Die Notwendigkeit eine Veränderung in Angriff zu nehmen wird oftmals erst durch eine in den Alltag eingreifende einschneidende Erfahrung ausgelöst.
Natürlich weiß man was eigentlich notwendig und angebracht wäre, insbesondere deshalb weil es auch oder gerade gesünder wäre, würde man das Eine oder Andere sein lassen und dieses oder jenes in Angriff nehmen. Doch wenn man über zuviele Gewohnheitsgene einerseits und zu wenig Disziplingene andererseits verfügt, die für eine Veränderung in die Tat umzusetzen notwendig sind, es geht ja um Verhaltensänderung, dann ist das mit dem Praktizieren so ne Sache. Zudem ist das Loslassen von jahrelangen praktizierten Gewohnheiten bekannterweise mit Mühen und Anstrengungen verbunden. Und so passiert es nicht gerade selten das man die Notwendigkeit einer Veränderung oftmals fühlbar erfahren muß bevor man sich ans Werk macht.
1996 im Oktober hatte mich eine PcP buchstäbich „Out of the Blue“ heimgesucht. Im Januar 1997 habe ich dann mit meiner ersten 3er Kombi – Crixivan, Epivir und AZT angefangen. Nachdem ich unter Crixivan mit heftigen Nebenwirkungen, Übelkeit, Magen und Darmbeschwerden und Muskelabbau in den Armen, Beinen und Gesäß (der Kerl hat kein Arsch in der Hos) zu kämpfen hatte, habe ich in Absprache mit meinem Arzt Anfang 1998 Sustiva gegen Crixivan ausgetauscht. Im Jahr 2003 wurde infolge einer erfolgreichen Peg Inf Behandlung wegen HEP C AZT gegen Viread ausgetauscht, da sich Viread pharmakologisch mit PEG Interferon und Ribavirin besser vertrug.
Während all der Zeit seitdem ich HIV Medikamente nehme fand jedoch ein kontinuierlicher Muskelabbau in meinen Oberschenkeln und meinen Armen statt. Nun gehöre ich zwar eher zu der Kategorie Menschen der Gattung Couchpotatoe als Ironman, aber ganz so inaktiv – bewegungslos bin ich nun doch nicht gewesen. Nicht weit von meiner Wohnung gibt es ein DLV Leistungszentrum – Schwimmbad. Diese Möglichkeit, das Hallenbad im Winter, das Freibad im Sommer habe ich bis vor 2 Jahren ausgenutzt und habe konstant an 4 – 5 Tagen in der Woche meine Bahnen geschwommen. Mein ehrgeiziges Ziel war es immer gewesen mindestens 1200 Meter unter 45 Minuten zu schwimmen was mir auch gelungen ist. Für jeden Anderen mag dies ein Lächeln hervorrufen, doch für mich war es ein Ziel das zu erreichen mir und meinen Ansprüchen und vor allen Anforderungen genügte. Trotz allem fiel mir mit der Zeit das Treppensteigen immer schwerer. Das Einsteigen wie auch das Aussteigen in/aus einen/m Zug oder die Strassenbahn, wenn es kein Niederflurwagen waren/sind mir immer nur „ With a little help von Reisenden“ möglich.
Obwohl es mir über die Jahre hinweg immer schwerer fiel war es mir bis vor 1 Woche möglich ohne Probleme regelmäßig jeden Tag 1 Std Rad zu fahren. Das hat sich geändert.
Nächstes Jahr werde ich 60 Jahre alt. Während der letzten Jahre beobachte ich mit gemischten Gefühle wie auch mit Interesse die Veränderung bestimmter Prozesse in mir die möglicherweise Altersbedingt – möglicherweise Medikamentenbedingt sind. Meine Wahrnehmung dessen was um mich herum geschieht nimmt zu, das Bewerten dessen was ich wahrnehme nimmt bzw hat über die JAhre abgenommen was ich als sehr befreiend und entspannt empfinde und wofür ich dankbar bin. Gleichzeitig nimmt eine Unsicherheit auf Grund mangelnder körperlich Kraft zu.
Noch vor 2, 3 Jahrenn war es für mich kein Problem im Vertrauen in die vorhandene (Rest) Kraft in meinen Beinen mal kurz in die Pedale zu treten um z.b. bei Dunkelorange über die Kreuzung zu rauschen. Das hat sich völlig geändert. Wissend das ich die Geschwindigkeit nicht mehr erreiche um unbeschadet über die Kreuzung zu gelangen, bewirkte das alles ein Tick langsamer geht. Gleichzeitig hat Unsicherheit die u.a. auch ihren Ausdruck in Gedanken manifestiert zugenommen. Vom Beobachterstandpunkt aus eine spannende und interessante Erfahrung. Teil dieser Erfahrung zu sein ist unangenehm und gleichzeitig eine Herausforderung für mich wie ich dieser für mich neuen Situation Rechnung trage.
Letzte Woche hat es mich zweimal gebrettert, wie man umgangsprachlich zu sagen pflegt. Als ich vom Rad absteigen wollte war es mir nicht mehr möglich das Gewicht des Rad mit dem Anspannen von Muskeln in den Beinen – da gabs nix was ich anspannen konnte – auszubalancieren bzw abzufangen. So wie es normal und vor allem Routine ist. Routine deshalb weil man im Alltag sehr vieles macht ohne sich über den Prozess der in diesem Moment stattfindet Gedanken zu machen bzw nachdenkt. Es ist einfach so. Wenn man stolpert dann ist die Reaktion in der Art das man ohne zu denken versucht sein Gewicht im Gleichgewicht zu halten. Dies geschieht unter anderem durch das Anspannen von Muskeln, ausgleichenden Bewegungen die der Erdanziehungskraft entgegenwirken um einen Fall zu vermeiden. Fällt man dennoch so erfolgt eine intuitive Abwehrhaltung indem man mit den Händen versucht den Fall abzumildern – abzufangen. Nicht so bei mir. Ich habe wiederholt „den Boden begrüßt“.
Das, der Schock der mir jedesmal wie der Leibhaftige durch Mark und Bein gefahren ist, mein Gewicht und die nicht vorhandene Kraft in den Beinen und Armen die man benötigt um aus eigener Kraft aufzustehen haben mich die letzten Tage in ein Loch fallen lassen.
Dieses Loch ist ein mir mittlerweile recht Bekanntes das Sogyal Rinpoche aus „Das Tibetische Buch Vom Leben Und Sterben“ in dem folgenden Gedicht sehr gut zum Ausdruck bringt.
Die Grube im Gehsteig
Ich gehe die Straße entlang.
Im Gehsteig gähnt eine tiefe Grube.
Ich stürze hinein.
Mein Fehler ist das nicht!
Es dauert eine Ewigkeit, bis ich den Ausweg
aus der Grube gefunden habe
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Im Gehsteig eine tiefe Grube.
Ich stürze hinein.
Kaum zu glauben: schon wieder
ich in derselben Lage.
Mein Fehler ist das nicht!
Es dauert einige Zeit, bis ich den Ausweg gefunden habe.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Im Gehsteig eine tiefe Grube.
Ich sehe sie
und stürze trotzdem hinein
einfach weil ich es gewohnt bin.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wohin ich gehe.
Es ist allein mein Fehler!
Im nächsten Augenblick schon bin ich herausgeklettert.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Im Gehsteig eine tiefe Grube.
Ich mache einen Bogen um die Grube.
Ich folge einer anderen Straße.
Der schwierigste Teil ist – wieder einmal – das Folgen einer anderen Strasse. Einer anderen Strasse zu folgen heißt nicht mehr und nicht weniger als gewohnte Verhaltensmuster abzulegen, zu ändern, alte Gewohnheiten loszulassen und neue Wege zu beschreiten. In meiner Situation heißt das, das Rad fahren sein – los zu lassen, die Strassenbahn und Züge nur dann zu benutzen wenn Ein – und Austieg sich auf der gleichen Ebene wie der Bahnsteig befinden.
Statt dessen werde ich jeden Tag am Vormittag spazierengehenderweise all das was ich zu erledigen habe per Fuß erledigen.
Come shine come Rain.




