Ich bin HIV positiv, ham Sie`n Problem damit . . . . ?


Dieser Satz in der Überschrift ist die erste Frage die ich einem Arzt stelle den ich das erste Mal aufsuche. “Normalerweise” so sollte man meinen würde jeder Arzt allen Patienten unabhängig um das Wissen einer Krankheit unvoreingenommen gegenübertreten und alle gleich behandeln. Weit gefehlt Stigma und Diskriminierung sind heute 30 Jahre nach HIV in Deutschland immer noch Alltag.

Ich muß mich outen
Ich muß jedem sagen das ich HIV positiv bin
Dann geht es mir besser
Dann fühle ich mich befreit

* * *

Auf vielen HIV Positiven lastet ein innerer Zwang – Druck sich ihrem Umfeld, anderen Menschen gegenüber zu outen das sie HIV Positiv sind.

Diesen Druck kenne oder besser gesagt den kannte ich sehr gut. Ich habe ihn lange genug mit mir herum getragen.

Wieso muß ich meiner Briefträgerin sagen das ich HIV + bin? Wieso habe ich diesen Zwang meinen Nachbarn beim samstäglichen Strasse kehren zu erzählen, das ich HIV positiv bin? Woher kommt dieser innere Druck den Hausbewohnern beim sommerlichen Grillfest im Garten zwischen Spareribs und Gemüsespiess zu sagen das ich HIV positiv bin?

Es gibt Formen des Zusammenwohnens, des Zusammenlebens da steht es außer Frage schon vor dem Einzug z.b. in einem Aufnahmegespräch gegenüber meinen zukünftigen  MitbewohnernInnen von meiner HIV Infektion zu sprechen. Solche Wohnformen sind aber die Ausnahme.

Ich bin wie viele von uns schon seit Jahren Rentner, beziehe eine Erwerbsunfähigkeitsrente und habe, so könnte man sagen “leicht reden”. Leicht reden deshalb weil ich in keinem Arbeitsverhältnis mehr stehe, weil ich mich in keiner Abhängigkeit befinde .

ABHÄNGIGKEIT

Ich bin heute nicht mehr abhängig von der Angst. Es war die Angst die mich jahrelang hat schweigen lassen, das ich HIV + bin. Wenn ich es (m)einem Freund, (m)einer Freundin, PartnerIn, Eltern sage, werden sie mich dann ablehnen? Werden sie sich von mir zurückziehen und mir sagen das sie mich nicht mehr mögen? Ich habe Angst davor dass das passieren könnte, das sie mir ihre Zuneigung, ihre Liebe entziehen. Ich habe Angst das sie dann, wenn ich Ihnen sage das ich HIV positiv bin nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Ich habe Angst das ich dann den bzw die Menschen verlieren würde die ich liebe, die ich gerne habe. Ich habe Angst vor diesem Schmerz der entsteht, wenn sie sagen: “Ihhhh Du bist HIV positiv. Geh weg. Ich hab Angst vor Dir das du mich ansteckst. Ich will mit Dir nichts mehr zu tun haben”.

Da nützt auch das Wissen nichts das es eine irrationale Angst ist die mit Unwissenheit zu tun hat, die dazu führt das man mich ablehnt. Abgelehnt, zurückgestoßen zu werden fühlt sich schlicht und einfach beschissen an. Es tut weh. Es ist schmerzhaft wie ein Stich mit dem Messer. Und – Ich will keinen Schmerz. Dennoch kann und wird es passieren das man abgelehnt wird weil man HIV Positiv ist.

Von einem Menschen der einem Nahe stand auf einmal abgelehnt zu werden, verlassen zu werden, einen Menschen zu verlieren, das ist immer schmerzhaft.

Im pers Umfeld wird man sehr oft feststellen, das die Angst jemand zu verlieren wenn man sagt das man HIV positiv ist unbegründet war. Es war das Bild das man im Kopf hatte, es war die ANGST vor der man Angst hatte das es zutreffen könnte. Natürlich kann und wird es  passieren das sich Menschen abwenden, das man auf diesem Weg Menschen verliert. Letztendlich hat man auf das Tun und Handeln, die Reaktionen eines anderen Menschen keinen Einfluß, keine Kontrolle. Dieser Kontrollverlust, die Angst die Kontrolle zu verlieren, die Angst das ein Ereignis, eine Situation eintreten könnte die man nicht mag, nicht “haben” will, diese Angst hemmt bzw verhindert das wir uns “Gut tun”. Stattdessen passiert oft das was wir im Grunde genommen nicht wollen, wir schaden uns selbst, tun uns selbst nicht gut.

Und es wird schmerzhaft sein. So wie es schmerzhaft ist wenn ein Freund die Freundschaft kündigt, sich von Dir abwendet, wenn eine Ehe oder Beziehung in die Brüche geht. Der Unterschied jedoch ist der, das wir davon ausgehen das eine Ehe, eine Partnerschaft oder eine Beziehung nie in die Brüche gehen wird und das wir oftmals selbst daran glauben das HIV anderen Menschen ANGST macht bzw wir wegen unseres Status “HIV positiv” keinen PartnerIn finden würden.

Im Alltag von Menschen abgelehnt zu werden heißt u.U. das man den Job verlieren könnte wenn man seine Infektion offenlegt. Dagegen kann man vorgehen. Gott sei Dank sage ich da nur.

Klar der hat gut reden, der is Renter. Der ist in keiner ABHÄNGIGKEIT mehr.

Stellt sich hier die Frage warum soll/muß ich fremden Menschen, Nachbarn sagen das ich HIV + bin? Mir würde es auch nicht in den Sinn kommen meinem Nachbarn zu sagen das ich gestern in einem Swingerclub war. Einen inneren Druck ihm das sagen zu müssen habe ich auch nicht. Warum verspüre ich diesen inneren Druck mich outen zu müssen weil ich HIV positiv bin, warum fühlt es sich wie ein Zwang an mich outen zu müssen?

Ob ich auch so locker flockig reden, schreiben würde wenn ich noch arbeiten gehen würde? Mit dem Wissen das ich heute habe, denn das wär ja das gleiche, würde ich wissen das ich für einen längeren Zeitraum krank werden könnte. Schon aus diesem Grund würde ich es meinem Chef, meinen Vorgesetzten und auch den KollegenInnen in meinem unmittelbaren Umfeld sagen. Alles andere wäre situationsbedingt, wäre eine Frage des Ermessens und abwägens. Aber auch hier. In dem Moment wo ich ein Wort gesagt habe, habe ich keinen Einfluß darauf wie es aufgenommen wird, wie andere Menschen damit umgehen.

* * *

Dieses Gefühl, dieser Druck es sagen zu müssen das ich HIV positiv bin den hatte ich als ich Mitte der 90ger Jahre eine Ausbildung/Umschulung als Erzieher angefangen habe. Ich ging zu meinem damaligen Klassenlehrer und habe ihm “mit zwischen den Schultern eingezogenem Kopf schuldbewußt gestanden das ich HIV positiv bin”.  Er schaute mich an und sagte: Sie haben die gleiche Leistung zu erbringen wie alle anderen auch. Alles andere interessiert mich nicht. Von mir bekommen sie keine Sonderbehandlung.

Da stand ich nun mit meinem Schuldgefühl “HIV Positiv zu sein”. Hat er mich doch einfach so im Regen stehen gelassen  . . . .

Danach ging es mir besser. Ich war, fühlte mich befreit. Er hat mir, das ist mir heute klar “den Zahn, das Schuldgefühl HIV + zu sein und die Angst abgelehnt, ausgestoßen zu werden gezogen”. Es war der Anfang einer Auseinandersetzung mir selbst auf einer anderen, meiner persönlichen inneren Ebene. Einer Ebene die mit Vorstellungen und Bildern, Ängsten, Schuldgefühlen und Zwängen zu tun hat, Verhaltensmuster die mir  anerzogen worden sind die, im Kontext zu meiner Sozialisation, mich prägte, ihren Ursprung hatten.  Alles andere ist Alltag, ist Leben und Übung.  Es war auch der Anfang zu erkennen das ich innerlich abhängig war, das es innere Abhängigkeiten gibt, deren Gefangener ich war.

Was mein zu Hause betrifft, ich schließe nichts weg. Das wär ja noch schöner. Auch zu mir kommen fremde Menschen. Sie schauen sich in meiner Wohnung um. Diese Art auf einen Menschen neugierig zu sein, über das seine Wohnung einen ersten EIndruck zu bekommen wer er/sie ist empfinde ich als normal. Sollte man mich auf die vielen HIV Teddys ansprechen warum ich sie sammel, welche Bewandtnis es mit Ihnen auf sich hat, oder mich gar fragen ob ich HIV positiv bin, solche  Assoziationen soll es ja geben, dann antworte ich je nach Lust und Laune, bzw situativ.

Das Gefühl das ich mich weil ich HIV positiv bin verstecken muß bzw den inneren Druck mich outen zu müssen habe ich heute nicht mehr. Ich kann es sagen, klar benennen – muß es aber nicht mehr. Heute bin ich einerseits in der Lage zu differenzieren und andererseits mich situativ zu entscheiden. Es gibt Situationen da ist es für mich stimmig und angebracht i.e. normal das ich über meinen Status “HIV positiv” spreche und es gibt Situationen da wäre es alles andere als sinnvoll. Das eine vom anderen zu unterscheiden, ist einer der Lernprozeße der auf Grund der Situation unserer Gesellschaft durchaus angebracht und somit legitim ist. Innerer Druck, einem inneren Zwang oder sich gar auf Grund von “Gruppenzwang” verpflichtet zu fühlen sich zu outen ohne die Hintergründe/Ursachen bei sich selbst zu hinterfragen sind imo schlechte Ratgeber.

Outen ist für mich in dem Fall ein Prozess des Loslassen von Ängsten und Vorstellungen, von Bildern die ich in mir, mit mir trage. Manchmal wird das Loslasssen schmerzhaft sein. Loslassen ist sehr oft von Abschied nehmen und Trauer begleitet. Sehr oft geht mit “Loslassen” Befreiung von innerem “abhängig sein – Abhängigkeiten” einher.

Wie sagt Marcel: Selbstbewusstsein ist das beste Accessoire!

Recht hat er!

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