HIV im Alltag – Teil 1


Bilder des Lebens mit HIV zeigen. Bilder eines Lebens, das inzwischen facettenreicher, vielfältiger geworden ist – und bei weitem nicht nur von Tod und Leid geprägt ist. Bilder vom Leben mit HIV – wer könnte sie treffender zeigen als HIV-Positive selbst?

Mit dieser Feststellung schließt Ondamaris einen Artikel auf seinem Blog der sich mit der Frage beschäftigt „was schwule Männer dazu bewegt, das  – wie eine britische Studie herausfand – sie eine Kriminaliserung von HIV fordern“. Das Ergebnis dieser Studie ist, wie ich finde, erschreckend und beschämend: „Ignorance and stigma provide foundation for gay men’s support of criminalisation of HIV transmission.“

„Bilder des Lebens mit HIV zeigen.“ Diese Aussage drückt den Wunsch – die Forderung  nach „Normalität = Akzeptanz im Alltag“ aus, besagt auch das man noch weit davon entfernt ist. Zudem spiegelt dieser Wunsch das Dilemma wider das sich wie ein roter Faden durch die Gesellschaft zieht. Der Mensch wird in zunehmendem Maß über seinen sozialen, beruflichen und gesundheitlichen Status definiert und wahrgenommen. Insofern ist es auch ein Hinweis auf die negative Haltung der Gesellschaft gegenüber Menschen die HIV Positiv sind, was 25 Jahre nach HIV in Deutschand beschämend ist. Keinem heterosexuell geprägten Mensch würde es einfallen seine“Heterosexualität“ bewußt in den Vordergund zu stellen. Keinem Krebs, Herz oder Nierenkrankem Menschen oder Diabetiker würde es einfallen seinen Alltag unter dem Bild seiner Krankheit der Öffentlichkeit gegenüber besonders heraus zustellen. Schon einfach deshalb nicht weil diese Krankheiten gesellschaftlich akzeptiert werden. Die tägliche Fahrt zu einem Dialyszentrum eines Dorfbewohners ist Alltag. Die Fahrt eines HIV Positiven der in einem Dorf oder in einer Kleinstadt lebt zu den regelmäßigen Kontrolluntersuchungen in eine Infektionsambulanz oder einer HIV Schwerpunktpraxis findet aus Angst vor Ausgrenzung bei bekannt werden seiner Infizierung nach wie vor unter dem Siegel der Verschwiegenheit statt.

Unter der Überschrift „Das Schweigen brechen“ habe ich  in zwei HIV Foren in denen HIV Positive Mitglieder sind die folgenden Fragen gestellt. 62 Personen haben teilgenommen, insgesamt haben 229 Abstimmungen stattgefunden.

Wissen eure Eltern das ihr HIV positiv seid? = 40

Wissen eure Arbeitskollegen das ihr HIV positiv seid? = 17

Wissen eure Vorgesetzten das ihr HIv positiv seid? = 17

Wissen eure Freunde das ihr HIV positiv seid? = 55
Wissen Menschen mit denen ihr täglich Umgang habt das ihr HIV positiv seid? = 23

Wissen Ärzte – Zahnärzte das ihr HIV positiv seid? = 57

Außer meinem Arzt weiß es niemand = 15

Ich habe es bis jetzt noch niemand gesagt das ich HIV positiv bin = 5

Was sich wie ein roter Faden in vielen Antworten durch beide Foren wie auch in anderen Foren die Aufklärung um HIV zum Thema haben zieht, ist die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatz und der Angst vor Ausgrenzung wenn man sich den Kollegen/dem Vorgesetzten gegenüber outet. Gleichzeitig zeigt es sich auch das, wenn man in die „Offensive“ geht, diese Angst sich oft als unbegründet herausstellt. Was 25 Jahre nach bekannt werden von HIV in Deutschland wieder zugenommen hat sind die vielen schlechten Erfahrungen die viele Positive mit Ärzten gemacht haben. Die Palette der Äußerungen von Ärzten gegenüber HIV Positiven reicht von Vorurteilen bis hin zur Homophobie. Das größte Problem mit dem sich viele HIV Positive konfrontiert sehen sind Beziehungen. Selbst für viele HIV Positive die schon seit Jahren positiv sind ist dies eine Frage die ihnen immer wieder begegnet. Sage ich es dem/der PartnerIn, wann ist der richtige Zeitpunkt um es ihm/ihr zu sagen, genügt es wenn ich die Safer Sex Regel beachte oder muß ich es ihm/ihr dennoch sagen auch wenn es sich um einen ONS handelt. Diesen Konflikt tragen sehr viele HIV Positive jahrelang mit sich herum. Hier würde ich mir etwas mehr Mut bzgl einer eindeutigen und unmißverständlichen öffentlichen Stellungnahme seitens der DAH und der BZgA = der Gesellschaft zur Lösung dieses Konfliktes, dieser inneren Auseinandersetzung an dem nicht Wenige leiden wünschen.

Die Autoren der Studie kamen zu dem Schluss, die Realität des Lebens mit HIV werden vielfach immer noch falsch wahrgenommen. Angst und Abscheu seien offensichtlich. Die Ansichten, die die Forscher in Großbritannien untersuchten, sind auch bei uns zu finden, ob bei Homo- oder Heterosexuellen. Bedeutender noch, sie sind auch bei Staatsanwälten, Richtern und Politikern zu finden, wie Ermittlungsverfahren und Gesetzesinitiativen immer wieder zeigen.

HIV beinhaltet weitaus mehr als nur Primär Prävention und Aufklärung auf der körperlichen Ebene. HIV, Krebs, Diabetes – jede Krankheit ist ein Teil des Lebens und gehört demzufolge zum Alltag. Die Frage ist wie wir etwas einordnen, bewerten und damit umgehen. Nicht HIV ist eine Mauer die Menschen trennt sondern Menschen errichten in ihren Köpfen und Gedanken Mauern um sich von ihren Mitmenschen zu trennen mit dem Ergebnis diese vom Leben auszugrenzen.

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Was ich für mich im Laufe meines Lebens herausgefunden habe ist das ich Leid – auch eine Krankheit wie HIV oder das was ich als ein Geheimnis empfunden und lange mit mir alleine herumgetragen habe in dem Moment für mich zu (er)tragen leichter wird – geworden ist, wenn ich dieses Geheimnis mit anderen teile, darüber rede. Es hat mich immer Mut und Überwindung gekostet mit anderen Menschen denen ich vertraue über (m)ein Geheimnis zu reden – mich einem Anderen anzuvertrauen. Ich dachte oft das das was mich bedrückte für einen Anderen so schlimm und grauenhaft ist das ich es ihm nicht zumuten könne davon zu erzählen. Und natürlich stand da auch die Angst vor meinem Auge das der Andere mich verlassen würde wenn ich ihm oder ihr erzähle das ich HIV + bin. Das sind ganz normale Ängste die jeder von uns hatte und immer noch hat. Meistens kam es aber anders. Nicht nur das mich viele verstanden haben, nicht Wenige sprachen dann auf einmal von ihren Ängsten , ihren „Geheimnissen“. In solchen Momenten stellt man dann fest das man gar nicht so alleine ist wie man glaubte das man es sei.

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weitere Informationen:

aidsmap: 26.01.2009: Ignorance and stigma provide foundation for gay men’s support of criminalisation of HIV transmission

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2 Antworten zu HIV im Alltag – Teil 1

  1. termabox schreibt:

    Mit HIV offensiv zu leben gelingt nur, wenn man für sich einige Fragen geklärt hat und für sich Antworten gefunden hat zu Scham, Schuld und Selbstwertgefühl. Ist man hier nicht stark – und die Gemeinschaft mit anderen HIV-Positiven stärkt dabei – droht man bei Anfeindungen und „blöden Bemerkungen“ ganz schnell in den lähmenden Zustand zurückzufallen „Der andere hat ja doch ‚Recht‘ mit seinen Verurteilungen und Bewertungen“.

    Auch mir, dem es über einen langen Weg gut gelungen ist, selbstbewusst und offensiv mit HIV zu leben und mich nicht zu schämen, droht manchmal bei dem permanenten Gegenwind – oder gar Orkan, wie bei dem medialen Hype um die unzulässigen Vorverurteilung einer Sängerin im April – die Power auszugehen. Es ist derzeit nach wie vor anstrengend, mit HIV in unserer Gesellschaft zu leben.

    Genau deshalb braucht es neben der Positivenselbsthilfe verlässliche weitere Organisationen, wie die DAH oder hoffentlich auch mal offensiver die BZgA, um die unsägliche Stigmatisierung zu brechen und unmißverständlich, klar und deutlich – wie ich es in meinem Blog tue – allen zu sagen „Living positive isn’t a shame!“

  2. Pingback: HIV im Alltag – Teil 3 – Arztbesuche « alivenkickn

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