Oh Tannenbaum . . . .


Willkommen zum literarischen Weihnachtsquartet

Guten Abend Marcel, Guten Abend Herr Reich, Guten Abend Herr Ranicki, Guten Abend Herr Reich-Ranicki. Als erstes möchte Ihnen Herr Reich-Ranicki ein Gedicht aus einem Buch vorstellen, obwohl ich der Meinung bin. . . . .

Entschuldigen Sie bitte, aber Ihre Meinung ist hier nicht gefragt.

Steigen wir gleich in medias res und betrachten wir uns die erste Zeile des Gedichtes das ich Ihnen heute Abend vorstellen möchte.

“Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum“

tannenbaum

Meine Damen und Herren – mit nur zwei Worten ist es dem Dichter gelungen den Baum unmissverständlich für jeden nicht nur zu beschreiben; nein mit diesen zwei Worten „Oh Tannenbaum“ kommt er direkt auf den Wesenskern zu sprechen. Ja im Grunde ist diese Aussage von solch inhaltlicher und bedeutungsvoller Gewichtigkeit, das er eigentlich gar nicht mehr hätte weiter schreiben müssen. Er hätte hier schon aufhören können – aber das Mitteilungsbedürfnis des Dichters hat ihn dazu gebracht weiter zu schreiben. Und – ich betone es ausdrücklich – ich bin froh, das er es getan hat. Dieses Gedicht führt uns alle hin zu einem neuen Verständnis der Literatur. Aber lassen sie mich fortfahren.

Er sagte nicht: „Oh Baum mit schmalen Blättern 
die aussehen wie Nadeln“ 
oder
 „Oh Baum den man im Dezember schlägt um ihn mit Tand und Kerzen zu schmücken“, 
oder
 „einen am 24. Dezember mit Kerzen bestückten Baum 
die man am Abend des selbigen Tages vor der Bescherung anzündet“ 
oder „
Baum 
den man wenn er vertrocknet ist 
und Gefahr besteht das er beim Anzünden der Kerzen Feuer fangen kann am 6. Januar aus dem Fenster wirft“ Nein 
er nannte ihn bei seinem Namen.
Einem Namen von dem jeder sofort klar und unmissverständlich weiß um welchen Baum es sich handelt. Und, das ist das außergewöhnliche an dieser Zeile, 
diese zwei Worte 
“Oh Tannenbaum“ 
lösen eine Folge von kausalen Erinnerungen in uns aus die subjektiv bei jedem Menschen natürlich anders sind, 
aber gerade das verbindet jeden Leser, 
ja was sag ich jeden Menschen unseres Kultur Kreises miteinander. Egal ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht – Es ist einfach so. Basta

Diese Tiefe, dieser Sinngehalt 
gibt Zeugnis davon das dieser uns unbekannte Dichter zu Recht zu den ganz Großen gezählt werden darf.

Er schließt jede Möglichkeit eines Zweifels von vornherein aus. 
Die Widerholung dieser zwei Worte unterstreichen nicht nur die Eindeutigkeit seiner Aussage sondern weisen auf die Wichtigkeit dessen hin was er damit ausdrücken will. Sie dringen tief in unser Innerstes ein
 um dort ihre Wirkung voll zur Entfaltung zu bringen.

Wenden wir uns nun der zweiten Zeile zu.

„Wie grün sind Deine Blätter“

Ja, Ja ich weiß was sie jetzt denken werden
. Aber lassen sie es sich von mir gesagt sein. 
Sie denken in die falsche Richtung
Wir befinden uns im Monat Dezember. 
Im Winter. 
In einer Jahreszeit in der die Natur 
scheinbar 
zur Ruhe gekommen ist
, sich erholt. 
Ja 
Man könnte sagen die Natur ist in einen todesähnlichen Schlaf verfallen. Todesähnlich

Wenn wir das Wort „Tod“ schon hören, 
welch dunkle Ahnungen und Ängste steigen 
sofort in jedem von uns auf.
 Worte die uns die Endlichkeit unseres Daseins bewusst machen.
 Also schieben wir das Wort “ 
Tod“  
den Tod 
weit weg von uns, leugnen ihn.

Und hier zeigt sich wieder die sprachliche Gewandtheit, die gewaltige Fähigkeit des Dichters
 mit wenigen Worten
 Hoffnung
 Ausdruck zu verleihen. 
Eine Hoffnung die besagt. 
das selbst nach dem Tod wie wir vermeintlich glauben zu wissen
 – alles aus ist 
- es keine Form von Dasein gibt.

Nein. Er weist uns auf die Möglichkeit hin 
das selbst da Hoffnung vorhanden
 sein kann
 wo wir der felsenfesten Meinung sind
 das da keine sein kann. Frei nach dem Spruch
. „Es kann nicht sein was nicht sein darf“.

Wenden wir uns nun den folgenden beiden Zeilen zu

„Du grünst nicht nur zur Sommerzeit
 – Nein auch im Winter wenn es schneit“

Auf den ersten Blick scheint es
 als hätte sich der Dichter zu einer Banalität hinreißen lassen. Aber wenn man in die Tiefe, 
in den Sinn 
dieser Zeilen eintaucht
, dann wird man erkennen, das es sich um eine 
in Asien bekannte Form von Autosuggestion handelt die bewirkt, das man das was man verwirft, ablehnt und nicht glaubt
 durch ausdruckstarke Rezitation verinnerlicht 
und somit weg von einem Negativen 
hin zu einem Positiven, 
gesunden Denken geführt wird.

Vielleicht lebte der Dichter in seinen jungen Jahren ein paar Jahre in Tibet
 oder hielt sich einige Zeit in einem buddhistischen Kloster auf Ceylon auf
 und hat dort von der Bedeutung und Wirkung von Mantren erfahren
. Nun wir wissen es nicht. 
Und wir werden es auch nicht wissen, da er vor langer Zeit verstorben ist.

Die abschließenden Zeilen sind Wiederholungen der ersten beiden
 und sollen uns noch einmal daran erinnern 
das weniger mehr ist.

Keiner der heutigen Dichter oder so genannten Schriftsteller ist in der Lage 
sich mit wenigen Worten
 so präzise, klar
und eindeutig auszudrücken. Alles wird umständlich
 erklärt, 
erläutert 
und begründet, sodass man sich am Ende fragt:
 „Was wollte uns der Dichter überhaupt sagen“? „
Wollte er uns überhaupt was sagen“? „
Oder wollte er uns lediglich die Scharfsinnigkeit seines Intellektes vor Augen halten so dass wir seine Bücher kaufen“?

Das alles spielt keine Rolle. Dieses Gedicht ist von solche fulminanter Bedeutung für die deutsche Literatur, es darf in keinem Bücherschrank fehlen. 
Ich empfehle Ihnen
, kaufen sie sich dieses Gedicht. 
Man kann es immer und immer wieder lesen
 und wird jedes Mal etwas Neues entdecken. Und Euro 29,50 sind
 wie ich finde 
ein angemessener Preis dafür.

* * * * *

Ich wünsche Allen die hier reinschneien oder vorsätzlich vorbeikommen entspannte und besinnliche Feiertage. 🙂

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5 Antworten zu Oh Tannenbaum . . . .

  1. Bruno schreibt:

    Nähmen Sie es mir nicht übel, lieber Herr alivenkickn, aber was Sieee hier erzäählen, ist – mit Verlaub – Stuss! Um wieviel tiefer, reich-ranicki haltiger sind doch die Wohorte dieses Gedichts:
    http://textarchiv.guntherkrauss.de/morgenstern/nachtgesang.html

    Da kann Ihr Tannenbaum sämtliche Blääätter verlieren: er wird nie an den nächtlichen Gesang heranreichen, mit dem der Dichterfirst seine Fische erfüllte. Begrindung wie bei mir immer iberflissig.

    Gruss
    Marcel Reich-Ranicki

  2. alivenkickn schreibt:

    Hochversehrter Herr Ražnjići

    In Anbetracht ihrer Verdienste derer sie sich unzweifelhaft in der Blüte ihres Lebens verdient gemacht haben, eingedenk des Festes der Liebe und insbesondere der Tatsache das die Iden des März – dem Sternzeichen der Fische – noch in weiter Ferne liegen: Ich glaub se sind meschugge

  3. Bruno schreibt:

    Ihre richtige Erkänntnis in Ehren, werther (ach ne, war ja von Goethe) Herr alivenklickn: Sie fliegen sofort aus meinem „Literarischen Quartett“ raus – wie einstens Frau Löffler.
    Und so sehen wir besoffen/
    Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

    Frohe Weihnachten, mein Freund!
    Bruno

  4. DINshredder schreibt:

    Mein lieber Ali Ven-Kickn,
    das ist großartig, das ist ganz großartig! Das ist nicht die hingeschluderte Rezension eines kunstlümmelnden Trittbrettfahrers, nein, hier wird einem durch Volkstum um seine Würde geträllerten Vers von begnadetem Geist neues Leben eingehaucht! Gleich morgen werde ich ein Tannenbäumchen pflanzen!
    (Hoffentlich fällt Dir nicht mal Heines ‚Deutschland – Ein Wintermärchen‘ mit seinen über 500 Strophen in die Finger… 😛 )

    Alles Gute für’s Neue Jahr! 🙂

  5. alivenkickn schreibt:

    @DINshredder

    Zum Glück ist der Winter bald vorbei . . . außerdem wär das ja mit Arbeit verbunden . . . . .

    Dir auch ein Gutes Neue Jahr- 😉

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