Interview mit Dietmar Lange “Cafe Scentral” Darmstadt – 1998 – Teil 1


Dieses Interview habe ich mit Dietmar Lange – Einrichtungsleiter vom Cafe Scentral, Darmstadt – im Jahr 1998 für eine Zeitung eines Obdachlosenprojektes für das ich damals arbeitete geführt. Dietmar Lange kenne ich schon aus seiner Zeit – Tätigkeit in Frankfurt/Main. Mittlerweile ist er ein guter Bekannter geworden.

In ca 14 Tagen Anfang August 2011 – 13 Jahre später – werde ich ein zweites Interview mit Dietmar Lange führen um herauszufinden was/ob sich seit 1998 in der Drogenarbeit etwas politisch getan – verändert hat.

* * *

Wolfgang
Du bist der Chef oder wie ist deine Bezeichnung?

Dietmar
In meinem Stempel steht Dietmar Lange, Sozialarbeiter, Einrichtungsleiter. Den Stempel den hab ich aus Frankfurt mitgebracht, da war ich nämlich schon mal Einrichtungsleiter in einem Heim – und ich denk das ist die richtige Bezeichnung. Das ist für mich ok.

Wolfgang
Was hat man darunter zu verstehen. Einrichtungsleiter eines Möbelhauses?

Dietmar
Vor 4 Jahren sollte in Darmstadt eine neue Einrichtung entstehen. Eine neue Einrichtung im Drogenhilfe Bereich.
Die Stadt Darmstadt hat seit 1975 eine Jugend und Drogenberatungsstelle als sehr alte und etablierte Einrichtung in der Drogenhilfe gehabt. Diese Einrichtung hat seit ihrem Bestehen die Arbeit fast unverändert getan – sie ist auch jetzt noch fast unverändert – , doch die Zeiten haben sich aber geändert. Das heißt Darmstadt hat der Bedarfslage entsprechend gesehen das die Drogenpolitik auch in Darmstadt fortgeschrieben werden muß. Die Verantwortlichen in Darmstadt haben erkannt das über diese Form der Drogenarbeit nur ein gewisser Teil der Drogenabhängigen erreicht wird, nämlich die Ausstiegswilligen oder die ja, zum Ausstieg gezwungenen. Es sind ja ganz viele dabei die über eine gerichtliche Auflage, oder über den Partner oder über die Familie ganz einfach einen Druck bekommen und sich dann zum Ausstieg entscheiden – vordergründig, weil es das kleinere Übel ist.

Wolfgang
Die alte Struktur der Drogenpolitik in Darmstadt von 1975 . . .

Dietmar
. . . war und ist die herkömmliche Drogenarbeit, die sich aber im Laufe der Jahre in ganz andere Facetten aufgeteilt hat.

Wolfgang
Damals war z. B. HIV unter Drogenabhängigen noch kein Thema. Auch das Verständnis was Drogensucht betrifft war damals in der Politik und Gesellschaft ein anderes als heute. Demzufolge war auch das Verständnis von Drogenarbeit eine andere als heute.

Dietmar
1974 war Drogenabhängig gleich krank oder krank und kriminell oder kriminell und krank oder man verstand Drogenabhängigkeit . .

Wolfgang
. . . .als eine moralische Schwäche.

Dietmar
Das war 1975 die Richtung. Und die Antwort war damals: Wenn es krank ist muß man´s therapieren und wenn´s kriminell ist muß man´s sanktionieren oder man muß irgendwie gekoppelt vorgehen.
Die grobe Richtung in Richtung heilen bzw. Ausheilen lief damals über die Schiene Therapie bzw., Langzeitherapie. Das ist immer zum großen Teil das was Drogenberatungsstellen machen. Natürlich auch noch begleitende oder ambulante Therapie – das ist dazu gekommen und Nachsorge für Leute die aus der Therapie kamen. Aber so der große Bereich der sich in Großstädten wie Frankfurt, Hannover, München usw. aufgetan also suchtbegleitend, das lief eben dann nur schleppend – war auch nicht gewollt in dieser Einrichtung.
So hat es sich dann ergeben das parallel dazu eine neue Einrichtung geschaffen werden sollte. Das ist die Einrichtung in der ich arbeite und für die ich mich verantwortlich fühle. Diese Einrichtung arbeitet ausschließlich niedrigschwellig, das heißt das in allen Bereichen des Scentrals ist die Suchtakzeptanz erst mal vordergründig. Wir akzeptieren die Leute so wie sie sind. Wir haben natürlich auch von unserem Berufsverständnis, von unserer Professionalität im Hinterkopf das wir schon irgendwie auch ausstiegsorientiert denken. Das heißt unser gedachtes Ziel für unsere Klienten ist, das sie irgendwann einmal ein würdiges, drogenfreies Leben erreichen, aber das Tempo, das zu erreichen, das sollen die Leute bestimmen. Und auch die Art und Weise wie sie es erreichen. Sollen die Leute mitbestimmen und wir geben Hilfestellung.

Wolfgang
Um auf das Niederschwellige noch mal zurück zukommen, niederschwellig verstehe ich so  das ihr an der Basis seid, das ihr nicht wartet bis die Leute kommen, sondern um mal ein Bild zu gebrauchen, auf die Leute zu geht. Dieses „auf die Leute zu gehen“  ihr seid im Brennpunkt von der Scene , am Herrengarten.

Dietmar
Das ist das geographische. Das faktische „auf die Leute zugehen“ machen wir mit unseren Kolleginnen und Kollegen von der Abteilung Streetwork. Die gehen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Leute zu. Die gehen mit auf die Scene. Sie sind dort – immer dort wo auch die Scene ist. Wir gehen aber auch auf die Leute zu mit adäquaten Angeboten, mit niedrigschwelligen Angeboten. Wir wissen, das die Leute, die nicht in Therapie gehen wollen, die aktuell Drogenabhängig sind, da wissen wir, das es ganz bestimmte Nöte im Leben gibt. Ein Großteil der Leute hat keine anständige Wohnform. Das heißt daran gekoppelt ist, sie können sich nicht richtig versorgen, können sich nicht selbst was kochen, können ihrer Körperhygiene nicht nach kommen. Sie verbringen halt den größten Teil ihres Lebens auf der Straße. Und für diese Leute bieten wir jetzt erst mal ein Versorgungsangebot an. Das hat auch was mit Niedrigschwelligkeit zu tun. Also über die Angebote gehen wir auf die Leute zu.

Wolfgang
Was ich als sehr wichtig empfinde ist z.B. was den Gesundheitsvorbeugenden Aspekt betrifft. Im Scentral ist es möglich das Drogenabhängige Spritzen tauschen können. Durch das Vorhandensein dieses Angebotes kann jeder der will sich eine neue Spritze holen und dadurch eine Infektion mit HIV, Hepatitis C oder anderen iv übertragbaren Krankheiten verhindern bzw. verhindert werden kann. Viele der z.B. HIV infizierten haben sich den Virus ganz einfach dadurch geholt das sie gebrauchte Spritzen untereinander benutzt haben. Ich sage bewußt kann, weil dieses Angebot ja nicht ausschließt, das es die Leute auch wirklich wahrnehmen. Tatsache ist aber, das die Neuinfektionen von HIV unter iv Drogenbenutzer seit Einführung des Angebotes Spritzen zu tauschen in der ganzen BRD erheblich zurückgegangen ist.

Dietmar
Mit dem Spritzenangebot bzw. dem Spritzentausch und auch Verkauf erfüllen wir im Grunde genommen zwei Bedürfnisse. Zum einen das Drogenabhängige die iv ihre Drogen konsumieren die Möglichkeit haben eine saubere Spritze zu benutzen. Keiner muß ne schmutzige oder gebrauchte Spitze benutzen. Wir geben sie entweder kostenlos oder zum Einkaufspreis von 0,10 Pfennig ab. Da kommen wir den Bedürfnissen der Benutzer nach. Das ist das eine.
Zum anderen kommen wir auch dem Bedürfnis des Normalbürgers, der allgemeinen Öffentlichkeit nach. Wir können damit verhindern, das infizierte bzw. benutzte Spritzen weggeworfen werden. Das heißt ganz konkret das wir jeden Monat im Moment mit der verlängerten Öffnungszeit 80.000 Teile zurückbekommen, die nicht im Müll oder Gestrüpp landen.

Als weiteren Aspekt zu dieser Gesundheitsprophylaxe . . . .

Wolfgang
Zwischenfrage: Du hast das Thema Bevölkerung angesprochen. Gab ´s von Seiten der Bevölkerung schon mal n Feedback bezüglich Spritzentausch und damit verbunden weniger Spritzen im Gestrüpp bzw. Müll?

Dietmar
Wir haben schon sowohl positive als auch negative Rückmeldungen bekommen. Wir haben aus der Nachbarschaft – ganz konkret aus dem Bereich der TU – Technischen Universität negative Rückmeldungen bekommen, weil sich auf deren Gebiet nach wie vor ein Teil der Scene aufhält und natürlich auch Spritzen weggeworfen werden. Auch deshalb weil wir automatisch mit dem Standort der Scene in Verbindung gebracht werden. Sowohl der Kontaktladen auf der einen Seite als auch die TU auf der anderen Seite – beide

Dietmar
Das stimmt. Wir sind im Moment die Ausnahme. Diesbezüglich befinden wir uns wirklich in einer privilegierten Situation. Wobei ich allerdings auch sagen muß, das hierbei auch etwas spezifisch Darmstädtisches mit hinein spielt. Das meine ich im positiven Sinn. Darmstadt ist eine Kommune die relativ reich ist. Darmstadt ist ein interessanter Industriestandort und hat dadurch gute Einnahmen. Und auf Grund diese Voraussetzungen profitieren auch andere Einrichtungen wie z.B. die AIDS Hilfe in Darmstadt, die neben der Finanzierung durch Bundesmittel zusätzlich vom Magistrat jährlich finanziell unterstützt wird.
Darmstadt – und das muß man dazu sagen – hat auch einen Bedarf zu befriedigen, der lange Zeit eben auch brach lag. In der Zeit von 1976 bis 1996 hat sich im Drogenhilfebereich hier in Darmstadt ganz wenig getan. Darmstadt hat relativ spät nachgezogen. In anderen Kommunen wie z. b. in Frankfurt, Hannover, etc. sind die dicken Gelder für Drogenarbeit  in den Jahren 1990 – 1994 geflossen. Das hat natürlich auch der damaligen Situation Rechnung getragen, das  muß man dazu sagen. Mit dem was also im Moment finanziert wird holt Darmstadt auch ein bißchen auf.  Bis 1996 habe ich in Frankfurt eine Einrichtung geleitet. In dieser Zeit gab es für die Drogenhilfe Mittel aus dem städtischen Haushalt sowohl Landesmittel und Bundesmittel. Diese Mischfinanzierung hat Anfang 1996 angefangen zu bröckeln. Von daher ergab sich das Phänomen das woanders stark gestrichen wurde.

Wolfgang
Würdest Du sagen daß die Einstellung der Kommune zu der Drogenarbeit hier in Darmstadt Partei unabhängig ist?

Dietmar
Natürlich ist es auch ein parteienspezifisches Phänomen. Ich denk die Inhalte so wie Drogenpolitik dann ausgestaltet wird, das ist eine Parteien spezifische Sache.
Ein Beispiel
Vergabe des Original Präparates – Heroin – würde mit Sicherheit bei der CDU hier in Darmstadt nie durchgehen. Wobei wir auf der andern in Frankfurt dieses Phänomen haben, das Petra Roth als erste CDU Bürgermeisterin, dieses Modell umsetzen wird. Aber ich denke hier in Darmstadt würde es anders aussehen. Auch andere Bereiche in der Drogenarbeit werden kontrovers diskutiert.  Unabhängig davon – ich sag jetzt mal politisch neutral – was ich von einem Druckraum halten würde, würde dies mit Sicherheit bei der CDU anders diskutiert werden als bei den Grünen oder der SPD. Das es einen Bedarf gab eine Drogenpolitik zu etablieren und auszuweiten, das so denke ich wäre auch unter einem CDU Magistrat passiert – aber anders. Von daher hat es mit beidem zu tun. Es ist sowohl etwas ganz Darmstadt spezifisches und – der Druck hat zugenommen als in Frankfurt die Vertreibung der Drogenabhängigen anfing. 1994, 95 hat Darmstadt wieder ein echtes Drogenproblem bekommen. Das haben alle Parteien unabhängig voneinander wahrgenommen das etwas passieren muß. Es war für alle Parteien klar das in Darmstadt etwas passieren muß. Der Druck der von den Geschäftsleuten kam, diesem Druck ist auch der damalige CDU Magistrat nachgekommen.

Wolfgang
Jetzt mal zum Cafe Scentral. Du hast vorhin angeschnitten welche Angebote ihr habt. Was macht ihr noch? Jedesmal wenn ich hier vorbei fahre riecht es so gut, so als würde bei euch gekocht werden. Stimmt das?

Dietmar
Ja das stimmt. Zur Zeit haben wir drei Abteilungen. Da ist zum einen der Kontaktladen,  die älteste Einrichtung, als zweites die Substitutionsambulanz und den Bereich Streetwork. Zur Zeit sind wir dabei ein weiteres Angebot umzusetzen. Dabei handelt es sich um ein Arbeitsprojekt. Es geht dabei um die Arbeitsverträge für Substituierte in Zusammenarbeit mit der Beschäftigungsförderung der Stadt Darmstadt. Des weiteren steht das Projekt Notschlafplätze auf dem Plan.

Zu den einzelnen Projekten
Jetzt kommen wir zu deiner Wahrnehmung, das es hier manchmal so gut riecht wenn du vorbei fährst. Im Kontaktladen haben wir ein sogenanntes Versorgungsangebot. Das ist der Teil der ganz stark eben das Niedrigschwellige darstellt. Wir wollen über Angebote überhaupt die Leute erreichen und es sollen auch sinnvolle Angebote sein. Eines dieser Angebote ist ein subventioniertes Mittagessen, das täglich frisch gekocht wird. Das ist das was du dann so riechst.

Wolfgang
Heute hat´s ja besonders gut gerochen

Dietmar
Stimmt,. Wenn in heißem Fett dann die Zwiebeln, Fleisch und Knoblauch angeschmort werden, das riecht man dann.

Wolfgang
Stimmt, des riescht mer werklich.

Dietmar
Das ist ein Teil des Versorgungsangebotes des Kontaktladens. Wir haben 4 Kochplatten und sind deshalb bei der Obergrenze angelangt. Pro Tag geben wir 45 bis 50 Portionen aus. Mehr schaffen wir einfach nicht.

Wolfgang
Und was kostet ein Essen?

Dietmar
Ein Essen kostet DM 2,–.
Seit ersten März diesen Jahres haben wir verlängerte Öffnungszeiten. Von täglich 10.00 bis 18.00 an 7 Tagen in der Woche einschließlich Sonn – und aller Feiertage wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten usw.

Wolfgang
Dazu benötigt man eine Menge Personal. Aus wieviel Mitarbeitern besteht Euer Team?

Dietmar
Im Kontaktaden arbeitet immer eine hauptamtliche, qualifizierte Kraft – das heißt eine Sozialarbeiterin oder Sozialarbeiter, die sich in Drogenfragen oder zumindest auch in Bereichen auskennen, die damit zusammenhängen, den wir haben neben den Versorgungsangeboten wie Essen, Spritzentauschen, Duschen, Kleiderkammer, Waschmaschine usw. haben wir auch ein Beratungsangebot. Versorgungsangebot heißt wir wollen an die Leute rankommen, wir wollen das sie zu uns kommen und wenn sie dann bei uns sind, dann wollen wir ihnen auch die Möglichkeit bieten, wenn einer Hilfe braucht das er die qualifiziert bekommt.

Wolfgang
Das heißt wenn jemand zu Euch kommt, der auf der Straße wohnt, und ne Wohnung will, . . .

Dietmar
. . . dann würden wir sofort die Wohnungssicherungsstelle anrufen, mit den Kollegen dort sprechen, ihnen den Fall schildern und für ihn oder sie einen Termin ausmachen und – falls notwendig – ihn dorthin begleiten.

Wolfgang
Wenn jemand zur Bewährung entlassen wird, . . .

Dietmar
Im Grunde genommen mit allen Belangen die jemand beschäftigen der Drogenabhängig ist und alleine nicht mehr in die Gänge kommt. Es kann auch einer kommen und sagen: „Ich hab jetzt die zweite Mahnung von meinem Vermieter bekommen“ oder“ Ich hab jetzt ein Urteil, weil ich meine Gläubiger nicht mehr befriedigen kann, bekommen und ich hab schon wieder neue Schulden, neue Probleme, wer kann mir den mal helfen?“ Dann sind wir auch für die Leute da. Wir schauen mit Ihnen zusammen ob sich eine sofortige Lösung anbietet wie z.b einen Schriftsatz für den Gläubiger aufsetzen oder wenn nötig steigen wir in ne Schuldnerberatung ein.

Wolfgang
Schuldnerberatung macht ihr das selbst oder nehmt ihr die Hilfe einer externen Schuldnerberatung in Anspruch?

Dietmar
Beides. Wir haben Kontakt zu Schuldnerberatungen der Kommune und zu den der Landkreise und wir haben auch Personal das dafür qualifiziert ist, sich diesbezüglich fortbildet um es hier im Haus machen zu können. Alles was anfällt machen wir im Rahmen einer Clearingstelle. Zuerst schauen wir „Um was es geht“ und „Was ist möglich“ und dann versuchen wir gleich vor Ort die Richtung zu kriegen.

Wolfgang
Das Verständnis von Drogenabhängigkeit hat sich im Laufe der Zeit gewandelt, hat eine Wandlung erfahren.

Dietmar
Es geht um alle Aspekte des Lebens, Dinge die jedem nicht Süchtigen, nicht Drogenabhängigen auch passieren können.
Was wir jedoch nicht machen ist – wir sind keine Konkurrenz  zu bestehenden Einrichtungen. Das heißt wenn jemand zu uns kommt und eine Therapie machen will, den schicken wir wieder weg weil wir dafür nicht die Fachabteilung sind. Das ist Aufgabe der Drogenberatungsstelle. S
Das gleiche gilt für spezifische Fragen zu HIV, AIDS und Hepatitis C sowie andere übertragbare Krankheiten die im Rahmen des Gebrauches sowie der Beschaffung von Geld für Drogen auftreten können. Da halten wir uns raus.
Dafür gibt es die AIDS Hilfen sowie die Gesundheitsämter. Wir sind nicht omnipotent. Unser Bestreben ist es eine vernünftige Vermittlung zur Fachabteilung zu leisten. Natürlich geht ist es nicht immer möglich. Du kennst Drogenabhängige, ihre Zusagen sind nicht immer verbindlich. Da werden Termine und Absprachen nicht eingehalten. Da wir das wissen und die Leute kennen, versuchen wir schon im Vorfeld darauf hinzuarbeiten, das es funktioniert. Das heißt wenn wir sehen das es jemand aus eigener Kraft nicht schafft, dann begleiten wir ihn oder sie selbstverständlich. Wir nehmen uns die Zeit für denjenigen, machen einen Termin wo auch immer für ihn aus und begleiten ihn.

Wolfgang
Wenn jetzt jemand zu Euch kommt und sagt: Leute ich hab die Schnauze voll, ich will mit dem Drogen nehmen aufhören und ins PKH Heppenheim zum Entzug, dann leitet ihr das in die Wege!

Dietmar
Gut das du das ansprichst. Wir kooperieren mit Heppenheim. Unsere Substitutionsambulanz wird von Ärzten des PKH Heppenheim betreut. Wir haben einen Kooperationsvertrag mit dem PKH Heppenheim angeschlossen. Die Ärzte aus Heppenheim substitionieren in unserm Haus. Sie kommen zu uns und sind auch mit uns im Team. Von daher haben wir natürlich einen guten Kontakt zu Heppenheim. Der Kooperationsarzt bzw. Ärztin stehen uns natürlich so nah das wir über sie auch kurzfristig wenn nötig Termine für diese Einrichtung machen können. Des weiteren sind wir personell so ausgestattet – um noch mal auf deine Frage bezüglich des Personals zurück zu kommen – das wir  falls notwendig, auch kurzfristig und aus dem Stand heraus jemand zum Entzug nach Heppenheim fahren können. Wir verfügen über zwei Dienstwagen so daß es auch von daher gesehen kein Problem für uns darstellt. Wenn also jemand nachher kommen sollte und sagt, das er die Schnauze von Drogen nehmen voll hat und wir an diesem Tag einen Entzugsplatz bekommen können, dann ist es kein Problem für uns ihn am gleichen Tag dorthin zu fahren.

Das ist ja ein großes Problem für Leute die Drogen nehmen. Viele wollen aufhören, doch wenn dann der Moment gekommen ist, an dem ein Entzugsplatz in einer Klinik für sie frei ist, dann gibt es immer noch etwas „sehr wichtiges da sie unbedingt noch vorher erledigen müssen“. In dieser Beziehung ist es wirklich sehr gut, das ihr die Leute unterstützt, ihnen beisteht und sie – um es mal bildlich auszudrücken – an der Hand nehmt und sie dorthin bringt. Das ist schon ein wichtiger Aspekt, diesen moralischen und seelischen Beistand zu geben, zu sagen: „Komm es ist ja nicht so schlimm“ oder „Ich bin ja dabei“.

Dietmar
„Ich halt jetzt deine Hand und fahr dich hin. Und wir machen das jetzt sonst machst du es nie.“ Genauso sehen wir das auch. Deswegen finden wir es auch sinnvoll. Das ist auch ein Stück Niedrigschwelligkeit.

Wolfgang
Mit dem Wort „Niedrigschwellig“ hab ich so meine Probleme. Ich würde dies eher als menschlich, als Mensch sein bezeichnen.

Dietmar
Ich bezeichne es absichtlich als Niedrigschwellig weil das Prinzip von Beratungsstellen immer noch das ist, sie sagen: Wenn jemand wirklich will, dann muß er das alleine auf die Reihe bekommen. Und das ist ein sehr Hochschwelliger Anspruch.

Wolfgang
Gut. Wenn man von der Definition wie es Sozialpädagogisch bzw. soziologisch definiert wird ausgeht hast du recht, aber wenn man den ganzen Krempel mal außer acht läßt, ist es im Grunde eine ganz menschliche Sache. Du bist für den anderen einfach da wenn er dich braucht.
Das Gefühl was dabei rüberkommt ist, „Da ist einer der sorgt sich um mich, der macht sich Gedanken um mich. Ich bin – ihm – doch etwas wert. Das haben die meisten ja verloren.“

Dietmar
Und es hat auch etwas mit Disziplin zu tun. Dieses Planende wie es in den Beratungsstellen läuft setzt eine Disziplin voraus, die jemand der Süchtig ist einfach nicht hat. Von daher machen wir es ungeplant, ohne Termin und auch nicht so diszipliniert. Wir machen es aus dem Stand heraus, spontan. So wie es die Lebenssituation im Moment gerade bringt bzw. erfordert. Und dann war es entweder falsch oder richtig. Das wissen wir dann im Nachhinein.

Jetzt komm ich noch mal zurück auf deine Frage bezüglich des Personals. Wir brauchen viel Personal und wir haben auch viel Personal.
Im einzelnen heißt das: Für den Kontaktladen haben wir 7 x 9 Stunden für die wir Personal benötigen. Wir haben 8 Stunden Öffnungszeiten und jeweils 1 Stunde für Vor- und Nachlauf. Das heißt wir brauchen 63 Stunden Hauptamtliche pro Woche und brauchen 63 x 2 studentische Aushilfen. Wir haben nämlich immer einen Hauptamtlichen sogenannten qualifizierten Mitarbeiter für dies Hilfen und 2 studentische Aushilfen für den Versorgungsbereich. Die Studenten sind zuständig für Einkaufen, Essen kochen, Spritzentausch, Kleiderkammer usw. Das heißt für den Kontaktladen haben wir 3 x 30 Stunden pro Woche, als 3 Hauptamtliche KollegenInnen und 19 studentische Aushilfen.
Oben in der Substitutionsambulanz haben wir 1 ½ Stellen für die psychosoziale Betreuung, haben 1,5 Arztstellen in Kooperation und haben 1,5 Pflegerstellen auch in Kooperation.  Diese sind fest angestellt beim PKH Heppenheim, arbeiten aber bei uns.
Dann haben wir 3 x 30 Stunden Streetwork pro Woche und haben für die Streetworker auch noch mal studentische Aushilfen. Jeder Streetworker hat eine studentische Aushilfe die den Streetworker mit draußen begleitet bzw. zu arbeitet.
Und dann gibt es mich als Einrichtungsleiter. Ich bin hauptsächlich für die Personalverwaltung und Konzeptionsarbeit zuständig, springe aber in alle Bereiche ein wenn´s eng wird. Das heißt wenn ein Kollege oder eine Kollegin ausfällt dann bin ich da.

Wolfgang
Und du bist auch derjenige der sich mit dem Magistrat auseinanderzusetzen hat, bzw. ihm gegenüber Rechenschaft abliefern muß.

Dietmar
Ich habe die Konzeption bzw. den konzeptionelle Auftrag muß ich umsetzen. Ich habe einen Haushalt zu verwalten. Meine Aufgabe ist es wenn das Konzept erweitert wird wie z.B. die Beschäftigungsförderungsprogramme, wenn also ein neues Projekt anläuft, dann schreibe ich die Konzeption, vertrete die Konzeption nach außen, stelle sie auch in der Öffentlichkeit vor und bin dann für die Umsetzung verantwortlich. Wenn mir dafür Gelder zur Verfügung gestellt werden dann muß ich diese verwalten.

Wolfgang
Kannst du dem Magistrat neue Ideen vortragen oder sind kommt die Vorgabe vom Magistrat, sind die Projekte Vorschläge des Magistrates?

Dietmar
Der Magistrat geht davon aus das ich das Know-how und die Fachkompetenz liefere. Die Stadt hat verschiedene Formen des Management. Es gibt einen sogenannten kommunalen Präventionsrat und da wiederum gibt es eine Untergruppe Arbeitsgruppe „Drogenhilfe“. Das wird geleitet und gemanagt von Frau Dr. Mohr – der Leiterin der Sozialverwaltung. Sie erstellt bzw. erarbeitet einen Drogenbedarfsplan. Dieser Plan ist in das drogenpolitische Papier der Stadt Darmstadt eingeflossen. Aus ihm geht hervor was gemacht werden muß, was fehlt bzw. notwendig ist um eine sinnvolle, der Realität Rechnung tragende Drogenarbeit zu gewährleisten. Meine Aufgabe ist es aus meiner Praxis heraus, aus dem laufenden Tagesgeschäft zu sagen. Das ist wichtig, das sollte jetzt umgesetzt werden wie z. b., das es wichtig ist sich um Entzugsplätze zu kümmern, das es wichtig ist für Leute die Ausstiegsorientiert, die Ausstiegswillig sind eine Arbeit zu finden, es ist wichtig stelle ich fest für Leute die auf der Straße wohnen ein Dach über dem Kopf zur Verfügung zu stellen. Das heißt ich muß aus dem Laufenden heraus Mitteilung machen was Drogenpolitisch Sinn macht oder keinen Sinn macht und da stoße ich schon auf offene Ohren.

Wolfgang
Das heißt also wenn du aus deiner täglichen Arbeit heraus die Notwendigkeit für ein bestimmtes Angebot feststellst, dann kannst du dies vortragen und es wird dann entsprechend schnell reagiert.

Dietmar
Ich habe verschiedene Möglichkeiten es mitzuteilen. Ich habe einen Dienstvorgesetzten, meinen Auftraggeber das ist im Moment Frau Celine Fries – erste Kreisbeigeordnete vom Landkreis Darmstadt – Dieburg – Vorsitzende des Zweckverbandes. Der Zweckverband ist mein Arbeitgeber. Das heißt ich kann meiner Chefin oder dem stellvertretenden Chef direkt mitteilen was wichtig ist. Das ist die eine Möglichkeit. Ich kann – nach Rücksprache mit meinem Vorgesetzten – über die Presse mitteilen was wichtig ist, ich kann dies über den Jahresbericht mitteilen was wichtig ist und ich kann eigenständig Konzeptionen entwerfen, die im Vorwort den Zustand beschreibt und den Sinngehalt der Maßnahme erklärt und kann dann diese Konzeption zur Prüfung und Billigung vorlegen.

Wolfgang
Wie lange dauert es von der Prüfung bis zur Umsetzung eines Konzeptes?

Dietmar
Darmstadt will eine moderne Drogenpolitik machen – von daher geht es in Darmstadt relativ schnell. Die Entscheidung Streetwork zu installieren hat vom Einreichen des Konzeptes bis zur Genehmigung und Umsetzung ca. ein ¾ Jahr gedauert. Der Kontaktladen – das Scentral – hatte einen relativ langen Vorlauf. Von der Konzeption bis zur Umsetzung hat es fast 2 Jahre gedauert. Von 1994 – bis 1996 wurde daran gearbeitet bis es Entscheidungsreif war. Als ich 1996 anfing war konzeptionell die Entscheidung über den Kontaktladen  und die Substitutionsambulanz schon getroffen. In den letzten 4 Jahren – wurde das Projekt Streetwork umgesetzt, die Aufstockung von Substitutionsplätzen von 20 auf 60 in der Ambulanz durchgesetzt, das Projekt Notschlafplätze – zu dem komme ich gleich – wurde entschieden und das Beschäftigungsprojekt für Substituierte befindet sich zur Zeit in der Endphase Entscheidung. Das heißt innerhalb von 4 Jahren sind drei weitere Bereiche zu den bereits bestehenden dazugekommen. Wenn man bedenkt wie lange es mitunter dauern kann bis auf politischer Ebene Konzepte umgesetzt werden, dann muß man sagen, hier hat die Stadt Darmstadt sehr effektive und effiziente Arbeit geleistet.

Wolfgang
Was hat es mit dem Projekt Notschlafplätze auf sich?

Dietmar
Das Angebot Notschlafplätze können diejenigen in Anspruch nehmen die auf der Straße leben bzw. keinen festen Wohnsitz haben. Wir werden ca. 20 Schlafplätze zur Verfügung stellen können, die zunächst einmal nach Männlein und Weiblein getrennt sein werden. Wenn ich jedoch weiß das da ein obdachloses Pärchen ist, dann werde ich zusehen das die beiden in ein Zimmer kommen. Insofern versuchen wie auch hier der Realität Rechnung zu tragen.
Es gibt auch Frauen die wollen von Männer ihre Ruhe haben, ich denke da besonders an diejenigen Frauen die anschaffen gehen, also sich Geld für Drogen durch Prostitution beschaffen.

Die Aufnahme soll morgens in der Zeit zwischen 0.00 – 2.00 erfolgen, so daß auch gerade Frauen die anschaffen gehen müssen die Chance haben reinzukommen. Viele bestehende Schlafmöglichkeiten in anderen Kommunen nehmen ab 22.00 niemand mehr auf. Ich will nicht das Drogenabhängige Frauen dann aus lauter Verzweiflung mit den Freiern mitgehen müssen.

Die Aufnahme findet also nicht vor 24.00 statt und spätestens um 10.00 morgens am anderen Tag müssen sie das Haus verlassen. Um 2.00 erfolgt die letzte Aufnahme und ab 2.oo ist dann absolute Bettruhe. Ich denke auch jemand der Drogen nimmt braucht seinen Schlaf. Um 10.00 müssen die Leute auch deswegen das Haus verlassen weil ich nicht genug Personal zur Verfügung habe um 24 Stunden abzudecken. Um 10.00 öffnet der Kontaktladen, das heißt sie können rüber gehen in den Laden. Das Haus mit den Schlafplätzen befindet sich direkt neben dem Kontaktladen. Selbst wenn sie dann bis um 11.00 frühstücken sollten, haben sie immer noch eine Stunde Zeit um z.b auf Behörden zu gehen. Das war der Gedanke dabei als wir sagten, das um 10.00 das Haus leer sein muß.

Wolfgang
Von der Lokalität her gesehen ist das ein tolles Setting, wie man Neudeutsch sagt. Schlafplätze, Ambulanz, Kontaktladen alles auf dem gleichen Gelände. Bei vielen Kommunen die auch solche Angebote zur Verfügung stellen sind diese über die ganze Stadt verteilt.

Dietmar
Darüber sind wir auch sehr glücklich. Um noch mal auf das Thema – wie schnell es von der Konzeption bis zur Umsetzung dauert – das Konzept und die dafür notwendigen Gelder wurden vor mehr als 1 Jahr schon bewilligt. Nur war es die ganze Zeit so, ein Mieter aus dem Haus nicht rausgegangen ist. Zur Zeit haben wir das Vorderhaus, das Haus neben dem Kontaktladen auf dem gleichen Grundstück. Ich hoffe das wir mit dem Renovieren und dem Einrichten bis zum Ende des Sommers fertig sind, so daß wir im Herbst dieses Jahres das Angebot Notschlafplätze den Leuten zur Verfügung stellen können.
Faktisch bedeutet das: Wenn jemand Obdachlos ist kann er von 24.00 bis 10.00 am anderen Tag bei uns schlafen und kann sich tagsüber bis 18.00 im Kontaktladen aufhalten. Das heißt, für diejenigen die gar nichts haben, haben wir eine Versorgungslücke von 18.00 bis 24.00. Die Zeit muß er halt irgendwie rum kriegen. Vielleicht ändert sich das irgendwann auch einmal.

Wolfgang
Wie lange kann jemand das Schlafangebot in Anspruch nehmen. Gibt es Fristen wie z.B. maximal eine Woche am Stück?

Dietmar
Nein. Diesbezüglich gibt es keine Begrenzungen und zwar deswegen nicht weil es Menschen gibt die einfach nicht wohnfähig sind. Das heißt, manche Drogenabhängige sind ausschließlich damit beschäftigt sich Mittel für Drogen zu beschaffen und Drogen zu nehmen. Sie sind ständig zu und aggressiv und diesen Leute Wohnraum zu beschaffen ist sehr schwer wenn nicht aussichtslos. Sie sind um es klar auszudrücken eine Zumutung für Nachbarn. Leider ist dies eben auch ein Teil dessen was durch die Krankheit Sucht zum Ausdruck kommt. Gerade diese Leute sollen die Chance haben – wenn es denn sein muß – für sagen wir zwei Monate ein Dach über dem Kopf zu haben.
Wenn jemand z.B. 4 Wochen dieses Angebot in Anspruch genommen hat, dann schauen wir schon nach einer Möglichkeit ihn menschenwürdig unterzubringen. Das heißt wir versuchen für ihn und mit ihm eine Unterkunft zu finden.
Über eines muß man sich jedoch im Klaren sein. Die Notschlafplätze sind kein Zuckerschlecken. Ich werde in gewisser Hinsicht knallhart vorgehen. Keiner wird seine Kleider mit auf die Zimmer nehmen. Du wirst unten – im Erdgeschoß – aufgenommen. Man hat die Möglichkeit sich zu duschen oder zu waschen, je nach dem. Danach bekommst du einen Schlafanzug und einen Morgenmantel, alles  ohne Taschen und deine Kleider kommen in einen Spind. Keine Pillen, keine Kippen und kein Dope auf dem Zimmer. Wenn jemand um 24.00 noch ein Druck braucht, kann er noch mal für 2 Stunden das Haus verlassen. Das heißt die Zimmer sind sauber. Das mache ich deswegen weil ich von vielen Leuten weiß, es gibt eben ne Zeit wo selbst der knallhärteste Junkie sich wünscht mal in Ruhe gelassen zu werden.
In den Notschlafplätzen werden auch Leute sein die evtl. von einer Therapie kommen, die gerade einen Entzug hinter sich gebracht haben oder es werden Leute ihren Hafturlaub hier verbringen und sich sagen: Ich will meinen Hafturlaub so sauber wie möglich rumbringen. Für sie ist es gleichzeitig ein Schutz, für sie soll es einen geschützten Raum geben. Und ich will ganz einfach nicht das es auf den Zimmer einen Toten gibt. Wenn jemand bis Nachts um 2.00 Uhr Drogen nehmen will, dann kann er danach kommen und 6 oder 8 Stunden schlafen.

Wolfgang
Du hast vorhin noch ein weiteres Projekt angesprochen, das demnächst umgesetzt werden soll. Was hat es damit auf sich?

Dietmar
Mit der städtischen Abteilung „Beschäftigungsförderung“ läuft jetzt ein Modell für substituierte Drogenabhängige an. Es ist ein Programm das für diejenigen in Frage kommt, die Methadon gestützt leben. Aus diesem Personenkreis werden wir Leute rekrutieren, die zu Methadon keinen Beikonsum von Drogen haben. Den darüber wollen wir uns nichts vormachen; viele von denen die mit Methadon substitioniert werden haben einen Drogenbeigebrauch.
Über das Methadonprogramm hinaus werden wir Uk´s – Urinkontrollen – durchführen. Es soll  Leuten einen Wiedereinstieg ins normal Berufsleben ermöglichen. Im normalen Arbeitsleben können sie es sich auch nicht leisten nebenbei Drogenabhängig zu sein. Von daher haben sie die Chance es bei uns ein Jahr lang zu trainieren. Der Arbeitgeber ist die Stadt Darmstadt und sie werden aus städtischen Mitteln bezahlt. Unserer Einrichtung entstehen keine Kosten. Was an Kosten bei uns anfällt wird vom „Förderverein Drogenhilfe“ bezahlt. Im „Förderverein Drogenhilfe“ haben sich Darmstädter Geschäftsleuten zusammen getan die für die Drogenhilfe Geld sammeln und diese uns dann zur Verfügung stellen.
Für das Projekt Notschlafplätze erhalten wir vom „Förderverein Drogenhilfe“ DM 25.000,– für eine Industriewaschmaschine und einen Industriewäschetrockner.  Dieser Förderverein stellt auch für diese Arbeitsprojekte DM 6.000,– zur Verfügung. Von diesen DM 6.000,– werden wir Arbeitsgeräte und Arbeitsmittel anschaffen.
Das Arbeitsprojekt findet in Zusammenarbeit mit der Stadt Darmstadt statt. Das heißt wir überlegen uns Projekte in denen die Leute einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen können. Eines der Projekte wo zwei Leute einer Beschäftigung nachgehen werden ist bei der ehemaligen Müllabfuhr, des EAD – Eigenbetrieb Abfallwirtschaft Darmstadt. Diese werden speziell dafür eingesetzt um weggeworfene Spritzen aufzusammeln. Diese Leute bekommen von der Stadt Darmstadt einen auf ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag und sind für diese Zeit beim EAD fest angestellt. Die Stundenzahl ist variabel den Substitutionierte sind zum größten Teil kranke Menschen – entweder sind sie HIV positiv oder haben verschiedene Formen von Hepatitis oder sonstige körperliche Nachteile – sind also nur noch in der Lage eine Teilzeitarbeit auszuüben. Die wöchentliche Stundenzahl wird sich also zwischen 20 und im günstigsten Fall 40 Stunden bewegen.
Vielen Drogenabhängigen fehlen nur noch ganz bestimmte Rentenbeitragszeiten. Wir beginnen mit 3 Leuten die alle über 50 Jahre alt sind, die also keine Chance mehr haben auf dem normalen Arbeitsmarkt eine Anstellung zu finden. Wenn diese Leute sich aus einer ungekündigten Position heraus bewerben dann erhöht sich natürlich die Chance einer Anstellung bei anderen Arbeitgebern. Zumal wenn aus der Bewerbung hervorgeht das sie bei der Stadt Darmstadt angestellt sind.
Das ergänzende Spritzen einsammeln soll Bürgernah sein. Das heißt wenn jemand anruft und sagt, das bei ihm hinter seinem Haus Spritzen liegen, dann kommen unsere Leute und entsorgen diese Spritzen. Das ist das eine Projekt. Natürlich werden diese Leute auch beim EAD als Urlaubsvertretung oder bei Krankheit eines städtischen Bediensteten eingesetzt oder bei Veranstaltungen wie dem Heinerfest. Es soll eine sinnvolle Ergänzung für den EAD sein.
Dann planen wir einen kleinen Bautrupp ins Leben zu rufen. 3 Leute die über handwerkliches Know How und – oder Geschick wie mauern, verputzen und anstreichen verfügen werden erst mal unser Anwesen hier auf Vordermann bringen. Wenn sich heraus stellt das sie es bei uns gut können, das die Leute einsatzfähig sind, dann werde ich auf Aquise gehen und versuchen solche Arbeitsbereiche zu finden wo ich diese Leute zu vermitteln kann. Ich denke dabei an z.B. an Jugendhäuser oder Garagen die neu gestrichen werden müssen. Eine Sache die schon angelaufen ist, ist der Pavillon im Herrengarten. Über den dafür zuständigen Bürgermeister haben wir den Auftrag bekommen den Pavillon, der immer bunt bemalt ist, weiß anzustreichen.
Des weiteren wird es noch zwei weitere Teilzeitstellen in unserer Kleiderkammer geben, damit wir dieses Angebot täglich anbieten können. Insgesamt wollen wir auf 7 Stellen kommen und diese auf 1 Jahr erproben um zu sehen ob es Sinn macht oder nicht. Die große Frage ist natürlich auch: Finden sich genügend Leute dafür. Die meisten Drogenabhängigen sind es seit Jahren nicht mehr gewohnt einer geregelten Arbeit nachzugehen. Und es gibt auch ganz viele die sagen sich: „Na ja, wenn ich dann halbtags arbeiten geh, dann muß ich meine Wohnung ja selbst bezahlen und am Ende bekomme ich eh nicht mehr Geld als ich zur Zeit vom Sozialamt habe. Wenn ich unter dem Strich nur DM 60,– mehr habe, also dann geh ich nicht arbeiten“.

Wolfgang
Was ich aus all dem heraus gehört habe ist, das jeder sein eigenes Tempo hat, seine eigene Zeit braucht um Dinge anzugehen. Ihr gebt Ihnen die Zeit die sie brauchen.

Dietmar
Genau. Wir lassen ihnen die Zeit die sie brauchen. Unsere Streetworker begleiten sie auch ½ Jahr wenn es sein muß. Ich bin froh das wir uns das leisten, das wir auch das Personal dazu haben um diese leisten zu können, wobei es auch einzelne Bereiche gibt wo einzelne Kollegen ob des Tempos und der damit einher gehenden Probleme mit den Ohren schlackern.

Wolfgang
Bleibt dir da überhaupt noch Zeit um an Fachtagungen teilzunehmen?

Dietmar
Das hab ich in den letzten 4 Jahren vernachlässigt – auch ganz absichtlich. Ich habe gemerkt das 4 Stunden hinter dem Tresen stehen und Essen kochen unter dem Strich mehr bringen kann als 3 Stunden „Theoretisieren“ mit Fachkollegen. Es mag sich sarkastisch anhören, aber es wird auch viel zerredet. Mir war und ist die praktische Arbeit vor Ort wichtiger.
Es gibt Kollegen die sagen: „Ach du lieber Gott der ist als Streetworker unterwegs und ist doch Sozialarbeiter, da setzt der sich mit in den Bus und packt mit an“. Das ist auch Sozialarbeit. Wenn ich weiß das ganz bestimmte Dinge im Leben manchmal wirklich daran scheitern, daß man im richtigen Moment kein Auto hat oder einer der mit anpackt, . . .
Daran hängt es manchmal. Wenn man Kleinigkeiten bewegt das kann das der Anfang einer großen Bewegung sein. Von daher ist mir die praktische Arbeit vor Ort wichtiger als groß Herum zu reisen und zu vergleichen. Irgendwann kommt die Zeit da werde ich mich austauschen, im Moment jedoch nicht.

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2 Antworten zu Interview mit Dietmar Lange “Cafe Scentral” Darmstadt – 1998 – Teil 1

  1. Dietmar schreibt:

    Hi Wolfgang,
    ich habs noch mal überflogen. Meine Güte, wie die Zeit vorbeirast!!!
    Also unser Folgegespräch sollte stattfinden, zumal es ja die Stadtgeschichte fortschreibt. Was hälst du vom 22.08. 10.00 Uhr??
    Liebe Grüße Dietmar, du hast ja meine Nummer

  2. Pingback: Schuldnerberatung DarmstadtPleite

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