Die Amsterdamer Jahre

Frankfurt/Main im März 1984

Gegen 10.00 Uhr morgens durchsuchte die Polizei meine Wohnung nach Drogen. Zum Glück hatte ich keine Drogen – weder bei mir noch in meiner Wohnung.

Im Dezember 1983 hatte ich eine Therapie abgebrochen und befand mich seitdem unter Bewährungsauflagen auf freiem Fuß. Da ich schon wieder auf der Nadel war, war es nur noch eine Frage der Zeit, wann ich wieder verhaftet werden würde. Mit einer erneuten Bewährungsstrafe oder einer Therapie war dann nicht mehr zu rechnen. In Panik packte ich zwei Koffer. Ich rief einen Freund an, bat ihn meine Wohnung aufzulösen und setze mich nach Amsterdam ab.

In den 70er und 80er war Amsterdam das Drogenmekka von Europa. Was weiche Drogen betraf, war man sehr liberal. In Coffeeshop´s wurde Haschisch und Marihuana verkauft, auf den Dächern und den Decks vieler Hausboote wurde Hanf angebaut. Es war zwar nicht legal, doch man duldete es.

In den 80er Jahren wurde dann Amsterdam für billiges und qualitativ hochwertiges reines Heroin berühmt und berüchtigt. Drogenabhängige aus ganz Europa zog es wie ein Magnet nach Amsterdam. Daß sich die liberale Drogenpolitik in diese Richtung entwickeln würde, das hat keiner der Politiker weder geahnt noch gewollt.

Höchstwahrscheinlich habe ich mich während der zwei Jahre meines Aufenthaltes in Amsterdam durch den Gebrauch einer benutzen Nadel mit dem HIV Virus infiziert.

* * *

Drogen
Ersatz für Freiheit
gibt es nicht.

Drogen
Ersatz für frei sein
gibt es nicht.

Drogen
Ersatz für Liebe
gibt es nicht.

Drogen
Ersatz für Wärme
gibt es nicht.

Drogen
Ersatz für Geborgenheit
gibt es nicht.

Drogen:
Glatter Wahnsinn

*

Coffee Shop´s

Coffee Shop´s
von der Polizei geduldet.

An Bedingungen gebunden
verkaufen sie
sorgfältig abgewogen
und in Plastiktüten verpackt
Freiheit für 25 Gulden

In der Annahme
daß sie damit ihrem Ideal
ein gutes Stück nähergekommen sind,
übersehen sie dabei
das Freiheit Grenzen hat.

Nämlich dann
wenn sie anfängt
zerstörerisch zu wirken.

*

Kokain

She don´t lie, She don´t lie, She don´t lie.
Cocain

Wollüstiges Aufstöhnen.
Ahh, Kokain.
Alles Klar.
Glasklar.

Zeitbombe.

Die,
wenn sie hochgeht
geräuschlos in dir explodiert.

Vorprogrammierter Wahnsinn,
dem Du nicht entrinnen kannst,
wenn er dich in seinen Fängen hat.

Du glaubst
du hast ihn unter Kontrolle,
den Rausch.

Während dein Verlangen steigt,
die Gier
ins Uferlose wächst,
merkst Du nicht wie Du in eine andere Realität
hinüber gleitest
und dabei alles zerstörst
was Du liebst.
Vor allen Dingen Dich selbst

*

Junkies

Sie haben alle Hoffnung aufgegeben,
daß es jemals anders werden könnte.

Die Leere die bleibt
überlagern sie  mit Stumpfheit,
nehmen sie nicht wahr.
So glauben sie wenigstens.

Verzweiflung die aufkommt
werden mit Alkohol und Cocktails  weggespült.

Zurück bleibt
Mutlosigkeit,
unendliche Traurigkeit
die sie anderen gegenüber
niemals zugeben würden.

Doch ein Blick in ihre Gesichter
belehrt Dich eines besseren.

Was bleibt
ist die Angst vor dem Morgen.

*

Freier I

Alte Männer
hohlwangig.

Schlaffe Haut über den Knochen,
wie Wachs an einer Kerze herunter tropfend.

Mit brennenden Augen,
gierig nach Jugend lechzend
glauben sie
diese für einen Schuß
kaufen zu können.

*

Freier II

Geile, Dickbäuchige alte Männer.

Abend für Abend ziehen sie durch´s Milieu
auf der Suche nach abhängigen Frauen oder Männern.

Geld ist Macht.
An keinem anderen Ort verkörpert dieser Satz
eine Wahrheit,
die,
bei Licht betrachtet
soviel Grausamkeit und Verachtung zum Ausdruck bringt
das man mit dem Kotzen eigentlich gar nicht aufhören könnte.

Wissend das viele Junkies für den nächsten Schuß alles tun würden,
nutzen sie deren Drogenabhängigkeit aus.

Um ihre Phantasien auszuleben
benutzen und mißbrauchen sie diese,
nehmen ihnen ihre Würde
töten ihre Seelen.

Was zum Teufel schert es mich.
Die Hauptsache ich habe meinen Spaß.

*

Toleranz

Holland,
ein anders Wort:
Toleranz.

Die jedoch
gibt es nur
auf dem Papier.

Denn
hier wie dort
wird jeder Mensch,
also auch wir,
wenn auch nur zu einem bestimmten Zweck,
in eine Schublade gepreßt.

*

Dope, Man?

In Gruppen
von 3 und 4 Mann
stehen sie da.

Surinamer
warten auf Dich.

He, Deutscher
komm her.
Gutes Dope,
Gutes Coke.

Unzählige Hände
greifen nach Dir,
tasten Dich ab.

Manchmal,
meistens abends,
stürzen sich
4,5, Surinamer auf dich,
rauben dich aus.

In Sekunden
ist der Spuk vorbei.

Die Straße ist leer.
Bis auf das Opfer.

Von weitem
hört man noch erregte Stimmen
im Streit
um die Beute.

*

Polizei

Man sagt
daß es im 3. Reich
nur so von Geheimpolizei wimmelte.

Geh heute mal nach Amsterdam.
Sie ist zwar nicht geheim
dafür umso zahlreicher.

Vor 10 Jahren
war Amsterdam
das Mekka junger Leute.

Heute
stellen sie fest,
daß sie sich ein Eigentor geschossen haben.

Amsterdam,
Olympiastadt 1992.

*

Dealer und Gendarm

Polizisten.
Haß verzerrte Gesichter
Schlagstock schwingend
kommen sie daher gerannt.

Surinamer verfolgend
Deutsche Schäferhunde
hinter ihnen her hetzend.

Sie jagend,
zusammentreibend,
nieder prügelnd.

Freiheit und Toleranz
viel gepriesen überall.

Im eigenen Land
auf drei Mann begrenzt.

* * *

Maria

Es war eine warme Sommernacht im Juni 1984. Sie stand auf einer Brücke zwischen der Heeren und Prinsengracht im Red Light District von Amsterdam. Als ich sie das erste Mal sah, hat es mir fast den Atem verschlagen. Das stand sie, die Traumfrau von der ich immer geträumt habe. Klein, zierlich, lockige, schwarze Haare und Augen tief wie ein See.

Da wir beide schwer Drogenabhängig waren, war unser Zusammensein Himmel und Hölle auf Erden. So tief wie wir uns liebten, so tief verletzten wir uns unter dem Einfluß von Drogen.

Bis zu meiner Ausweisung aus Holland im Dezember 1985 lebten wir zusammen. Im Mai 1986 fuhr ich noch mal nach Amsterdam um sie zu sehen. Zu dieser Zeit war ich – wieder einmal  – clean. Ich versuchte sie zu überzeugen, das wir beide doch in Deutschland leben könnten. Gemeinsam können wir es schaffen clean zu werden und zu bleiben. Natürlich funktionierte es nicht. Es gab immer noch etwas, das unbedingt erledigt werden mußte.

2 Jahre später ist Maria an den Folgen einer Leberzirrhose gestorben.

Ein Sommernachtstraum

Braune Haare.
Lockige Fülle
umrahmt ihr Gesicht.

Augen,
dunkel,
geheimnisvoll
wie die Nacht
schaun mich an.

He,
willst Du`n Stück Melone?

Verwundert
schaut sie mich an,
denkt:
„Was`n  das für einer“?
Nimmt sie.

Stunden später
gehen wir  beide
Hand in Hand
durch die Nacht.

Zwei Liebende
die sich seit
1000 Jahren kennen.

*

Hafen

Ein Blatt
vom Sturm gepeitscht
umher gewirbelt,
nie lange an einem Ort verweilend,
rastlos
wie mein Leben.

An dem Tag
an dem ich Dich traf
legte sich der Sturm in meinem Herzen.

Ein Schiff
das nach langer Irrfahrt
den schützenden Hafen erreichte.

*

Du,

was hast Du aus mir gemacht?

Bin ich bei  Dir,
wünsch ich mir manchmal
weit weg zu sein.

Bin ich fern von Dir,
zieht´s mich hin zu Dir
wie zu einem  Magnet.

In mir ist´s heiß,
mein Herz steht in Flammen,
mein Verstand steht still.

Meine Gedanken
drehen sich nur um Dich.

Überall wo ich bin
such ich Dich,
wünsche mir
wärst Du doch hier.

*

Copyright © Wolfgang Kirsch

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