HIV-AIDS – Metaphern und Stigma


In der Zeit vom 29. Januar 2009 bis zum 1. Februar 2009 findet – diesmal in Stuttgart – zum zweiten Mal eine Konferenz „Positive Begegnungen“ zum Leben mit HIV/Aids statt.

Einer der Programmpunkte (siehe Vorläufiges Programm) dem im Rahmen eines Workshops Rechnung getragen werden wird, wird sich mit dem Thema „Stigma“ befassen. Seit dem Auftreten/Bekanntwerden von HIV in Europa/Deutschland sind mittlerweile 26 Jahre vergangen und man sollte eigentlich annehmen dass HIV eine Krankheit unter vielen geworden ist. Dank der Forschung ist HIV mittlerweile zu einer chronischen behandelbaren Erkrankung geworden. Zur Zeit gibt es 21 HIV Medikamente, die – in Kombination miteinander – das Virus in seiner Dynamik erheblich behindern. Ein Medikament jedoch dass die negative Konnotation die sich mit dem Wort HIV in der Gesellschaft immer noch – oder besser gesagt: wieder verbindet – beseitigt oder zumindest eine Tür zur Beseitigung eröffnet, das gibt es leider noch nicht.

Die Fokussierung auf bestimmte Gruppen von Menschen die von dem HIVirus betroffen sind und eine mit der Infektion verbundene negative Bewertung geschah schon sehr früh. Sehr schnell ging von dem Begriff „Risikogruppen“ im Zusammenhang mit HIV ein bedrohliches Szenario aus.

Nun beinhaltet ja das Wort „Risikogruppe“ per se ja nichts Negatives. Niemand verbindet mit dem Begriff „Backwaren – Lebensmittel oder Autofahrer“ von vornherein etwas negatives. Das Wort „Risikogruppe“ als solches ist neutral. Sieht man aber genauer hin, so wird man feststellen, dass in der Praxis des Redevollzugs mit dem Begriff einer Risikogruppe nicht Menschen gemeint sind, die einem bestimmten Risiko ausgesetzt sind sondern vielmehr eine Gruppe von Menschen addressiert wird, von denen „eine Gefahr – eine Bedrohung “ (für andere Menschen) ausgeht.

Auf HIV/AIDS bezogen trifft das auf Homosexuelle, Drogenabhängige, Prostituierte und Migranten zu – auf Menschen also, die sich bzgl ihres Verhaltens, Lebensstils, Lebenswandels und ihrer Lebensumstände von dem was gesellschaftlich als Norm verstanden und akzeptiert wird, erheblich unterscheiden und somit als Bedrohung empfunden werden.

Daran hat sich auch heute – im Jahr 26 nach HIV/AIDS – leider nur sehr wenig geändert.

Thomas Anz hat dies in seiner Buchbesprechung „Krankheit als Metapher – Aids und seine Metaphern“ von Susan Sontag sehr gut auf den Punkt gebracht.

Ihr Kampf gegen die Krankheitsmetaphorik war nichts anderes als ein Kampf gegen den moralischen Druck, der im Reden und Schreiben über Gesundheit oder Krankheit auf vielfältige Weise ausgeübt wird, ein Kampf zur Befreiung von Straf-, Schuld- und Minderwertigkeitsfantasien, die durch populäre und pseudowissenschaftliche Krankheitsbilder oft erzeugt werden und den Kranken belasten. Die Einschätzung der Krankheit als „Prüfung des moralischen Charakters“, die „Vorstellung, daß eine Krankheit eine besonders geeignete und gerechte Bestrafung sein könne“, die Ausdeutung von Krankheiten „als Metaphern für das Böse“: solche „albernen und gefährlichen Ansichten bringen es zuwege, daß die Last der Krankheit dem Patienten aufgebürdet wird“. Gerade auch die „spezifisch moderne Vorliebe für psychologische Erklärungen“ sei in hohem Maße mit belastenden Schuldzuweisungen assoziiert: „Psychologische Krankheitstheorien sind machtvolle Instrumente, um die Schande auf die Kranken abzuwälzen. Patienten, die darüber belehrt werden, daß sie ihre Krankheit unwissentlich selbst verursacht haben, läßt man zugleich fühlen, daß sie sie verdient haben.“

Dieses „Selbst dran schuld “ und die damit oftmals unterschwellig verbundene Be – Wertung bzw Verurteilung “ Sie haben es verdient“ begegnet man täglich in div. Foren, die sich dem Thema HIV widmen. Dort suchen Menschen nach Rat und Hilfe weil sie vermeintlich oder tatsächlich einem Risikokontakt ausgesetzt waren.

Dramatisch wird es besonders dann, wenn aus dem möglichen Risiko einer HIV Infizierung die Diagnose „HIV Positiv“ geworden ist. Die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit zieht in vielen Fällen einen völligen psychischen Zusammenbruch nach sich, immer bedeutet sie eine Zäsur. Lebenspläne fallen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Bei HIV kommt erschwerend dazu, dass heute – 25 Jahre nach dem Bekanntwerden von HIV in Deutschland – die Angst, sich einem Menschen zu offenbaren – egal ob Freund oder Familie – noch ebenso groß und erdrückend ist wie 1983.

Gesellschaftliche Stigmatisierung und Selbststigma sind die Folgen, unter denen viele HIV Positive heute leiden. Sich von diesem Stigma zu befreien, ist alles andere als einfach. Ob es sich dabei um die Arztsuche oder die Jobsuche handelt – die Frage die sich vielen immer wieder stellt ist stets die gleiche: „Spreche ich meinen Status „HIV positiv“ an oder nicht?“. Gesetzlich gibt hinsichtlich des Arbeitslebens mittlerweile klare Regelungen. Was den Arztbesuch betrifft, so hat sich die Empfehlung durchgesetzt, dass es sinnvoll ist die Infektion dem Arzt (falls es sich nicht um einen HIVFacharzt handelt) mitzuteilen. Dennoch ist es mitunter erschreckend festzustellen wieviel Ärzte es wieder oder immer noch gibt die mit HIV positiven Menschen ein Problem haben.

Sich im Alltag – auf der Arbeit, bei Freunden, der Familie gegenüber zu offenbaren, ist eine Frage des Abwägens. Die Angst vor Ausgrenzung und Ablehnung, vor dem Verlust von Zuneigung ist nach wie vor Realität und berechtigt zum Schweigen. Auf der anderen Seite muß man auch sehen, dass dieses Schweigen, das viele mit sich herumtragen, eine mitunter schwere Last ist, die sich in vielen Fällen kontraproduktiv zu dem Wirken der Medikamente auf die Psyche und auf das bereits angeschlagene Immunsystem auswirkt. Insofern ist es leicht gesagt, dass es an der Zeit ist, „HIV ein Gesicht“ zu geben. Dies macht imo nur Sinn, wenn „Gesicht zeigen“ Hand in Hand mit gesellschaftlicher Akzeptanz einher geht oder man mit sich selbst im Reinen ist. Deshalb sollte man tunlichst vermeiden, in diesem Kontext von persönlicher „Schwäche und Stärke“ zu sprechen.

Gerade in dieser Beziehung lassen die Bemühungen um „Aufklärung“ seitens des Dachverbandes der Aidshilfen – „der DAH als Interessenvertretung aller HIV Positiven“ – und der „BZgA – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ noch sehr zu wünschen übrig. Hier ist nach wie vor erheblicher Handlungsbedarf vorhanden.

Gesundheit bedeutet mehr als nur die Abwesenheit von körperlicher Krankheit – körperlichem Gebrechen.

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2 Antworten zu HIV-AIDS – Metaphern und Stigma

  1. ondamaris schreibt:

    „Nun beinhaltet ja das Wort “Risikogruppe” per se ja nichts Negatives.“ Wiederspruch, sir. die backware ist eine ware die gebacken wurde. und die risikogruppe? ist eine gruppe die ein risiko ist – ???
    DAS empfinde ich nicht als neutral (wie du ja auch zu recht im weiteren ausführst…)

    schön, dass du auf sontags immer noch, immer wieder sehr lesenswerten essay hinweist 🙂

    „die bemühungen … lassen noch zu wünschen übrig“ – kurz und knapp: JA, leider …

  2. alivenkickn schreibt:

    nu ja „backwaren“ können wenn der bäcker pennt – verbrennen. das ist dann alles andere als positiv . . . 😉

    die zusammensetzung des wortes + die programmierung und implementierung eines programmes welches jedem von uns mit auf den lebensweg gegeben wurde machen es uns heute schwer vieles wertfrei wahrzunehmen. es stellt sich insofern die frage wie man ein wort “ bewertet“ . . .

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