Abschied von meinem Vater


Letzte Nacht – es war wieder eine dieser schlaflosen Nächte – stöberte ich in den Blogs einiger Menschen die ich mag. Was mir dabei wieder einmal auffiel war wie stiefmütterlich das Thema „Tod und Trauer“ behandelt wurde. Über das Sterben, den Tod und die Trauer eines nahen Menschen, ob Familie, Partner oder FreundIn, zu schreiben, das fällt immer noch schwer. Wir tun uns schwer damit. Vielleicht weil wir glauben das es etwas „privates“ sei,  möglicherweise auch deshalb weil das Thema „Sterben und Tod“ immer noch mit einem Tabu behaftet ist. Wir schreiben und kommunizieren über sehr vieles was man als „Privat“ bezeichnen könnte. So fällt es uns relativ leicht Gefühle der Freude zum Ausdruck zu bringen und diese mit Anderen zu teilen. Gefühle der Trauer, den Tod eines lieben Menschen der uns nahe stand mit Anderen zu teilen – das fällt uns schwer.

In der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2001 ist mein Vater gestorben. In den darauf folgenden Tagen habe ich viel über das Sterben und den Tod meines Vaters geschrieben. In Nachhinein betrachtet hat mir  dieses „Meine Gefühle von der Seele schreiben“ sehr gut getan. Es war ein reinigender, therapeutischer Prozess, (m)ein Weg, meine Trauer über den Verlust meines Vaters zu verarbeiten.

*  *  *  *  *

Am Donnerstag Morgen den 29. November 2001 kam die lange erwartete Übersetzung von Ram Dass neuestem Buch 
“Die Reise geht weiter“. Alt werden und Sterben ist das Ziel der Lebensreise, nicht als schmerzvoller Verzicht und Verlust, sondern als Gnade und Erfüllung.
Heute morgen, 1. Dezember 2001 , zu der Stunde wo die Nacht am dunkelsten und der Tag noch nicht angebrochen ist wurde meinem Vater die Gnade zu teil loslassen – kapitulieren zu können.
Die letzten Wochen waren sein Golgatha. Sein Kampf, seine seelischen und psychischen Kämpfe und die damit verbundenen Schmerzen wahrzunehmen, in dem Bewußtsein das ich nichts für ihn tun kann, zeigte mir – wieder einmal – was es heißt machtlos zu sein. Machtlosigkeit und Hilflosigkeit die zu Demut führt.
Ich war gerade beim Einkaufen auf dem Markt als ich den Anruf bekam das mit meinem Vater etwas „los“ sei. 20 Minuten später war ich dann  im Hause meiner Eltern wo mir meine Mutter mitteilte das er in der Nacht friedlich von dem Schlaf in den Tod hinübergeglitten ist.

Die letzten Wochen – insbesondere der Oktober wo ich täglich mit ihm zusammen war – meine Mutter lag im Krankenhaus – waren eine sehr intensive Zeit für uns beide. Es gab Tage da saßen wir zusammen in der Sonne und haben schweigend kommuniziert. In diesen Wochen waren wir uns so nahe wie nie vorher und haben alles bereinigt was zwischen uns stand. Oder besser gesagt – alles was zwischen uns gewesen war, war nichts im Angesicht der kommenden Veränderung.

Seit dieser Zeit war jeder Abschied von ihm abends an dem ich nach Hause fuhr für mich wie ein Abschied für immer.
Merkwürdigerweise habe – fühle ich keinen Schmerz in mir. Es ist eher ein erleichterndes Gefühl der Freude. Erleichtert darüber das sein Leiden beendet ist – und Freude weil er loslassen konnte, weil es nichts zwischen uns gibt das ungesagt geblieben ist und Freude darüber weil er jetzt auf der Reise nach „Hause“ ist.

3.Dezember 2001

Die bleierne Zeit

Gelähmt und trotzdem gehend

blind und trotzdem hörend

taub und trotzdem sehend

das ist ein Mensch der trauert

Marina Szczecinski

Dieses Gedicht drückt sehr gut aus wie ich mich fühle – was ich fühle. Schwer und dunkelgrau wie Blei. Ich bezeichne die Zeit als „Die bleierne Zeit“. 

Wie trauert man richtig? 

Jeder so wie er trauert. Alle Normen und Erwartungen sind – für mich – nicht existent. Was jedoch existent ist sind – die Normen und Erwartungen nach denen Andere trauern. Andere sind in dem Fall meine Mutter. Und sonst niemand. Ihren Normen und ihren Ritualen Rechnung tragend, ihren Bedürfnissen gerecht werden, das ist alles was für mich zählt. Ist etwas für Sie wichtig dann ist es richtig. Auch hier lerne ich mich zurückzunehmen.

In der letzten Zeit – im Grunde genommen schon immer – kommen immer wieder mal Sprüche über meine Lippen. Jetzt auch. Mann hab ich heute gedacht, was wird der Typ vom Beerdigungsinstitut wohl denken? 
Für mich sind diese Sprüche auch eine Art Ventil. Meine Mutter kann auch in Ihrer Trauer lachen eben weil sie mich kennt und Andere – was sie denken ist mir egal. 
Und dann bricht sich Traurigkeit wieder ihren Weg. Was andere dabei denken – auch das ist mir egal. 

Heute waren wir auf dem Friedhof und haben das Grab ausgesucht. Als wir ankamen mußte ich lachen. Weil wir uns verspätet hatten mußte der Friedhofwärter ca. 15 Minuten in der Kälte auf uns warten. Na ja sagte ich zu einer Freundin die uns begleitete, „Kälte“ ist er ja gewohnt. Wir schauten uns an und mußten an uns halten das wir nicht lauthals prusteten vor Lachen. 
Lachen und Weinen reinigt die Seele.

Während der letzten Tage war mein Vater zu Hause. Wir und sehr gute Freunde, hatten Zeit uns von ihm zu verabschieden. 
Ich erfahre jetzt wie gut, wie wichtig es sein kann wenn Menschen in der Umgebung in der sie ihr Leben gelebt haben sterben können, wenn sie zu Hause sterben können. 

Der Tod gehört zum Leben und dem Leben auch im Tod gerecht zu werden ist ein Teil des Lebens. Blumen, Weihrauch, eine brennende Kerze, wann immer man will bei Ihnen sitzen zu können und alles sagen was man Ihnen auch sagte als sie noch lebten im Bewußtsein das dies das letzte Mal sein wird wo der Tote noch anwesend ist. 

Wie trauert man richtig? Wie nimmt man richtig Abschied? 

Jeder so wie er es fühlt. 

Die bleierne Zeit ist angebrochen.

Es ist Montagmorgen der 24. Dezember 4.53. Um diese Uhrzeitzeit ist mein Vater am 1.12. gestorben. Der Teil der Nacht wo sie am dunkelsten ist – kurz bevor der neue Tag anbricht. Wie so oft in den letzten Nächten finde ich nur sehr schwer Schlaf. Eine Unruhe in mir lässt mich immer nur für ein, zwei Stunden am Stück schlafen.

Dem Tod meines Vaters ging ein schwerer Kampf voraus. Er hatte keine körperlichen Schmerzen dafür hatte er seelischen Qualen zu durchleiden – durchleben. Die letzten Wochen durchlebte er sein persönliches Golgatha. Körperliche Schmerzen kann man lindern, aber seelische Schmerzen nicht. Oft saß er in seinem Sessel und weinte, sagte „Hilf mir, ich habe Angst“. Ich hielt seine Hand, streichelte sie, fuhr ihm über sein Haar, sagte alles ist in Ordnung, du brauchst keine Angst zu haben. 
Wenn er Schmerzen in seinen Knien hatte dann konnte ich ihm Medikamente geben. Aber gegen Angst gibt es kein Mittel. Ich stand da hielt seine Hand und war mir meiner Machtlosigkeit bewusst. Machtlos nicht helfen zu können. Dieser Drang etwas tun zu wollen hatte hier seine Grenzen erfahren – wieder einmal erfuhr ich sie. Es gab nichts was ich tun konnte.

Anfang Oktober kam meine Mutter ins Krankenhaus. Da sich mein Vater nicht mehr alleine versorgen konnte, nicht alleine sein konnte, fuhr ich jeden Tag zu ihm. Ich machte ihm sein Essen, fütterte ihn wenn er nicht aus eigener Kraft essen konnte, gab ihm seine Medikamente gegen Schwindel und damit sein Stuhlgang funktionierte und brachte ihn abends ins Bett. Anfangs, als sein Zustand es noch zuließ, machten wir kurze Spaziergänge zusammen. Oftmals saßen wir nach dem Mittagessen auf der Terrasse in der warmen Oktobersonne. Ich stellte zwei Stühle hin, holte ein Kissen für ihn und dann setzen wir uns nebeneinander und lehnten einander an.

Ich bin 51 Jahre alt und ich lebte ein Leben, das mehr als nur von der Norm abwich. Über Jahre hinweg hatte sich eine Menge angesammelt das zwischen uns stand. In den letzten Jahren jedoch hatte sich unsere Beziehung normalisiert. Das schönste für mich war, dass zwischen uns wieder Vertrauen gewachsen ist. Mein Vater wurde in einer Zeit erzogen in der es ihm schwer gefallen ist Gefühle auszudrücken. Einer der schönsten Momente für mich war es, wenn er auf unseren gemeinsamen, kurzen Spaziergängen seinen Arm um mich legte oder wenn er sich bei mir unterhakte. In diesen Momenten waren wir uns sehr nah. So war es auch an einem der letzten warmen Tage im Oktober. Wir saßen in der Sonne, lehnten aneinander und schwiegen zusammen. All das was ich ihm sagen wollte, was zwischen ihm und mir stand, was mich bedrückte löste sich auf.

In diesen drei Wochen in der meine Mutter im Krankenhaus lag war ich ihm so nah wie zuvor. Das Sprechen fiel ihm schon sehr schwer, strengte ihn sehr an. Oft nahm er meine Hand und drückte sie wortlos. Manchmal schaute er mich an und sein Blick war so klar und tief das ich ihm nicht lange stand halten konnte. Immer wieder griff er nach meiner Hand, tätschelte sie und lächelte dabei. In dieser Zeit habe ich mich bei Ihm für alles entschuldigt was ich ihm angetan habe und ich bin froh und dankbar dafür das mir dies möglich war.

Er starb am Samstag den 1. Dezember zu Hause in seinem Bett. Und weil er samstags starb, lag er bis Montag den 3. Dezember im elterlichen Schlafzimmer. Auch dafür, dass er samstags starb bin ich dankbar. Es gab meiner Mutter und mir die Zeit die wir brauchten um von ihm Abschied zu nehmen. 
Mehrmals ging ich zu ihm, strich ihm über sein Haar, sprach zu ihm und verabschiedete mich.
 Im Fenster standen Blumen, eine Kerzen brannte und in einer Schale verbrannte Weihrauch und Myrre.

Am Montag den 17. Dezember hatte er Geburtstag. An diesem Tag wäre er 83 Jahre alt geworden. Da meine Mutter jetzt alleine im Haus lebt, besuche ich sie mehrmals in der Woche. So auch an diesem Tag. Sonntags hatte ich das Mittagessen vorbereitet, das wir dann gemeinsam einnahmen. Es gab Rehfilets mit Preiselbeeren – eine der Lieblingsspeisen meines Vaters. Wir saßen am Tisch und sprachen darüber das er es sehr gerne gegessen hatte. Viele Dinge des täglichen Lebens erinnern mich an ihn – und ich spreche mit meiner Mutter über vieles was er mochte. In der letzten Zeit bevor er starb habe ich ihn oft fotografiert. Auf der Anrichte im Wohnzimmer in Haus meiner Eltern stehen mehrere Fotos von ihm – bei mir zu Hause, in meiner Wohnung steht keines. 
Merkwürdig, habe ich vorhin gedacht. Meiner Mutter habe ich Abzüge machen lassen hier bei mir steht jedoch kein Foto von ihm. Irgendwann wenn es soweit ist, werde ich eines aufstellen.

An seinem Geburtstag nach dem Mittagessen sind wir zusammen ans Grab gegangen. Es ist nicht leicht für mich zu weinen – meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Ich wünsche es mir – denke – weiß – das Tränen die Seele reinigen. Für einen Moment weine ich – dann ist es wieder vorbei.
Oftmals frage ich mich wie Trauer zu sein hat. Ich frage mich warum ich keinen Schmerz spüre – warum ich keine Leere in mir fühle. Vielleicht kommt sie noch – vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht.

Ich lass es einfach auf mich zukommen und versuche offen zu bleiben.

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4 Antworten zu Abschied von meinem Vater

  1. ondamaris schreibt:

    bemerkenswert … gestern nacht hab ich einen text über tod und leben begonnen … aus einer nächtlichen stimmung heraus, aber auch aus dem gleichen gedanken, dass das thema recht unbeachtet ist
    für mich ist es ein wenig anders – ich tue mich glaube ich nicht mehr so schwer mit dem thema tod. allein, dies ist ein bereich, der mir bisher zu privat ist, um öffentlich drüber zu schreiben …

  2. alivenkickn schreibt:

    @ Hallo Ondamaris

    Diese Gedanken habe ich in den Tagen nach dem Tod meines Vaters am 1. Dezember 2001 aufgeschrieben.

    Im Laufe meines Lebens habe ich die Erfahrung gemacht das wenn mich etwas bedrückt, belastet, insbesondere bevor es zu einer Last für wird, für mich von Bedeutung ist aufzuschreiben. Schreiben bringt – zwingt mich zum einen zur Klarheit, zum anderen wird damit der Prozess des Verarbeitens von Verlust und dem damit verbundenen Schmerz eingeleitet. Der Prozeß der Trauer bezeichnet ja die emotionale Bewältigung von Verlust einer Person die einem sehr nahe stand, die man sehr lieb gewonnen hat und nicht mehr präsent ist.

    Trauer und der damit verbundene Verlust – Schmerz wird ja auch bei einer Trennung in einer Beziehung bzw. einer engen Feundschaft ausgelöst.

    Über meine Trauer zu schreiben ist bei mir mittlerweile ein intuitiver Prozeß geworden. Entweder in der Form wie ich es hier getan habe, in Form der Briefe „An Ilona“ oder ich bringe diese Gefühle in einem Brief zum Ausdruck im Sinn der Liedzeile der Moody Blues aus „Nights in White Satin“ . . . Letter s are written never meaning to sent.

    Für die seelische Gesundheit ist es wichtig – so verstehe ich es heute über den Schmerz, die Gefühle die Verluste mit sich bringen zu kommunizieren.

  3. rotegraefin schreibt:

    http://18000malhoffnung.wordpress.com/18000-mal-hoffnung/
    Hier habe ich sehr authentisch über Abschied und Trauer gelesen und welche Wirkung das Thema auf mich und viele andere hat wenn damit offen und ehrlich umgegangen wird.
    Genau das schafft Hoffnung, der ehrliche Umgang mit den Gefühlen.
    Wer sich so versöhnt mit seinem Vater, für den ist Trauer in dem sonnst so schmerzlichen Prozess nicht notwendig scheint mir. Alles Wichtige ist gesagt und vergeben. Dann ist es gut.

  4. alivenkickn schreibt:

    @rotegraefin

    „Wer sich so versöhnt mit seinem Vater, für den ist Trauer in dem sonnst so schmerzlichen Prozess nicht notwendig scheint mir.“

    Trauer beinhaltet immer Schmerz um den Verlust eines Menschen den man lieb gewonnen hat und der nicht mehr präsent ist. Insofern ist Trauer imo nicht nur auf den Tod eines Menschen beschränkt sondern auch auf das Ende von Beziehungen und Freundschaften, auf Trennungen. Es ist das Gefühl des Schmerzes und der Leere den der Verlust eines Menschen den man lieb gewonnen hatte hinterläßt.

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