Briefe an Ilona


Schon lange hatte ich vor diese Briefe hier einzustellen. Es sind Briefe die ich an Ilona nach ihrem Ableben im Februar 2007 und den darauf folgenden Monaten geschrieben habe. Worüber ich mir den Kopf zerbrach war „die zeitliche Reihenfolge“ in diesem Blog. Ich wollte die Briefe unbedingt als „die ersten Texte“ in dem Blog haben. Aber wie mache ich das ? Wie kann ich das Blogtechnisch bewerkstelligen, das die Briefe vor dem ersten Beitrag im Juli 2008 erscheinen?

An der Lösung dieses „Problems“ biß ich mir die Zähne aus und raufte mir die Haare, mit dem Ergebnis das ich jetzt keine Knochen von nem Kotelett mehr abknabbern kann und fast ne Glatze habe.

Manchmal ist die Zeit – oder das was ich auf Grund meiner Konditionierung mit Zeit verbinde – ein unwichtiger, unnützer Faktor der Lösungen verhindert. Just another brick in the Wall.

* * *

Ich liebe Orchideen. Wenn man nicht sorgsam mit ihnen umgeht, sie hegt und pflegt, sie nicht vor direkter Sonne, vor Kälte und Zugluft schützt, dann wachsen und blühen sie nicht – gehen ein. Sie sind fragile wie wir Menschen.
Diese Orchidee – besonders ihre Blüte – blüht jetzt seit über einem halben Jahr. Und treibt zwei neue Rispen. Sie steht – wie andere – auf der Fensterbank vor meinem Schreibtisch. Da ich täglich einige Zeit an meinem PC verbringe der auf dem Schreibtisch steht, ist diese Orchidee immer in meinem Blickfeld. Die Farbe der Blüte die ich mit Reinheit assoziiere, erinnert mich immer an Ilona.

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Ilona – 27. Februar 2007

Als ich ihr das erste Mal begegnete war sie eine unter Vielen. Sie kam an einem der Abende in den Raum an dem das Meeting stattfand. Das war zu diesem Zeitpunkt das einzigste was uns verband.

Ich weiß heute nicht mehr wann wir uns das erste Mal unterhalten haben. In einem der vielen Gespräche die wir im Laufe der Jahre führten sagte sie mir einmal das ich für sie Anfangs ein echter Kotzbrocken gewesen sei. Unnahbar, niemand an sich heranlassend und immer einen blöden Spruch auf den Lippen der die meisten sofort auf Distanz zu mir gehen ließ. Gut den Kotzbrocken – er war mir auf Dauer zu anstrengend – habe ich mittlerweile losgelassen. Sprüche lasse ich hin und wieder immer noch los und das Unnahbar sein, Menschen an mich heranlassen, das fällt mir mitunter heute noch schwer. Mittlerweile weiß ich das es mir schwer fällt Nähe zuzulassen, habe gelernt das einer meiner Charaktereigenschaft ein etwas über einem gesunden Maß liegendes „Misstrauen – oder ist es Vorsicht? “ ist und weiß damit umzugehen

In der ersten Zeit trafen wir uns sporadisch mal zum Kaffee trinken, zum Frühstück im Cafe am Marktplatz oder wir verabredeten uns zu einer gemeinsamen Fahrt zum Arzt wenn wir einen Termin am gleichen Tag hatten. In der Zwischenzeit hatten wir beide herausgefunden dass wir etwas gemeinsam hatten. Den Virus. Nun ist es nicht so dass automatisch eine starke Verbindung zwischen zwei Menschen entsteht nur weil sie den Virus haben. Was das betrifft ist er im Grunde uninteressant. Manchmal aber auch nicht. So wie bei uns.

Vor 10 Jahren kam sie an einen Arzt der ihr, obwohl es die ersten 3 er Kombis gab und schon gute Ergebnisse vorlagen, zu ner 2 er Kombi geraten hatte. Unglücklicherweise hatte sie von dieser 2 er Kombi eine Polyneuropathie in den Beinen bekommen, sodaß sie die Medis nach kurzer Zeit wieder absetzte. Diese Erfahrung bedingte das sie lange Zeit keine Medis mehr nehmen wollte bzw. nahm. Der Virus jedoch nahm auch bei ihr keine Rücksicht darauf ob die Trägerin ihn mochte oder nicht. Er arbeitet unaufhörlich sein Programm ab.

Zu dem Zeitpunkt als wir uns kennen lernten stand Sie HIV Medis ablehnend gegenüber. Sie gehörte zu den Menschen die der Schulmedizin zum einen generell ablehnend gegenüber standen zum anderen auf der Suche nach etwas war das Ihre Fragen nach einem Sinn in ihrem Leben beantworten würde. Anfangs habe ich oft den Kopf voller Unglauben über die Wege die sie mitunter beschritten hatte geschüttelt. Und manchmal konnte ich nicht anders und der alte Kotzbrocken kam wieder zum Vorschein. Old habits never change. Doch mit der Zeit musste ich mir eingestehen das vieles für Sie funktionierte. So fuhr sie u.a. nach Indien in einen Ashram eines Gurus, machte sich letztes Jahr auf eine Reise nach Lourdes und besuchte – wann immer sie dazu in der Lage war – Veranstaltungen von Heilern und spirituellen Menschen. Und jedesmal kam eine andere, eine veränderte Frau zurück. Sie hatte einen Grad von Gelassenheit erlangt der mich manchmal nur staunen ließ. Wo ich wenn ich an manche Situation nur schon daran dachte gedanklich Amok lief, lächelte sie und meinte: So ist das eben.

Ganz besonders betraf das ihren Leidensweg den sie beschritten hatte. Natürlich gab es Zeiten da war sie verzweifelt und ohne Hoffnung. Unterleibskrebs, eine Hüftoperation unter deren Folgen sie bis zum Ende litt, Hep C, Wasser in den Beinen, Gallensteine und Polyneuropahtie. Bei ca 30 Medis incl Hiv Medis die sie die während der letzten 2 Jahre täglich nahm ist dies auch nicht weiter verwunderlich. Und dennoch. Trotz ihrer Situation, trotz ihrer oftmals heftigen Nerven Schmerzen in den Beinen gehörte sie zu den seltenen Menschen die immer ein Ohr für andere hatten und die in der Lage war das Leben zu genießen.

Wir waren ein kleiner Kreis von bis zu 5 Leuten die sich regelmäßig bei mir zu Hause einmal im Monat zum Essen trafen. Sie liebte es gut zu essen. Ilona war jedes Mal so begeistert von den Speisen das sie vor lauter Schwärmen „Wie gut das doch sei“ immer ihr Essen kalt werden ließ. Und wir, die Übrigen hatten natürlich nichts besseres zu tun als kopfschüttelnd auf beiden Backen kauend sie mit vollem Mund ermahnten ihr Essen doch nicht kalt werden zu lassen: . . . . . . „wenn s Dir doch so gut schmeckt.“ Es war jedes Mal das gleiche Procedere über das wir alle lachen konnten. Wir kannten uns eben – mochten uns und wussten das wir uns gegenseitig nichts böses wollten mit dem was wir sagten.

Sie wohnte kaum 5 Minuten mit dem Rad gleich um die Ecke bei mir in der Nähe. Oft haben wir im Sommer auf ihrer Terrasse gesessen. Während der Jahre hatte sich zwischen uns eine Nähe und Intimität entwickelt die ich so noch bei keinem anderen Menschen je erfahren hatte. Es gab nichts worüber wir nicht miteinander kommunizieren konnten. Da gab es kein Bewerten und kein Verurteilen bzgl dessen was wir uns erzählten. Einfach nur da sitzen, uns die warme Sonne auf den Bauch scheinen lassen und zuhören. Während wir unsere Gedanken austauschten kam es mehr wie einmal vor das wir uns gegenseitig beflügelten. Das was wir sagten war – worüber wir sprachen glich – um einen Vergleich zu verwenden – wie der Bau eines Hauses. Ohne dass es in unserer Absicht lag – fügte sich ein Stein auf den anderen so wie man eben ein Haus baut.

Die letzten Jahre ihres Lebens war von vielen Krankenhausaufenthalten geprägt. Sie gehörte zu den Menschen die ärztliche Hilfe erst 5 Sekunden vor 12.00 Uhr in Anspruch nahm. Ihre Angst gegenüber der Schulmedizin hatte sie erst sehr spät abgelegt. Zu spät wie sich herausstellte. Homöopathie, Mittelchen hier, Kügelchen da. Hier vertraute sie Inkompetenten Anbietern alternativer Produkte. Menschen die nicht in der Lage waren ihre eigenen Grenzen zu erkennen und Anderen die zu Ihnen kamen zu sagen: Es tut mir leid aber hier kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.

Am Montag Vormittag letzter Woche hatten wir uns für Mittwoch im Krankenhaus verabredet. Gell du bringst mir Sushi von deinem Freund dem Japaner aus der Stadt mit sagte sie. Das war so lecker damals. Leider sollten wir zu diesem gemeinsamen Essen keine Gelegenheit mehr haben.

Ihr Zustand hatte sich Stunden nach unserem letzten Telefongespräch dramatisch verändert. Am Mittwochden 21. Februar 2007 vormittags hatte ich die Möglichkeit mich von ihr zu verabschieden. Nachmittags um 16.30 ist Ilona im Alter von 60 Jahren von ihren Leiden erlöst worden.

ilonaIf I gave you everything that I owned and asked for nothing in return
Would you do the same for me as I would for you?
Or take me for a ride, and strip me of everything including my pride
But spirit is something that no one destroys

Lyrics Steve Windwood

Liebe Ilona – 12. März 2007

Irgendwie ist es merkwürdig. Mit Deinem Weggang hat sich für mich ein Kreislauf geschlossen. Ich weiß gar nicht mehr ob wir darüber mal geredet haben aber als ich vor 12 Jahren hierher zog hatte ich das Gefühl das da ein Kreis noch offen war der geschlossen werden sollte.

Als ich ein kleines Kind war verbrachte ich sehr viel Zeit bei meinen Großeltern die hier grad um die Ecke im Odenwald lebten. Es waren Großeltern so wie man sie aus Märchen kennt. Gutmütig, immer für mich da. Nirgendwo schmeckte das Wurstbrot besser und die „roh Geröste mit Dickmilch“ waren ein Gedicht. Bestimmt haben sie damals den Grundstein zu der Fähigkeit des Genießen könnens bei mir gelegt. Zumindest was das Essen betrifft. Auch später als ich älter wurde verbrachte ich die Ferien meistens bei Ihnen. Sie waren halt immer für mich da. So wie das halt mit Großeltern damals üblich war.

Als sie 1976 starben war ich leider nicht für sie da, konnte Ihnen nicht das zurückgeben was sie mir Zeit ihres Lebens gaben. So empfand ich es auch noch Jahre später und machte mir lange Zeit deswegen Vorwürfe. Dies war u.a. einer der ausschlaggebenden Gründe warum ich hierher zog. Mit den Jahren die ich jetzt hier lebte wurde mir vieles klar und irgendwann war es mir möglich meinen Frieden mit mir schließen.

Gestern, es war Samstag ich war auf dem Weg zu meinem samstäglichen Einkauf zum Markt kam ich am Wiener Kaffee vorbei. Wie oft saßen wir draussen in der warmen Sonne und frühstückten wie die Könige. Oder wir saßen im Cafe am Marktplatz und schauten dem Treiben auf dem Markt zu. Gut das Frühstück im Marktplatzkaffee war – bis auf die Eier im Glas – nicht das Gelbe vom Ei. Oft bin ich dann schnell zum Käsewagen gegangen und habe die eine oder andere französische Spezialität geholt was Dich fast immer an den Rand eines Herzinfarktes gebracht hat. Es waren und sind diese unvergessene Momente die wir da gemeinsam verbrachten mir immer mit einem Lächeln in Erinnerung bleiben werden.

Und so gibt es einige Plätze – Orte die wenn ich so durch die Stadt laufe mich an Dich erinnern. Sie sind mit Wehmut verbunden – ein Gefühl das ich bis heute nie benennen konnte. Es ist eine Mischung aus Traurigkeit weil Du nicht mehr physisch präsent bist – mir fehlen halt deine männerfeindlichen Witze – und ein Gefühl von Dankbarkeit und Freude das ich Dich gekannt – getroffen habe. Du, Dein Tod hat einiges bei mir verändert, ausgelöst – in Bewegung gesetzt. Ich habe das Gefühl als wäre ich weicher, versöhnlicher mit mir und mit anderen geworden. Keine Angst, hin und wieder ziehe ich immer noch die Arschkarte doch ich leg sie schnell wieder ab.

Wie s aussieht werde ich in Anfang Mai zu meiner Mutter in unser Haus ziehen. Wie Du weißt betreue ich sie ja schon seit Jahren. Es zeichnet sich ab das – wenn alles so wie bisher (finanziell) weiterläuft – sie gegen Ende des Jahres entweder in ein Altersheim umziehen muß oder aber – um dies überhaupt zu vermeiden – ich ziehe vorher zu ihr. Obwohl sie immer die taffe Frau spielt und mindestens einmal in der Woche sagt das sie das Haus verkauft und in ein Heim geht weil sie niemand zur Last fallen will – was für eine Logik – weiß ich das sie es im Grunde genommen nicht will. Und ehrlich gesagt schon der Gedanke daran wie es in einem Heim zugeht – selbst in den sogeannten Besten – läßt mich innerlich erschauern. Ich habe mir einige Heime in der Nähe ihres Wohnortes angeschaut. Die Räumlichkeiten, die Zimmer . . . alles wunderbar. Groß, hell und geräumig. Aber als ich meinen Blick in die Gesichter der Alten Menschen dort richtete zog sich in mir alles zusammen. Da saßen sie. 8 Frauen in ihren Rolllstühlen allein in einem schön eingerichteten Aufenthaltsraum und schauten – stierten vor sich hin. Selbst ein Heim mit einem guten Verteilungsschlüssel – Normal ist 4,5 Pflegekräfte auf 44 Senioren – bedingt das man die meiste Zeit alleine ist und innerlich vereinsamt.

Wir haben uns lange unterhalten und wie es aussieht kann sie sich mit dem Gedanken vertraut machen – anfreunden das wir zusammen leben werden. Klar – es wird Spannungen geben – doch das ist ja normal wenn Menschen zusammen leben. Ich werde mir meinen Freiraum schaffen – werde mir Zeit für mich nehmen. Das ist notwendig das ich das mache, mir Zeit für mich selbst zu nehmen. Natürlich wird es eine Umstellung für mich sein. Keine Frage. Aber ich denke mal es ist zum einen – für mich zumindest – etwas das ich von meinen Eltern bekommen habe, es auf meine, diese Weise jetzt zurückzugeben. Zumindest solange es mir möglich ist. Die ganzen Jahre habe ich trotzdem ich sie seit nunmehr 8. Jahr betreue, mein Vater ist vor 6 Jahren verstorben und, von den üblichen körperlichen Up s and Down s mal abgesehen, ein recht angenehmes Leben geführt. Auch hier habe ich jetzt das Gefühl das sich ein Kreis für mich schließt und sich ein neuer öffnet.

Also werde ich die Wohnung im Haus mit Hilfe unseres gemeinsamen Freundes umgestalten. Und das obwohl wir zusammen grad vor ein paar Wochen meine Wohnung hier endgültig eingerichtet haben. Wobei er hat den Wohnzimmerschrank zusammen gebaut und ich hab ihm mehr oder weniger zugeschaut. Aber du weißt ja wie das so ist. Da macht man großartig Pläne und stellt auf einmal fest dass das Lebens seinen eigenen Plan mit einem vor hat.

Natürlich bin ich mir darüber im klaren das die entgültige Entscheidung bei Ihr liegt. Auch wenn ich sie betreue ist dies ja nicht gleichbedeutend damit das ich über sie bestimmen kann. Dennoch – ich möchte niemals in die Situation kommen und mir irgendwann einmal Vorwürfe machen, sagen müssen: „Warum hast Du es nicht versucht, getan“.

Mein Leben wird sich wieder verändern, in eine neue Richtung bewegen und ich habe das Gefühl das es in Ordnung ist.

An Ilona – 17. März 2007

„Mein Leben wird sich wieder verändern – in eine neue Richtung bewegen und ich habe das Gefühl das es in Ordnung ist.“

Mit diesen Zeilen endete mein letzter Brief an Dich. Es ist wahr, mein Leben wird sich in eine neue Richtung bewegen. Doch es ist eine Richtung die ich mir nicht vorgestellt hatte. Und ehrlich gesagt ob ich diese Richtung als in Ordnung „bewerten“ soll/kann – das gefühlsmäßig als „ Es ist in Ordnung wie es ist“ zu bewerten – auf die Reihe zu bringen fällt mir im Moment mehr als schwer.

Tja und jetzt sitze ich hier und schreibe Dir diesen Brief. Ich schreibe ihn deswegen weil Du über eine ganz bestimmte Qualität verfügtest die Dich für mich zu einem ganz besonderen Menschen machte. Du hast da gegessen und zugehört. Du hast mich, meine Handlungen niemals bewertet oder gar verurteilt. Die Bass Linie in solchen Situationen waren Liebe die in Deinen Worten zum Ausdruck kam. Mehr noch, du hast es ausgestrahlt. Liebe und Verstehen. Worte können das was, wie ich es empfand nicht ausdrücken, Du weißt aber wovon ich spreche. Und – that s very strange – mochtest Du mich weil Du in mir etwas gesehen hast das Du – außer meinen Kochkünsten (ich weiß, ich bin heute wieder sehr bescheiden ) sehr gemocht hast.

Manchmal haben wir geflachst, habe ich es bedauert das Du nicht mein Typ von Frau bist. Obwohl, auf der Beerdigung habe ich ein Bild von Dir gesehen als Du so Mitte 20 warst. Holla die Waldfee kann ich da nur sagen.

Am Donnerstag wurde meine Mutter 80. Das war ein großes Bohai sag ich Dir. Wie das nun mal so ist an einem solchen Tag war sie schon am frühen Morgen ganz aufgeregt. Diese Aufregung und Freude hielt den ganzen Tag an. Ob beim Duschen – musste sie unbedingt alleine machen – oder beim Tischdecken. Alles wollte sie machen und sie hat auch gemacht. Nachdem sie zum 4. Mal den Kaffeetisch umdecken wollte hab ich die Notbremse angezogen. Andernfalls wären wir wenn die Gäste gekommen wären immer noch nicht fertig gewesen. Gut sie wird ja nicht jeden Tag 80 aber irgendwann abends war ich völlig fertig.

Mit ihr zusammen leben würde für mich bedeuten mehrmals täglich Treppen steigen zu müssen, bedeuten täglich von morgens 8.00 Uhr bis mittags 14.00 Uhr 6 Stunden zu arbeiten an 7 Tagen in der Woche. Und hier habe ich meine Grenzen erfahren. Wieder einmal. Ich kann es für einen bestimmten Zeitraum aber ich bin nicht mehr in der Lage dies wie es für Sie notwendig ist täglich zu leisten. Ob ich es mag oder nicht – ich habe Grenzen – HIV und die Medis haben mir dies wieder ganz deutlich gezeigt.

„Ich möchte gerne zu Hause sterben“. Diesen Satz sagte sie in einem unserer Gespräche die wir führten. Ich glaubte das es mir möglich sein könnte wenn ich zu ihr ziehen würde und die Aufgaben übernehme die unsere Haushälterin 24/7 zur Zeit noch gegen Bezahlung leistet. Nun so wie es aussieht wird dies nur noch max 1 Jahr möglich sein. Dann wird sie um ein Platz in einem Altenheim nicht herumkommen. Diese Situation ist unumgänglich. Niemand weiß es ja besser als Du was Geld ist. Ein Mittel zum Zweck das es möglich macht das man sich das Leben etwas erträglicher macht. Es ist dieses Lebensqualität die Geld beinhaltet – ermöglichen kann. Das fängt bei einer ausgewogenen Ernährung an, geht über Medikamente die man selbst finanzieren muß die das natürliche System Körper unterstützen. Doch wenn dieses Mittel einmal zu Ende geht – nicht mehr vorhanden ist dann hat man einfach keine Wahl.

Natürlich – jetzt sage ich mir – das ich besser hätte haushalten können. Dann könnte sie noch ein Jahr länger in ihrem Haus leben. Dann würde ich mit dieser Entscheidung erst im nächsten Jahr konfrontiert werden. Und vielleicht hätte sich dann auch Ihr Wunsch zu Hause sterben erfüllt.

Du siehst welche Gedanken – welches Kopfkino entsteht. Das macht es mir zur Zeit schwer. Zum einen zu wissen das sie in 6 – 7 Monaten in ein Heim umziehen wird, das ich nicht in der Lage bin so wie ich es mir vorstellte für sie da zu sein und auch somit zu ihrem Wunsch zu Hause zu sterben beizutragen. Was es auch nicht gerade leicht macht sind „Erziehungsmuster – Erwartungshaltungen“ mit denen ich/wir erzogen worden sind und mit denen ich – jeder konfrontiert wird/werden kann. Diese Konditionierung hat einen sehr großen Einfluß auf das emotionale Gleichgewicht eines jeden von uns.

Ob Sie meine Entscheidung verstehen wird? Ich weiß es nicht – glaube es nicht obwohl ich es mir wünsche. Und hier werde ich mit einem anderen Problem konfrontiert. Natürlich wünsche ich mir wie jeder Mensch das sie/man mich versteht. Von einem anderen Menschen verstanden zu werden bedeutet auch geliebt – angenommen zu werden. Jeder Mensch möchte geliebt werden – möchte von anderen angenommen und akzeptiert werden. Niemand will abgelehnt werden weil dieses Gefühl „Abgelehnt zu werden“ sich einfach nicht gut anfühlt. Und Gefühle die sich unangenehm – schlecht anfühlen die will keiner. Was andere von mir denken – wie Andere über mich denken nun dies ist mir schon seit Jahren Schnulli Bulli. Im Freundeskreis unserer Familie gibt es eine Frau die eine Preußische Erziehung – stocksteif – akurat – laut – keine andere Sichtweise als ihre eigene gelten lassend – genossen hat. Sie ist wie ne deutsche Eiche. Nix kann sie umwerfen. Die Pflicht muß getan werden. Egal was mit einem selbst los ist – wie es einem geht. Was Du bist Positiv? Du siehst aber gar nicht so aus. N Mann mit 95 Kilo der gesund aussieht ist nicht krank. Und wenn, dann reißt Mann sich zusammen. Reiß my Ass, Honey.

Doch bei Menschen die einem Nahe stehen, die man liebt da sieht es anders aus. Da tuts mitunter weh wenn man „nicht verstanden wird“ – das Gefühl bekommt abgelehnt zu werden (weil man Erwartungen – Pflichten/Normen nicht erfüllt)

In meinem letzten Brief habe ich Dir geschrieben das ich lange mit mir im Kampf lag – mich schuldig gefühlt hatte weil ich nicht für meine Großeltern da war als sie starben. Irgendwann wurde mir klar das – aus den Gründen die Du ja kennst – ich nicht in der Lage war mich anderes zu entscheiden. Diese Entscheidung wie sie war, war die Entscheidung die ich treffen konnte, zu der ich in diesem Moment als ich sie traf fähig war. Es gab für mich keine andere. In diesem Moment wurde mir klar das es nicht um Bewerten und Verurteilen geht sondern darum das man eine Tatsache – eine Entscheidung als solche ohne Emotionen verinnerlichen kann. Emotionen bedingen Zustände die – wenn man ihnen zu sehr verhaftet bleibt – einem Gefängnis gleich kommen, einen gefangen halten.

Mitunter bekommt man das Geschenk oder soll ich sagen Gnade das einem seine Handlungen bewusst werden und man sich des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung – Karma – gewahr wird. Man kann nichts mehr rückgängig machen. Doch was man tun kann ist seine Handlungsweise ab Heute zu ändern. Das was man als nicht richtig empfindet das kann man loslassen – das muß man morgen nicht mehr machen.

Manchmal so wünsche ich mir möchte ich gerne Schmerz und Merkbefreit wie viele Andere sein. Diese innerliche Auseinandersetzung, diese Denkweise/Sichtweise, dieser „Dennis“ mit dem ich da wieder mal konfrontiert werde, also ehrlich gesagt der läuft mir gar nich so gut rein wie ich s (mein Ego) gerne hätte.

But than, who am I to blow against the wind.

Auch wenn Du nicht mehr präsent bist, Du Deine männerfeindlichen Witze zwischen Suppe und Hauptgericht nicht mehr zum Besten geben kannst – Du hast mir gut getan – wirst mir immer gut tun.

Es tut mir gut Dir zu schreiben Ilona. Gut mit Dir meine Gedanken, mein Leben teilen zu dürfen.

Hallo Ilona – 8. April 2007

Gestern war Karfreitag. Und wie jedes Jahr gab es das traditionelle Fisch Essen bei mir zu Hause. Insgesamt waren wir zu 5. Das Essen – Brunnenkressesuppe (grün), im Backofen gedünsteter Fisch in einer Sahne Joghurt Safran Soße (Goldorangegelb) Mangos aus Camerun und Orangen aus Sizilien zum Dessert – war diesmal so bunt wie die „Ilona Hippie Erinnerungs Tischdecke“ die ich Dir zu Ehren gekauft habe. Sie war in der Farbe der Wände Deines Zimmers, aus Leinen und mit einem feinen Muster das Assoziationen zu Indien auslöste. Sie hätte Dir bestimmt gefallen. Dennoch es war nicht mehr wie früher. Ich kam mir vor wie in der Selbsthilfegruppe in der wir uns beide kennen gelernt hatten. Es gab fast kein anderes Gesprächsthema. Da war nichts von der Leichtigkeit und der weiten Offenheit der Themen, keine männerfeindlchen Witze . . . .  Die Gespräche drehten sich nur um das was in der Gruppe geschah. Wann immer wir uns bei mir zum Essen trafen ging es sehr entspannt zu. Diesmal jedoch habe ich mich seit langer Zeit wieder wie ein Fremder in meiner Wohnung gefühlt. Ich kam mir vor wie im Restaurant „Zum guten Koch“ in dem irgendwelche Gäste speisen. Ich denke das wird das letzte Mal gewesen sein das ich jemand bei mir zu Hause zum Essen eingeladen habe. Zumindest nicht aus diesem Kreis. Ich habe keinen Bock mich wie ein Fremder in meiner Wohnung zu fühlen, Null Bock auf eine bestimmte Überheblichkeit die sofort wenn zwei oder mehrere aus dieser Gruppe zusammen sind entstehen kann. Ich sage kann weil es nicht immer so sein muß. Doch meine Erfahrung hat mir gezeigt das es unweigerlich darauf hinaus läuft. Dennoch war es gut weil ich genau dies erfahren musste – erleben musste was ich nicht mehr will und brauche.

Mir wurde wieder einmal fast schmerzlich bewusst was für ein außergewöhnlicher Mensch du warst. Die einen reden von Toleranz, von Offensein und Unvoreingenommenheit, reden davon das sie nicht bewerten bzw verurteilen – du hast es jedoch gelebt.

Diese Erkenntnis war auch insofern positiv für mich weil ich mich stärker mit dem Gedanken befasse in eine andere Stadt zu ziehen. Die Nähe zu dem Ort in der meine Mutter lebt ist im Grunde genommen das Einzigste was mich noch hier hält. Berlin wird immer mehr zu der Stadt wo ich mir vorstellen könnte alt zu werden. Zumal Markus – du kennst ihn auch – mit seinem Mann in der nahen Zukunft nach Berlin ziehen wird . Er gehört zu den wenigen Menschen die ähnlich sind wie Du. Nicht nur das es nichts gibt worüber man mit ihm nicht reden – kommunizieren könnte. Nein es ist seine Art – sein liebevolles Wesen.

Was mich von einem Umzug abgehalten hat war – ist mein Alter. Klar ist ein Umzug beschwerlich und anstrengend. Aber das was man dafür bekommt überwiegt die Nachteile bei weitem. Wenn ich mein Leben Revue passieren lasse so stelle ich fest das ich ein Nomade bin. Im Gegensatz zu Dir die Du während all der Zeit sesshaft warst und immer am gleichen Ort gelebt hast, („Es war a groß Leich“ so sagten viele bei Deiner Beerdigung weil so viele Freunde von Dir da waren) war ich im Grunde nie lange Zeit an einem Ort. 10, 12 Jahre sind keine Zeit. Und in solch einer Zeit ist es nicht möglich viele feste Freundschaften aufzubauen. Aber ich denke mal jeder hat auch da einen anderen, seinen eigenen Lebensweg. Die Handvoll wahren Freunde die ich habe verteilen sich von Bremen über DA bis nach Berlin. Und ein weiterer Aspekt für Berlin ist das es mehr Möglichkeiten – was das Alt werden für HIV Positive betrifft, dort gibt als in irgendeiner anderen Stadt. Eines der Themen die mich seit einiger Zeit beschäftigen. Im Mai werde ich für ein paar Tagen wieder in Berlin sein und mich mal diesbezüglich näher informieren.

Die Situation zu Hause mit der Mutter hat sich mittlerweile auch geklärt. Ich werde nicht zu Ihr ziehen einfach weil ich das was für sie notwendig ist nicht zu leisten in der Lage bin. An 7 Tagen in der Woche das körperlich zu leisten – angefangen vom Haushalt (täglich kochen, waschen und die Wohnung reinigen) bis hin zum Garten der auch in Ordnung gehalten werden will, das übersteigt meine Kräfte bei weitem. Damit würde ich über meine Grenzen gehen. So gerne ich es auch tun möchte, aber ich bin krank – bin nur bedingt leistungsfähig. So gut wie die Medis funktionieren – soviel Zeit wie ich durch sie bis jetzt geschenkt bekommen habe, sie gehen dennoch nicht spurlos an mir vorüber wie es mitunter durch die Art und Weise wie ich schreibe den Anschein hat. Also habe ich sie für den Herbst in einem Altersheim im gleichen Ort angemeldet. Obwohl sie schon seit Jahren sagt das sie in ein Heim geht wird es nicht einfach werden wenn es dann in die Tat umgesetzt werden wird.

So meine Liebe, das waren mein österlichen Worte für Dich. Ich werde mich jetzt duschen und mich dann auf s Rad schwingen und in die Stadt fahren. So wie es aussieht verspricht es ein schöner sonniger Ostersamstag zu werden.

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2 Antworten zu Briefe an Ilona

  1. spoxx schreibt:

    hallo alivenkickn,

    zunächst – danke für diese wunderschönen Abschiedsbriefe an eine Gegangene! Wie diese Texte in der Trauer und durch die Trauer auf das Leben verweisen…!

    Aber ich schreibe eigentlich als Reaktion auf deine Eingangsbemerkung: Du fragst da, wie du diese Texte an erster Stelle im Blog plazieren kannst.
    Ich bin selbst noch ein blutiger Blogger-Anfänger und bin mir nicht sicher ob ich die Sache richtig sehe: Aber kann man nicht im Modus „Eintrag bearbeiten“ in der rechten Spalte unter „Veröffentlichen“ / „published on [Datum]“ ein anderes Datum einstellen??? Wenn du die Artikel dann auf das Briefdatum vordatierst, müssten sie auch an den Anfang des Blogs rutschen….

    Aber – wenn das Problem für dich nicht mehr akut ist oder ich was falsch verstanden habe, dann entschuldige diesen Kommentar und vergess ihn einfach!

    Ansonsten oder: jedenfalls –
    frohe Feiertage!
    Ich freue mich schon auf neue Posts🙂

  2. alivenkickn schreibt:

    In der Tat – das Problem hat sich in dem Moment aufgelöst als ich ihm den Zahn „I´m just another brick in your wall“ zog.🙂

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