Panem et circenses


Einigen wird dieser Spruch möglicherweise noch aus dem Lateinunterricht geläufig sein, andere haben ihn bei der einen oder anderen Gelegenheit gehört oder gelesen.

Der Ausdruck stammt von dem römischen Satiredichter Juvenal (Satiren, 10, 81) und bedeutet „Brot und Zirkusspiele“ und wird im Deutschen meist in der Übersetzung „Brot und Spiele“ gebraucht bzw verstanden. Die römische Regierung ihrer Zeit versuchte damals durch Gladiatorenkämpfe oder Wagenrennen im Cirkus Maximus oder Amphitheatern das Volk oder Teile des Volkes von Problemen (z. B. Rezessionen, innenpolitischen Problemen usw.) abzulenken.

Mit regelmäßiger Wiederkehr treten Fernsehproduktionsfirmen bzw Fotoagenturen in HIV Foren auf und fragen die dortigen Mitglieder ob man Lust hat sich für  Fotoaufnahmen für eine HIV oder AIDS Werbekampagne eines Pharmaunternehmens oder an einer Reportage über HIV, die im TV ausgestrahlt werden soll gegen ein entsprechendes Entgelt zur Verfügung zu stellen bzw mitzuwirken

* * *

1. „Ich bin Redakteur bei einer Fernsehproduktionsfirma und plane gerade eine Reportage zum Thema HIV/AIDS.

Hallo, wir, die xxxxxx GmbH, suchen für das neue XXX-Format „Geld zu verschenken“ Menschen, die sich mit 5000,- Euro einen Wunsch/Traum erfüllen wollen oder dringend Hilfe brauchen.

Pro Sendung werden für ein bestimmtes Vorhaben 5000,- Euro gesponsert. Pro Folge werden drei Geschichten mit Wünschen und Bedürfnissen vorgestellt und Schüler einer Schulklasse (inklusive Lehrer) entscheiden, wer 5000,- Euro bekommt.

Bei Interesse und Fragen schreibt mir einfach eine Email an
emailadressexxx.com“

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2.

“hallo potentielle modelle,
der xxxxxxxx ist so nett und leitet meine mail weiter.
ich bin eine freie fotografin aus xxx und habe freitag ein shooting für xxxxx xxxxx xxxx [Pharmakonzern, d.Verf.]. dafür suche ich modelle. ich würde gerne mit positiven modellen arbeiten und nicht irgendwelche modelle casten. das shooting beinhaltet ein schwarz-weiß portrait und ein bild aus eurer vergangeheit, um klarzumachen, dass das hiv medikament von xxx xxxx hilft, mit hiv und aids zu leben. das shooting findet … … … statt und wird ca. 2-3 stunden eurer zeit in anspruch nehmen. das modell sollte 25-40 jahre alt sein. die anzeige erscheint in den zielgruppenaffinen magazinen wie hinnerk, siegessäule, männer aktuell etc. als din a 4 anzeige. unter umständen werden anfang 2009 noch weitere geshootet werden. … … …. die gage wird 500 euro betragen. ich freue mich auf eure berwerbungen mit bild an post@xxxxxxxx ein bildbeispiel wie es dann aussehen soll seht ihr im anhang. liebe grüsse, die maren”

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500 Euro oder gar 5000 Euro sind viel Geld. Ganz besonders wenn man um die finanzielle Situation vieler HIV Positiver weiß. Nicht wenige HIV Positive sind auf Grund ihres schlechten gesundheitlichen Zustandes ausgelöst durch HIV nicht mehr oder nur noch teilweise in der Lage einere geregelten Tätigkeit nachzugehen. Und nicht alle beziehen eine Rente, die es Ihnen ermöglicht ein sorgenfreies Leben zu führen. Viele HIV Positive beziehen eine Rente die sich entweder auf Hartz IV Niveau bewegt oder da sie nicht die Mindestvoraussetzungen um eine Rente zu beziehen erfüllt haben, beziehen sie HARZT IV bzw Grundsicherung. Und – dies sei gesagt – weder eine Rente die sich auf Harzt IV Niveau bewegt, noch Hartz IV oder die Grundsicherung deckt das Notwendige das man als HIV Positiver, als chronisch Kranker zum Leben benötigt, ab.

Schon unter diesem Aspekt ist es verlockend sich auf solch ein Angebot einzulassen.

Handelt es sich um eine Sendung die für eine öffentlich – rechtliche Anstalt produziert wird, so kann man idr davon ausgehen das der Beitrag relativ objektiv und weniger tendenziös sind. Es wird versucht ein ausgewogenes, von allen Seiten beleuchtetes Bild des HIV Positiven – von HIV darzustellen. Dies ist insofern möglich weil die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten aus den Gebühren finanziert werden. Anders sieht es bei den privaten Sendern aus. Sie finanzieren sich in erster Linie durch den Verkauf von Werbezeit Werbeeinnahmen etc.. Insofern liegt es auf der Hand das sich die Ausagben die ein Kunde – ein Unternehmen in Werbung investiert für ihn auch rentiert – lohnt. Das funktioniert idr über den Verkauf eines beworbenen Produktes.

Ergo wird man – in diesem Fall – ein Hersteller von HIV Medikamente sein Medikament in einer Art und Weise präsentieren, die nur eine Seite – die positive Seite – Wirkung des Medikamentes hervorhebt. Doch entspricht sie auch der Realität? Und wenn dies nicht der Fall ist, wie sieht diese Rrealität – die andere Seite aus?

Ondamaris bezieht sich in seinem Artikel auf den Aufruf nach der Suche nach einem potentiellen Model (siehe 2.) und schreibt dazu in seinem Blog:

Das Anliegen, statt mit Modellen mit realen Patienten zu arbeiten, mag zunächst löblich erscheinen. Eine größere Authentizität, die vielleicht eher der Realität entspricht – und sicherlich dem Foto, vermutlich auch dem beworbenen Pharmakonzern zugute kommen könnte.
Doch – geht es darum wirklich?
Geht es wirklich darum, die Realität von Menschen mit HIV und Aids heute abzubilden?

Es wäre spannend zu erfahren, wie der Auftraggeber reagieren würde auf Motiv-Vorschläge für seine Anzeigen, die z.B.
– einen einst jungen gut aussehenden Mann zeigen, der nun an Lipodystrophie leidet, mit tief liegenden Augen, Falten im Gesicht, hängenden Lidern,
– oder mit einem Oberkörper voll Hautausschlägen auf dem vielleicht dennoch wohlgetrimmten Sixpack,
– oder, alternativ, mit einer massiven Fettansammlung im Bauch.
– Vielleicht auch ein Foto im Krankenhaus, nach dem Herzinfarkt, daneben seine Blutfett-Werte?

“Leben  mit HIV und Aids” – darum geht es doch?

* * *

Ab Mitte – Ende der 90 Jahre waren die zielgruppenaffinen LifestyleMagazine geradezu voll von geschalteten Anzeigen der jeweiligen Hersteller von HIV Medikamente bebildert mit knackigen, braun gebrannten durchtrainierten Körpern schwuler Männer. Das Bild das von HIV (in die Gesellschaft) transportiert wurde war in der Tat: “HIV ist doch gar nicht so schlimm . . . . Wir haben da was”.

Zeitungen – Redakteure die “Bedenken” hatten solche Anzeigen zu veröffentlichen da sie unterschwellig ein “harmloses Bild von HIV” transportieren, sahen sich mit einem Rückgang von Anzeigen und Aufrägen und somit ihrer Existenz bedroht konfrontiert wenn sie nicht die Anzeigen im Sinn der Pharmahersteller schalteten.

Leider hat sich ein Bild in den Köpfen der Gesellschaft oder besser gesagt bei Entscheidungsträgern, die für Entscheidungen was das Leben von HIV Positiven betrifft verantwortlich sind, eingebrannt. So ist es heute ungleich schwerer geworden einen Schwerbehindertenausweis ausgestellt zu bekommen oder eine teilweise bzw volle Erwerbsminderung zugesprochen zu bekommen. Wer heute als Positiver von Harzt IV leben muß hat einige Streichungen bzw Zusammenlegung was den Mehrbedarf wegen HIV betrifft erfahren.

Solche Kampagnen arbeiten gegen die Prävention und verleiten unterschwellig zu Sorglosigkeit im Umgang mit der eigenen Sexualität.

Und das ist nur die eine Seite der Realität – der Wirklichkeit.

Welches Bild von HIV – von HIV Positiven – herrscht heute im Jahr 2008 in der Gesellschaft – in den Köpfen des Einzelnen? Und was hat es mit „Panem und Circenses – Brot und Spiele“ zu tun?

Stellvertretend für die vielen Foren die sich des Thema s HIV angenommen haben und die täglich von Menschen aufgesucht werden weil sie Angst haben, glauben sich mit dem HIVirus infiziert zu haben hier ein link zu einer Webseits des Kreis Stormarn – Fachdienst Gesundheit zu allen Fragen rund um das Thema Aids. Wobei anzumerken ist das es sich hierbei um wenig bekanntes Forum handelt.

Dies gibt nur einen kleinen Ausschnitt der Realität wieder dessen was sich täglich abspielt.

So haben die AIDS Hilfe Frankfurt und der Verein AIDS-Aufklärung e.V. in Frankfurt im Jahr 2007 zusammen fast 4500 Aufklärungsgespräche geführt. Ein Anstieg um ca 23 % gegenüber dem Vorjahr. Nicht anders dürfte es in den über die Bundesrepublik verteilten AIDSHilfen und Vereinen die sich der Primär und Sekundärprävention verschrieben haben aussehen.

Natürlich wird man sich die Frage stellen ob man es auf die einseitige Marketing Strategien zurückführen kann bzw inwiewiet es darauf zurückzuführen ist. Eindeutig und unmißverständlich: Nein das ist es nicht doch um ein Kommentar von Ondamaris zu zitieren:

„Ich sehe auch die Gefahr, dass das Bild von Positiven durch so manche beschönigende Anzeige ’schöngefärbt’ wird, wirklichkeitsfremd ist. Und ich sehe ebenfalls die Gefahr dass diese dargestellte vermeintliche Wirklichkeit indirekt auch zu den Streichungen und Kürzungen beiträgt, von denen zunehmend mehr Positive (und andere Menschen) betroffen sind.
Auch deswegen hatte ich den Eindruck – ein bitteres Angebot mit mehr als einem schalen Beigeschmack …“

Das Bild das durch die Werbung für HIV Medikamente von „Leben mit HIV und AIDS – von HIV Positiven“ transportiert wird, lenkt von der Realität ab. Welche Aspekte – welcher State of Mind – welcher Zeitgeist mit tendenziös einseitigen Formaten wie sie einige wie die oben genannte Produktionsfirma produzieren bedient werden, möchte ich nicht näher darauf eingehen. Dies würde nicht nur den Rahmen sprengen sondern bedarf eines eigenen Themas.

Es ist unbestritten das, was das finanzielle und soziale Engagement einiger Hersteller von HIV Medikamente  im Kontext zu Leben mit HIV und AIDS und den HIV Positiven betrifft sich sehr zum positiven gewandelt hat. Ohne deren Sponsoring von Kongressen und Veranstaltungen, ohne deren finanzielle Zuwendungen und Zuschüsse damit viele AIDSHilfen ihren Aufgaben weiterhin nachkommen können weil sie ohne diese finanzielle Unterstützung Mitarbeiter wegen Kürzungen öffentlicher Mittel entlassen bzw angebotene Dienste einstellen müßten, sähe es um einiges schlechter aus.

Dennoch eine Schieflage bleibt nach wie vor bestehen zumal diese Fakten nur Insidern – HIV Positiven oder Menschen die sich für das Thema HIV engagieren, bekannt ist. In der Gesellschaft ist dies nicht bekannt. Das Bild das von HIV in der Öffentlichkeit zeigt nach wie vor nur eine Seite der Medaille. Und dieser Schieflage gilt es entgegenzuwirken.

Solche Kampagnen arbeiten gegen die Prävention und verleiten auch hier unterschwellig zu Sorglosigkeit im Umgang mit der eigenen Sexualität. Sie arbeitet einzig und allein für das Unternehmen – dem Absatz von Medikamenten. Da beißt auch die Maus – trotz Sponsoring von Kongressen und Veranstaltungen, Büchern etc durch die Medikamentehersteller – kein Faden ab. Von Moral und Verantwortung geprägtes Handeln endet in diesem Fall an der Tür zur Buchhaltung.

Einmal mehr bedaure ich es das es seiten´s der Betroffenen – der Selbsthilfe keine Gruppierung gibt um  solchem Gebaren Widerstand entgegen zu bringen.

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