Das Schweigen brechen . . . Teil 2


Mit dem Schreiben ist es bei mir wie mit dem Kochen. Zumindest dann wenn es sich um ein Menü anläßlich eines besonderen Anlass handelt. Ob zum Geburtstag meiner alten Dame, oder ein Essen zu dem ich Freunde einlade oder ob es sich um einen der traditionellen Feiertage wie Ostern oder Weihnachten handelt, das Procedere ist immer ähnlich. Da zieh ich die Jahreszeit in Betracht – welche Produkte aus der Region gibt es zur Zeit -, wälze Kochbücher und schaue nach ob und welche Gewürze ich benötige bzw. vorrätig habe. Es ist immer ein Prozess, eine Art Schwangerschaft die da stattfindet. Irgendwann ist dann alles soweit klar. Ab dann geht mir alles recht strukturiert von der Hand. Produkte/Zutaten aufschreiben – einkaufen – vorbereiten – zubereiten – fertig. Und natürlich alles mit der entsprechenden Achtsamkeit. Das alleine gebieten mir schon die japanischen Messer die ich verwende.

Ähnliches findet auch statt bevor ich etwas schreibe. Oft trage ich einen Gedanken oder eine Idee über einen langen Zeitraum mit mir herum. Nicht selten läßt mich ein Thema Nachts keinen Schlaf finden. Es findet der gleiche Prozess in mir statt wie wenn ich mir überlege was ich kochen will. Irgendwann ist es dann soweit. Geweckt vom frühmorgendlichen Gesang der Vögel sitze ich dann mit einer Tasse frisch aufgebrühten Kaffee am PC und bringe meine Gedanken zu Papier. Gut im Moment ist es kurz vor 22.00 Uhr. Wie gesagt mittlerweile bin ich flexibel geworden.

Das ist jetzt das Intro gewesen. Doch wie finde ich jetzt den Übergang zu dem Thema “Das Schweigen brechen . . . Teil 2″ Der erste Teil ist sehr stark geprägt von meiner Vergangenheit. Zum einen spielt die Zeit der Jahre 1968 – 1975 eine nicht unerhebliche Rolle, das Aus und Aufbrechen aus bzw von alten Grenzen, und vielen Erfahrungen aus den letzten 24 oder 25 Jahren, der Zeit seitdem ich mit dem HIV Virus zusammen lebe. Was sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen hat war “Break every Rule”. Ich wußte immer was ich nicht wollte. Was ich wollte wußte ich nicht.  Ich habe so gelebt wie ich wollte, das getan was ich wollte, von dem ich wußte, glaubte, oder annahm das es gut für mich und das richtige sei. In der Informatik bezeichnet man das als “Try and Error”, Versuch und Irrtum. Wikipedia hat da eine wie ich finde gute Erklärung gefunden. Im nachhinein betrachtet würde ich “Try and Error” mit Chaos  gleichsetzen wissend das Chaos das eine wie das andere beinhaltet. Der einzigste Unterschied vom Heute zum Früher ist der das ich vielem seinen Platz zugewiesen haben.

Wie sieht es heute aus? Das harte, rücksichtslose “Break every Rule” gehört der Vergangenheit an und ist einem gemäßigten “Still breaking every Rule, but . . .” gewichen. Was sich mir jetzt eröffnet ist dieses “Get up, Stand up”. Ausschlaggebend war wie Eingangs erwähnt die Erfahrung von 25 Jahren HIV positiv sein und die Geschehnisse  der letzten Tage die mit der Verhaftung einer Sängerin im Zusammenhang standen. Und, was ich wahrnehme ist das sich dieses “Get up Stand up” wandelt. Durch die Art und Weise wie ich in der Vergangenheit lebte habe ich mir immer das genommen was ich als mein Recht erachtete. Das beinhaltet, ungeachtet bestehender gesellschaftlicher Normen, besonders das Recht Fehler machen zu dürfen und können sowie möglicher Konsequenzen derer ich mir von Anfang an bewußt gewesen war. Wobei ich heute sagen muß das es Grenzen gibt, wo – wenn man auf seine Intuition, seine innere Stimme, seinem Bauchgefühl, seinem Gewissen oder wie immer man es auch benennen möchte hört, man “weiß” das man sie nicht übertreten darf. Doch leider haben wir es verlernt auf diese leise Stimme in uns zu hören. So nimmt es nicht wunder wenn das Leben von Irrungen und Wirrungen geprägt ist.

Eine Scene in dem Film “Milk”, eine Rede die Harvey Milk auf der Gay Freedom Parade am 25. Juni 1978 in San Francisco gehalten hat ist der Auslöser eines Gefühls das lange verschüttet gewesen war. Möglicherweise ist es aber auch nur ein Gefühl von dem ich meine das ich es kenne und es mir deswegen bekannt vorkommt. Ich weiß es nicht und – es spielt auch keine große Rolle. Die unten stehende Passage aus seiner Rede habe ich noch mal neu umgeschrieben, sodaß der Inhalt die jüngste mediale Vergangenheit und gegenwärtige Situation wiedergibt bzw. zum Ausdruck bringt.

Wie werden es nicht mehr zulassen das man uns weiterhin stigmatisiert, diskriminiert und kriminalisiert. Wir werden es nicht mehr zulassen das die Medien weiterhin unsere Würde mit den Füßen treten. Wir werden es nicht mehr zulassen das die Medien sich zum Sprachrohr derjenigen machen die HIV Positive als Virenschleudern und Bio Waffen bezeichnen. Wir werden es nicht mehr zulassen das die Medien über uns Mythen und Lügen erzählen, das die Medien die Wahrheit verzerren.
Ich bin das Schweigen leid, also werde ich darüber sprechen.

* * * * *

Ähnliche Beiträge zu diesem Themenbereich:

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, HIV im Alltag, HIV/AIDS, Medien, Politik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Das Schweigen brechen . . . Teil 2

  1. mic schreibt:

    oh ja. auf geht’s. bevor eine der kommenden jugenden sich im geschichtsunterricht die augen reibt und feststellt, wie unerfüllt gehabt ihre träume und wünsche gewesen sein werden. (puh, was ein zeitenkonstrukt…).

    Herzlichen Dank, a lhive & chicken, schön zu lesen, wie jung du bleibst! rock & roll will never die.

  2. alivenkickn schreibt:

    . . . . manchmal wär ich gern wieder so jung wie ich mich fühl, besonders dann wenn ich alt ausseh . . . but than who am i to blow against the wind . . . . ;)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s