Ilona


beautybeast-kopie-1Ich will kein Überlebender sein. Ich will keine Schmerzen haben, erleiden – aushalten müssen. Ich will dieses Gefühl des Unwohlseins, dieses Gefühl etwas – jemand der mir gut getan hat, mit dem ich mich wohlgefühlt habe und der jetzt nicht mehr da ist, der abwesend ist – dessen Abwesenheit mir Schmerz bereitet, diesen Schmerz der mir den Tag, das Leben nicht mehr lebenswert erscheinen lassen, den ich glaube nicht aushalten zu können – diesen Schmerz . . . den will ich nicht haben. . . . . . .

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Es beginnt damit, dass du “Ich” sagst: Alles, was danach kommt, ist Illusion. Sawaki Kôdô Rôshi

Hilft mir das? Bedingt dies das mein Schmerz weniger wird? . . . . .

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Vor 1 1/2 Jahren ist Ilona gestorben. Sie war meine beste Freundin. Oft saßen wir einfach nur da sagten wenig oder gar nichts. Wir haben uns einfach verstanden. Bei allem was mitunter zwischen uns stand. Ihre letzten Jahre waren von Operationen, Schmerzen und von Krankenhausaufenthalten geprägt. Anfangs mahnte ich sie aus Sorge immer wieder das sie doch endlich HIV Medis nehmen möge. Doch die Sorge um Sie hatte auch ihren Ursprung in meinen eigenen Erfahrungen eben weil ich die Medis gut vertrug und hoffte – wollte das dies auch bei ihr so sein würde – könnte. . . und sie dadurch doch lange bei mir bleiben würde . . . . .

Und es waren auch meine eigenen Ängste vor Schmerzen. Der Tod macht mir keine Angst aber der Prozess des Sterbens – das krank sein, das Aushalten von möglichen Schmerzen. Ich bin da eher neugierig . . . mal sehen was da kommt. Wenn ich das sage dann gehe ich natürlich davon aus das da mehr ist als nur mein Körper der das Leben ausmacht. Tot-Sein als Gegenteil von Lebendig-Sein, die Abwesenheit von Leben . . . .nun für mich gibt es Zustände – Situationen da ist man trotzdem man lebt – lebendig ist – tot.

Ilona ist nicht mehr da. Ich kann sie nicht mehr liebevoll ermahnen das sie doch das Essen wenn es ihr so gut schmeckt nicht kalt werden lassen möge weil sie wieder aus ihrem unerschöpflichen Fundus einen Ihrer männerfeindlichen Witze erzählte. 🙂

In ihrer Gegenwart fühlte ich mich wohl, ihre Gegenwart hat mir gut getan. Ihre Anwesenheit, ihr Da-Sein lösten in mir Gefühle aus die sich gut anfühlten und die ich am liebsten immer behalten – immer „Haben“ wollte.

Lange Zeit habe ich an Ihr rumgebohrt das Sie doch etwas tun möge, das sie Medis nehmen möge. Und es hat lange gedauert bis ich sie verstehen konnte – bis ich verstand und annehmen konnte. Ihre ersten Erfahrungen mit Medis hatten zur Folge das sie eine Polyneuropathie in den Beinen bekam die sie nie wieder ganz los wurde. Das war der Grund warum sie lange keine Medis mehr wollte. Mit der Zeit nahmen ihre Kankenhausaufenthalte zu. Hüft OP, Tumor OP. Zu sehen was sie erleiden mußte, was sie ertrug, dies auszuhalten war mehr als schwer.

Irgendwann habe ich aufgehört an ihr rumzubohren, ihr zu sagen was das beste für sie sei. Gerade weil etwas für mich funktioniert bin ich nur zu gerne bereit das es bei dem Anderen auch so sein kann – muß. Und übersehe dabei das jeder seine eigene Vorstellung sein eigenes Konzept hat von dem was ihm gut tut – wie er mit einer Situation am besten klar kommt.

Dieses Aushalten – dieses „er-tragen“ – dieses „mit-tragen“ eines Konzeptes das nicht dem eigenen Konzept, der eigenen Sichtweise entspricht, das ist das schwerste überhaupt. Und es wird auch nicht viel besser wenn man diese Erfahrung schon erlebt – erfahren hat. Die nächste Auseinandersetzung kommt, aber der Kampf wird kürzer werden, man muß ihn nicht mehr so ausagieren wie beim ersten mal.

Das letzte Jahr mit ihr zusammen war ein schönes Jahr. Es gelang uns beiden uns zu genießen – uns miteinander wohl zu fühlen. Die Kabbeleien die stattfanden waren immer von einem inneren Lächeln oder Grinsen begleitet. Die Grenzen zu Verletzungen wurden nicht mehr überschritten.

Irgendwann hatte ich das Gefühl bekommen das Ilona sich bewußt für den Tod entschieden hatte, Sie kam an einen Punkt an wo sie keine OP s mehr über sich ergehen lassen wollte, keine Ärzte und Krankenhaus Odyssee mehr wollte.

„Ist ein Mensche, ein guter Freund oder ein geliebter Mensch zu einem Teil dieses guten Lebens geworden, wird die Trauer über seinen Tod umso größer sein. Aber die Tränen die man vergießt, gelten dem Verstorbenen, auch wenn es ihm wiederum nichts nützt, und nicht den eigenen Versäumnissen.“

Nicht nur den eigenen Versäumnissen – die sind legitim weil menschlich. Jeder darf sich glücklich schätzen wenn er beim Tod eines Menschen sagen kann – Es gibt nichts was noch offen ist zwischen uns – nichts was ungesagt geblieben ist.

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Der Text war (m)eine Antwort auf Stefans Gedanken zu dem Thema „Überlebender“.

p.s.

Dennis und alivenkickn sind ein und dieselbe person . . . . 😉 damals als ich diesen Text schrieb gabs diesen Blog noch nicht . . .

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