Die Würde des Menschen ist unantastbar


. . . sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

So heißt es im Art. Art. 1 des I GG. Aha, werden sich viele sagen, ganz klar, der Staat schützt die Würde des Menschen. Also hab ich nix damit zu tun. Prima. Wieder mal n Stück Verantwortung weniger um das ich mich nicht zu kümmern brauche. Ist das wirklich so? Bei näherer Betrachtung mögen dann einige Fragen auftauchen.

Eine der Fragen könnte lauten – Was ist „ Würde“ überhaupt, bzw. was beinhaltet sie?

Menschenwürde

Menschenwürde als Wert – die „Mitgifttheorie“

Nach der sog. „Mitgifttheorie“ erweist sich die Würde des Menschen als eine besondere Qualität oder Eigenschaft des Individuums, die diesem von seinem Schöpfer oder von der Natur mitgegeben ist. Dieser besondere Wert liegt „in dem Eigenwert und der Eigenständigkeit, der Wesenheit, der Natur des Menschen schlechthin“. „Jeder Mensch ist Mensch kraft seines Geistes, der ihn abhebt von der ursprünglichen Natur und ihn aus eigener Entscheidung dazu befähigt, seiner selbst bewußt zu werden, sich selbst zu bestimmen und sich selbst und die Umwelt zu gestalten“.

Menschenwürde als Leistung – die „Leistungstheorie“

Dagegen vertritt die sog. „Leistungstheorie“ ein leistungs-, nicht wertbezogenes Konzept: Würde ist danach weder eine vom Nichtmenschlichen unterscheidende Eigenschaft, noch ein Wert. Vielmehr sei Würde eine Leistung, die der Einzelne erbringen könne, die aber auch verfehlt werden könne und somit Resultat erfolgreicher Identitätsbildung sei. Der Einzelne bestimme somit selbst, was seine Würde ausmacht.

Menschenwürde als Kommunikationsbegriff – die „Kommunikationstheorie“

Die neuere Kommunikationstheorie sieht Würde nicht als Qualität, Eigenschaft oder Leistung des Individuums, sondern in der „sozialen Anerkennung durch positive Bewertung von sozialen Achtungsansprüchen“. Menschliche Würde könne nicht losgelöst von einer „konkreten Anerkennungsgemeinschaft“ gesehen werden.

Negativdefinition der Menschenwürde

Vielfach wird jedoch darauf verzichtet, den Begriff der Menschenwürde positiv in eine Formel zu fassen. Um eine verfehlende Definition zu vermeiden, setzen viele Interpreten beim Verletzungsvorgang an und bedienen sich somit gleichsam einer negativen Interpretationsmethode, die die Menschenwürdegarantie als Tabugrenze für Eingriffe der Öffentlichen Gewalt deutlich werden läßt.

Achtung und Schutz der körperlichen Integrität

Auf der Hand liegt zunächst, daß Art. 1 I GG vor Folter und körperlicher Strafe schützt. Insbesondere wird aber auch im Bereich der Fortpflanzungsmedizin und Gentechnik in diesem Zusammenhang die Vereinbarkeit mit der Menschenwürdegarantie diskutiert.

Sicherung menschengerechter Lebensgrundlagen

Art. 1 I GG soll zudem die „Mindestvoraussetzungen für ein menschliches Dasein sichern“. Insofern bildet er in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip die verfassungsrechtliche Grundlage für die Gewährleistung eines materiellen Existenzminimums. Dazu gehören ausreichende Sozialhilfeleistungen aber auch eine menschenwürdige Unterbringung bedürftiger Personen.

Rechtliche Gleichheit des Menschen

Zur Würde des Menschen gehört, daß ihm nicht ein rechtlich abgewerteter Status zugewiesen wird. Somit stellen Sklaverei, rassische Diskriminierung und andere demütigende Ungleichbehandlungen einen Eingriff in die Menschenwürde dar.

Wahrung der personalen Identität

Art. 1 I GG garantiert das Recht auf psychische, seelische und intellektuelle Integrität (bzw.: personale Identität). Geschützt gegen identitätsbrechende Übergriffe ist das „je eigene Menschenbild“, je nachdem, wie sich der Mensch „in seiner Individualität selbst begreift“. Umstritten ist jedoch, ob im Sinne der Leistungstheorie auch die sich selbst entwürdigende Selbstdarstellung von diesem Schutz umfaßt ist oder ob hier der Mensch vor sich selbst geschützt werden muß.

Der Begriff der „Menschenwürde“ – Zusammenfassung

Insgesamt jedoch besteht ungeachtet der unterschiedlichen Herangehensweisen und Bestimmungsversuche zum Begriff der Menschenwürde wohl grundsätzlich Einigkeit bezüglich folgender Kernaussagen: Die Menschenwürdegarantie schützt vor willkürlicher Ungleichbehandlung, Diskriminierung und Demütigung. Sie zielt sowohl auf die Wahrung der Subjektsqualität des Individuums als auch auf die Sicherung eines materiellen Existenzminimums. Quelle – QuellenAngaben/Fußnoten

Dies ist nur ein kleiner Auschnitt und schon er zeigt, das was einfach klingt „irgendwie kompliziert zu sein scheint“. Manchmal kommt es mir vor das wir Menschen über eine besondere Begabung verfügen: Einfaches kompliziert zu machen, weil  „Es kann nicht so einfach sein, es muß kompliziert sein.“

Wenn ich das Wort „Würde“ höre dann kommt mir folgende Geschichte in den Sinn. Sie drückt – so empfinde ich es – sehr gut aus worum es geht.

Man stelle sich vor, Gott sei der Eigentümer dieses Planeten, so wie ein Reicher, der ein sehr großes Stück Land besitzt. Aus irgendeinem Grund hat er mich als Gast auf sein Gut eingeladen. Ich habe die Einladung angenommen, obwohl ich nicht weiß, was Er mit meinem Besuch im Sinn hat. Dabei spielt es keine Rolle ob man an Gott glaubt oder nicht. Man kann dafür einsetzen was immer man will, eine Macht größer als wir selbst, die Natur oder auch gar nichts.

Natürlich sind auf dem Gut auch noch andere Gäste. Sie scheinen in derselben Situation zu sein wie ich. Auch sie sind geladene Gäste. Sie haben nichts mitgebracht und sie können auch nichts mitnehmen, wenn sie das Gut verlassen.

Der Eigentümer sorgt gut für mich und die anderen Gäste. Er gibt uns Luft zum Atmen, Wasser zum trinken, Speisen zum essen, Kleidung, Unterkunft und die Gesellschaft anderer Gäste. Offensichtlich ist der Gastgeber sehr großzügig, deshalb scheint es angemessen zu sein, sich zu bemühen ein guter Gast zu sein.

Es scheint auch offensichtlich, daß man als guter Gast versuchen sollte, das schöne Gut nicht zu verwüsten. Ich darf es frei benützen, aber ich sollte es in einem Zustand belassen, in dem ich es vorgefunden habe. Ich sollte die Reichtümer des Gutes nicht verschwenden und ich sollte seine natürliche Schönheit nicht verschandeln. Kurzum, ich sollte auf das Eigentum desGastgebers Rücksicht nehmen.
Es scheint mir auch richtig, daß ich zu den anderen Gästen nett bin, auf sie Rücksicht nehme ind ihr Wohlbefinden nicht beeinträchtige. Sie haben schließlich zum Gastgeber die gleiche Beziehung wie ich, darum bin ich sicher nicht befugt, ihnen vorzuschreiben, was sie tun sollen – zumal da ich selber nicht recht weiß, was ich tun soll. Aber bestimmt kann ich mich so aufführen, das ich niemandem schade oder in seinem Tun einenge.

Ich beschloß, daß ich mich ähnlich wie der Gastgeber aufführen wolle. Er ist nett und rücksichtsvoll, indem er für meine Bedürfnisse sorgt und für die der anderen Gäste. Er hat uns offensichtlich viel Freiheit gegeben.

Das Gut ist großartig angelegt, äußerst komplex und völlig ausgewogen. Jeder teil des Gutes steht in harmonischen Bezug zu jedem anderen teil, die Gäste eingeschlossen. Das ganze Gut ist lebendig und reagiert auf die geringste Veränderung. Bei der Reaktion auf Veränderungen ist immer Weisheit mit im Spiel. Auch die Weisheit des Eigentümers scheint überall zu sein, wenn das Gut sich an alle Strömungen anpaßt und kontinuierlich das Gleichgewicht wiederherstellt, bis absolute Harmonie herrscht.

(Aus: Auf dem Wege der Besserung, O.Carl Simonton, rororo Verlag)

Toleranz und Respekt für den Anderen, jeden das Leben leben und führen zu lassen, für das er sich entschieden hat, steht mit der Würde des Menschen in unmittelbarem Zusammenhang. Dies ist der eine Teil den jeder dazu beitragen kann, dem Nächsten das Gefühl von Würde zu belassen.

Die eigene Leistung, der erarbeitete Wohlstand, die eigene Hautfarbe oder Gesellschaftliche Normen, bedingen oftmals das man dies als Maßstab nimmt an dem man alle Anderen mißt. Wegschauen, Ausgrenzen, Verurteilen, Stigmatisieren und Diskriminieren ist heute nicht selten der Fall wenn man Menschen begegnet die ein anderes Leben führen das nicht dem gesellschaftlichen normativen Verhalten entspricht. Mit solch einer Haltung verletzt man die Würde des Anderen, dieses nicht greifbare, nicht faßbare aber dennoch wahrnehmbare, spürbare Gefühl.

Es gibt viele Menschen, die ein menschenunwürdiges Leben führen. Alte und Kranke, Sozial schwache und Obdachlose Menschen, in Not geratene und von Armut betroffene Menschen, Alkohol- und Drogenabhängige Menschen. Dabei ist die Frage nach Schuld völlig irrelevant. Vielmehr stellt sich die Frage was ist zu tun damit sie wieder ein Leben in Würde führen können.

Wenn ich mir nicht im klaren bin, etwas nicht verstehe oder wenn ich bereit bin jemand zu verurteilen, dann stelle ich mir immer wieder die gleiche Frage: Wie würde ich mich fühlen, wenn mich jemand verurteilt, weil ich anders aussehe, weil ich eine andere Hautfarbe habe, weil ich auf der Straße lebe, weil ich Arm bin, weil ich krank bin, weil meine Art zu Leben anders ist als man es erwartet oder voraussetzt, weil ich Schwul, Lesbe, Transgender oder weil ich HIV Positiv bin und man mich nur deswegen verachtet weil ich nicht so lebe oder bin wie die Mehrheit in der Gesellschaft in der ich lebe. Mir persönlich kann eine solche Haltung nichts anhaben, aber es gibt  unzählige Menschen unter uns die nicht dazu in der Lage sind.

Betrachtet man den Begriff „Würde“ einmal vom kommerziellen, vom kaufmännischen Standpunkt aus, dann  wird man feststellen, das „Würde“ u.a. auch ein Gut ist, in das man nichts investiert und dennoch großen Gewinn bringt. Respekt, Toleranz, ein Lächeln, ein freundliches Wort kostet keinen Pfennig. Das erstaunlichste jedoch ist die Reaktion die zurückkommen kann. Ein Lächeln das man einem anderen Menschen schenkt, ein freundliches Wort oder das Gefühl das man zurückbekommt, das zeigt das man den Anderen respektiert, toleriert und  akzeptiert so wie er/sie ist, ist nicht nur unbezahlbar sondern kann den eigenen Alltag aufhellen.

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Vor 9 Jahren habe ich diesen Artikel für eine  Obdachlosenzeitschrift „Die Strassenzeitung“ geschrieben. Leider ist er inhaltlich heute noch genauso aktuell wie damals.

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