Mit Kondom – Ohne Streß . . . my Way


Wenn ich heute auf die 24 Jahre meiner HIV Infizierung zurückschaue, dann komme ich nicht umhin festzustellen das sich meine Wahrnehmung – mein Verständnis von Sexualität einem Wandel unterzogen hat.

Der größte Brick in the Wall – die größte Mauer die meinem “mit mir im Einklang leben” im Wege stand war dieses “Mit Kondom ficken ist unnatürlich”. Bis zu dem Moment als ich erfuhr das ich HIV + bin, das war 1985, war vögeln ohne Kondom für mich “Normal”. Std´s wie Tripper oder ähnliches waren weder Thema für mich noch zerbrach ich mir deswegen den Kopf. Hatte man sich einen Tripper eingefangen dann ging man zum Hautarzt, bekam Penicillin und gut war´s. Ob ein solches Verhalten was Verantwortung betrifft unreflektiert war – bzw wie und ob man es bewerten sollte, das sei jetzt mal dahingestellt. Es war schlicht und einfach so.

Einen nicht unerheblichen Einfluß auf das leben meiner Sexualität hatten die 70 ger Jahre. In den Kreisen in denen ich mich bewegte war Sex – vögeln so normal wie das Atmen. Man muß sich die Zeit vor Augen halten. Bis zu dem vermehrtem Auftauchen von HIV in Deutschland Mitte der 80ger Jahre  hatte sich was „Sexualität leben“ betrifft in Deutschland ein Umdenken vollzogen. Oswald Kolle, die wilden Jahre von 1968 – 1972 „Wer zweimal mit der Selben pennt gehört schon zum Establishment“,  haben den Umgang mit der Sexualität wie sie bis zu diesem Zeitpunkt verstanden wurde, entscheidend verändert. Noch Mitte der 60ger Jahre war Sex etwas das im Dunkeln unter der Bettdecke stattfand und das die Frau über sich ergehen ließ. Frauen und das Bedürfniss ihre Sexualität zu entdecken . . . davon träumte zu dieser Zeit noch nicht einmal Alice Schwarzer. Das änderte sich erst durch die 68ger Bewegung. Zu diesem Zeitpunkt war ich 18 und alle traditionell vermittelten verklemmten, verstaubten Ansichten und Werte wurden mir von meinen Altvorderen und der Schule aufoktroiert und in mir implementiert. Die Hippie Zeit und die 68 ger haben dieses Eis gebrochen. Abends ging man in seine Disco, machte die Mädels an oder die Mädels machten Dich an. „He ich hab Bock mit Dir zu pennen“ oder wie Zappa es sagte „You´re place or mine“ war auf einmal normal geworden.

Dies änderte sich mit dem Moment meiner HIV Infizierung. Man wußte ziemlich schnell das HIV über ungeschützen GV am häufigsten übertragen wurde. Nur bedingte das nicht gleichzeitig ein Paradigmenwechsel im Verhalten. Vom Kopf her war es mir klar – doch bis ich es umsetzen – praktizieren konnte, bis ich all diese Mauern die in meinem Denken vorhanden waren überwinden konnte und anfing Verantwortung zu praktizieren, das brauchte seine Zeit. Meine Vorurteile und Vorstellungen die ich mit Sex mit Kondom verband zu überwinden – das war ein langer, schmerzhafter, von inneren Kämpfen geprägter Weg.

Mein Sein in bezug auf meine Sexualität und meine HIV Infektion war geprägt von der Angst abgelehnt und als Monster – als ein Mensch von dem eine potentielle Gefahr ausgeht – gesehen zu werden. Von der Gesellschaft war kein Verständnis zu erwarten. Recht auf Sexualität zu leben wenn man HIV + ist, davon war man in den Anfangsjahren von HIV meilenweit entfernt. Nicht wenige haben auf Grund der Diagnose “Sie sind HIV +” Selbstmord begangen.

Heute – 25 Jahre nach HIV – weiß man daß sich Sexualgewohnheiten Erwachsener oft nur schwer ändern lassen, ohne daß es dadurch zu Störungen im sexuellen oder seelischen Bereich kommt. Damals waren viele Hiv Positive Gefangene dieser Störungen. Man lebte sie bzw. sie lebten dich. Das Bedürfnis seine Sexualität zu leben war geprägt von Angst und Schuldgefühlen. Teilweise lebte man das klassische Jekill und Hyde Syndrom. Und man war sich dessen bewußt. Das war das schlimmste daran.

Es dauerte Jahre bis ich für mich meinen Weg fand – bis ich für mich Klarheit fand. Irgendwann war das Benutzen eines Kondoms kein Problem mehr für mich. Nach dem Beginn meiner Kombi 1997 war meine VL recht schnell unter der Nachweisgrenze. Hin und wieder passierte es das ich vom Gebrauch des Kondoms abwich. Die Folge war jedesmal immer wieder dieser Zweifel „Was wäre wenn“, begleitet von einem Gefühl des mich „schlecht fühlens“. Irgendwann kam der Moment an dem es für mich nicht mehr akzeptabel war diesen inneren Zweifel und Zerrissenheit als Ergebnis einer getroffenen Entscheidung in Kauf zu nehmen.

Zweifel – zweifeln an meinem Tun, Verhalten wirkt sich auf meine Lebensqualität negativ aus. Zweifel bedeutet nicht etwas nicht zu tun wenn es nicht 100% sicher ist. Dann könnte  man gleich sein Leben im Bett verbingen. Und selbst das wäre keine Garantie dafür, das etwas unvorhergesehenes auf das man keinen Einfluß hat, nicht passieren würde.

Mit der Zeit wurde mir meine körperliche und seelische Gesundheit immer wichtiger. Das EKAF Papier war für mich ein weiterer Meilenstein. Auch wenn ich weiß das, wenn ich meine Medikamente regelmäßig nehmen und die VL unter der Nachweisgrenze ist, ich mich checken lassen und frei von allen STD´s bin, der Angst die dem anderen sehr oft im Gesicht geschrieben steht, konnte und wollte ich mich nicht mehr verschließen. Dieser Respekt vor der Angst des Anderen bedingt den Griff zum Kondom für mich.

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