Lorbeeren ausruhen oder es handelt sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, um Politiker die sich zum großen Teil während ihrer politischen Amtszeit durch Unbeweglichkeit, Aussitzen oder das was sie als Pragmatismus bezeichnet haben hervorgetan haben haben.

Think Big

Von einer Stiftung – Organisation ähnlich der Elisabeth Taylor Aids Foundation, einer Elton John Aids Foundation, eines Wiener Life Ball ist Deutschland noch weit entfernt. Ob es sich um Schauspieler, Designer, Maler, Musiker oder Fotografen handelt, in Deutschland gibt es genügend Künstler die auch international bekannt sind. Und Deutschland ist keine Provinz mehr. Künstler aus dem Ausland kommen wieder gerne nach Deutschland wie z.b. zur alljährlich stattfindenden Berlinade. Gerade der Sommer und die Lust auf Open Air Konzerte bieten sich geradezu an ein Konzert mit internationalen Künstlern auf die Beine zu stellen.

Visionäre und Querdenker wurden aufs Abstellgleis befördert, Innovation und Kreativität findet – wenn überhaupt – nur innerhalb vorgegebener Grenzen statt. Und gerade das ist es was man benötigt will man dem Anspruch den zunehmenden Bedürfnissen und Verarmung von vielen HIV Positiven gerecht werden. Möglicherweise wird man auch zu der Einsicht kommen das eine neue „Stiftung – Kooperation mit?“ angebracht wäre. Die Deutsche Aids Stiftung deren Aufgabe darin besteht weiterhin zweckgebunden und projektbezogen tätig zu sein und eine neu zu gründende Stiftung deren Ziel es ist sich den Belangen derjenigen Menschen – HIV Positiven zu widmen um ihnen gerecht zu werden.

Möglichkeiten bieten sich an, man muß nur den Mut haben sich auf sie einzulassen, sie sich zu nehmen.

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